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Marburg Alle fahren weg – wir nicht!
Marburg Alle fahren weg – wir nicht!
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08:00 20.07.2022
Wohin mit Miezi? Nicht jeder kann sein Haustier mit in den Urlaub nehmen.
Wohin mit Miezi? Nicht jeder kann sein Haustier mit in den Urlaub nehmen. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Die Sommerferien rücken näher, Koffer werden gepackt, Spielsachen für die Kinder bereitgestellt. Und dann geht’s los. An die Ostsee, die Nordsee, in die Berge, nach Skandinavien oder mit dem Flugzeug in den Süden.

Alle fahren weg. Alle? Keineswegs! Die OP hat mit Menschen Kontakt aufgenommen, die bewusst sagen: „Wir nicht.“ Die Gründe sind vielfältig.

„Ich bleibe dieses Jahr zu Hause, weil es im Sommer hier am schönsten ist. Auf weite Reisen verzichte ich immer noch wegen Corona. Genauso bleibe ich größeren Veranstaltungen fern“, sagt etwa Rita Lehr. Schließlich ist die Pandemie noch nicht vorbei.

Haustiere sind für viele Menschen ein wesentlicher Grund, nicht zu verreisen – vor allem, wenn man keine Tierpension findet oder Freunde oder Nachbarn hat, die sich um die tierischen Familienmitglieder kümmern. „Wir bleiben zu Hause, wir haben Tiere zu versorgen. Die würden nicht verstehen, wenn auf einmal der Lieferservice für Futter und Wasser ausbleibt“, erklärt Bärbel Pfeffer.

Hundeschule statt Strand

Der Gladenbacher Rechtsanwalt Ralf Alexander Becker und seine Frau Maike Bartnik-Becker machen in der Regel ohnehin nur Kurzurlaube, meist über ein langes Wochenende mit zwei oder drei Übernachtungen. „Normalerweise fahren wir aber im Sommer weg. Immer nur eine Woche weg, dann werde ich nervös und muss zurück ins Büro“, sagte er der OP und ergänzt: „Wer weiß, welche Post kommt.“ Post, auf die er als Anwalt schnell reagieren muss. In diesem Jahr haben die beiden selbst diese eine Sommer-Woche gestrichen. Der Grund: „Wir sind auf den Hund gekommen“, sagt der Fachanwalt für Verkehrsrecht und lacht.

Das Ehepaar hat sich für einen Chihuahua entschieden. Einen Namen hat er schon: „Macho“. Er kommt am 30. Juli und wird das Familienleben vermutlich erst einmal auf den Kopf stellen, ahnt Ralf Alexander Becker. Chihuahuas sind die kleinste Hunderasse der Welt. Sie werden eineinhalb bis drei Kilo schwer und passen oft sogar in eine Handtasche. Viele Besitzer von Chihuahuas erziehen ihre Hunde oft gar nicht richtig, weil sie so klein und eigentlich keine Bedrohung für andere sind. Becker weiß das, aber ihr „Macho“ soll erzogen werden, so wie große Hunde auch. Für das Ehepaar heißt es im Sommer also: Hundeschule statt Strand.

Auch Elke Blöcher hat ein Haustier. „Ich bleibe Zuhause der Katze wegen und weil mir das Verreisen keinen Spaß macht: Koffer einpacken, Koffer auspacken. Fremdes Bett, fremde Toilette. Da mache ich lieber stressfrei Tagesausflüge in die Umgebung“, teilte sie auf dem Facebook-Kanal der OP mit. Und die Umgebung hat ja jede Menge zu bieten: Flüsse, Freibäder, Badeseen, tolle Wanderstrecken. Es muss nicht Mallorca sein, zumal es ja auch hier ziemlich heiß werden kann, wie hitzegeplagte Menschen feststellen müssen.

Es gibt viele Gründe, nicht zu verreisen. Der Facebook-User mit dem Namen Nikita Ukraina etwa, bleibt dem Klima zuliebe zu Hause.

Marlene Rothärmel und Tina Metz haben ernste familiäre Gründe: „Wir bleiben zu Hause. Wir pflegen Oma, da gibt es keinen Urlaub“, schreibt Marlene Rothärmel. Und Tina Metz schreibt: „Es ist schwer, beziehungsweise zu spät, einen Dialyseplatz zu bekommen. Sowie eine Unterkunft für ein behindertes Kind.“

Bei uns ist es doch auch schön

Früher sind Bianca Bubenheim und ihr Mann Stefan im Sommer regelmäßig verreist. Meist an die Ost- oder die Nordsee. In diesem Jahr ist das anders. „Wir bleiben zu Hause“, sagt die Erzieherin aus Halsdorf. „Es ist eine ganz bewusste Entscheidung.“ Warum? Eine kleine Rolle spielt aus ihrer Sicht auch die Corona-Entwicklung. Aber vor allem: „Wir finden es hier auch sehr schön. Wir haben schöne Seen in der Nähe, den Diemelsee und den Edersee. Tolle Sehenswürdigkeiten wie das Schloss Marburg oder das Schloss Romrod. Das haben wir uns alles vorgenommen für die Sommerferien.“

Sie kenne viele Menschen in ihrem Dorf, die im Sommer nicht in Urlaub fahren würden, sagt sie.

In ihrer Freizeit leitet Bianca Bubenheim die Bambini-Gruppe der Freiwilligen Feuerwehr Halsdorf. Viele der Kinder blieben im Sommer mit ihren Eltern zu Hause. „Mit denen will ich einiges unternehmen, mal gemeinsam ein Eis essen oder so“, sagt die Erzieherin.

Ihr Mann Stefan stimmt ihr zu: „Wenn man mitkriegt, was derzeit so an Flughäfen los ist mit der Gepäckabfertigung und den Schlangen vor den Sicherheits-Checks, will man sowieso nicht mehr fliegen. Man ist am Urlaubsort und das Gepäck in Deutschland. Wir machen in diesem Jahr ein paar Tagesausflüge hier in der Region.“

Über einen Reiseurlaub könne man sich im nächsten Jahr wieder Gedanken machen. „Wenn es besser wird, kann man es sich ja überlegen, wieder wegzufahren.“

Auch die Inflation und damit verbunden die steigenden Preise für Energie, Lebensmittel und Artikel des täglichen Bedarfs schrecken so manchen ab. Helga Preuß meint: „Wir bleiben auch zu Hause. Das kann sich doch keiner leisten im Moment.“ Andreas Deeg teilt mit: „Wir sparen uns den Stress und das Geld und bleiben zu Hause.“ Und Melanie Kraft erklärt: „Bei dem was alles im Moment kostet, da muss man sich überlegen, ob man im Winter warm sitzen will oder im Sommer in Urlaub.“

Die Menschen, die wir zitieren, sind damit keineswegs alleine. Im Gegenteil: Sie sind in der Mehrheit. Fast zwei Drittel der Deutschen wollen einer Umfrage der Stiftung für Zukunftsfragen zufolge künftig nicht mehr jedes Jahr verreisen. Stattdessen möchten sie ihren Urlaub auch mal zu Hause verbringen. Vor 30 Jahren waren es nur halb so viele, die ihre Ferien zu Hause verbringen wollten. Die Studie wurde im vergangenen Juli veröffentlicht. Angesichts der Probleme an Flughäfen und Bahnhöfen wird sich daran wohl wenig ändern.

Von Uwe Badouin

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