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Marburg Alfred und Gudrun läuten die letzte Runde ein
Marburg Alfred und Gudrun läuten die letzte Runde ein
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16:00 17.03.2018
Alfred und Gudrun Peil stehen hinter der Theke in ihrer Kultkneipe Molly Malone's Irish Pub. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Dicker Rauch wabert um seinen weißen Bart. In der linken Hand schwenkt er ein Glas Laphroaig Whiskey. In der Rechten hält er eine dicke Zigarre zwischen den Fingern. „Eigentlich wollte ich ja nicht mehr rauchen“, sagt Alfred Peil. Er lacht schelmisch und bläst eine dicke Rauchwolke in die Luft.

Der 70-Jährige steht da, wo er die vergangenen 14 Jahre die meiste Zeit gestanden hat: Hinter der Theke des Molly Ma­lone’s. Damit soll jetzt Schluss sein. „Ich hab’ einfach keine Lust mehr“, sagt Alfred und schaut sich in der wohl urigsten Kneipe Marburgs um. Tief unter der Erde, vor Jahrzehnten von fleißigen Handwerkern im Schweiße ihres Angesichts in den Fels im Wehrdaer Weg geschlagen, liegt ein Kleinod der hessischen Kneipenlandschaft: An den gelbgefärbten Wänden des historischen Gewölbekellers hängen unzählige Emailleschilder. Meistens Guinness-Werbeschilder. Keltische Straßenschilder, alte Landkarten der Insel, gälische Schriftzeichen. In einer schummrigen Ausbuchtung im Gemäuer liegt eine alte Violine. In einer anderen ein staubiges Akkordeon. Aus den Boxen erklingt ein irischer Folksong. Die Kulisse des Molly Malone’s hätte auch als Hobbithöhle in „Herr der Ringe“ herhalten können.

„Ja, es war wirklich eine tolle Zeit“, sagt Gudrun Peil und hält ein Pint unter den Zapfhahn. Mit kreisenden Bewegungen lässt die 65-Jährige eine dunkle Flüssigkeit in das Glas laufen – das irische Nationalgetränk Guinness. Bevor Gudrun und Alfred – die von ihrem Stammpublikum immer nur mit Vornamen angeredet werden – die Kneipe im Jahr 2004 pachteten, arbeiten sie schon jahrelang bei ihrem Vorgänger mit im Molly’s. Seit mehr als 20 Jahren haben der ehemalige Hausmeister an der Philipps-Universität und die pensionierte Lehrerin das Molly’s zu ihrem Wohnzimmer gemacht.

Viele Menschen sind als Gast gekommen und als Freund gegangen. „Das Wichtigste im Molly’s war für mich immer das Miteinander, die gegenseitige Achtung und die Menschlichkeit, egal welche Herkunft, Kultur oder Religion“, betont Gudrun. Der Abschied fällt ihr merklich schwer. Dabei hatten sie und ihr Mann eigentlich nie vor, die urige Raucherkneipe überhaupt so lange zu betreiben. Zehn Jahre sollten es werden, nach fast fünfzehn Jahren soll nun wirklich Schluss sein. Es lohne sich einfach nicht mehr, sagen die beiden. Das Publikum bleibe aus, es kommen immer weniger Gäste. Auch an diesem Donnerstagabend sind die meisten Tische leer. Woran das liegt, können sie sich nicht so wirklich erklären.

Im Pub herrscht digitale Auszeit - die Stammgäste stört es nicht

Eventuell an der Tatsache, dass hinter dem meterdicken Buntsandsteinmauern digitale Auszeit herrscht. Wer versucht, im Molly Malone’s zu telefonieren, zu whats­appen oder im Internet zu surfen, scheitert kläglich. Den Stammgästen macht dies gar nichts. Im Gegenteil. Sie ­genießen das Offline sein. Umso härter trifft sie das Aus des Molly’s. Es herrscht Trauer bei den Männern an der Theke: „Unglaublich. Das ist ein Stück Marburger Kultur, das verschwindet. Es ist nicht vorstellbar, hier nicht mehr herkommen zu können“, bedauert Falk Wohlleben.

Alfred und Gudrun schließen endgültig ab.

In seiner ersten Woche an der Marburger Uni anno 1991 ­setzte Wohlleben den Fuß über die Schwelle des alten Stollens – und verliebte sich sofort in die urgemütliche Atmosphäre. Irgendwann begann er, im Molly’s zu arbeiten. „Ich saß immer oben an dem alten Fass und hab Kasse gemacht“, erinnert er sich wehmütig.

Sein Sitznachbar nickt und nippt an seinem Getränk. „Mir wird wirklich etwas fehlen.“ Rainer Hohener kommt seit den 70er-Jahren ins Molly’s. „Ich war schon hier, als es noch Stollen hieß“, erzählt der Marburger und lächelt versonnen. „Da hinten hab ich gestanden und mit meiner Klarinette Dixieland Jazz gespielt.“

Reamonn-Sänger Rea Garvey trat schon zwei Mal im Molly Malone's auf

Auf der kleinen Bühne im mittleren Raum des ­Gewölbes haben viele Künstler Musik­ ­gemacht. Unbekannte und ­bekannte. ­Berühmte sogar. Unvergessen bleibt der Auftritt von Reamonn im Jahr 2003. Die unterirdische Konzerthöhle platzte aus allen Nähten. Ein unvergessliches ­Erlebnis. Was viele­ nicht wissen, Reamonn-Sänger­ Ray Garvey trat bereits Jahre zuvor im Molly ­Malone’s auf. Zusammen mit den Reckles ­Pedestrians. „Da ­kannte ihn noch keiner“, sagt Alfred und zeigt auf einen eingerahmten Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1995. Darauf zu sehen: Ein sehr junger Ray Garvey auf der Bühne des Molly’s. Auch Colin Hay, Frontmann von „Men at Work“ bespielte das historische Gemäuer.

In den Jahren waren es wohl hunderte von Musikern, die ­ihre handgemachte Musik im Molly’s präsentierten. „Mir war es immer wichtig, dass die Musiker ins Molly’s gepasst haben“, sagt Gudrun, die in den vergangen Jahren immer die Künstler ausgesucht hat. Nun, in ihrem letzten Monat, hat sie noch einmal möglichst viele Konzerte organisiert: Paddy Schmidt und Garden of delight werden zum Beispiel noch einmal kommen. Am 24. März treten Warehouse auf. Es wird wohl das letzte Konzert im Molly’s sein. Denn einen Nachfolger für Gudrun und Alfred gibt es nicht.

Besitzer: „Es sieht tatsächlich so aus, als gehe es nicht weiter“

Auf Nachfrage der OP bestätigt Besitzer Ernst Däumer, dass noch kein ­neuer Pächter in Aussicht ist. Zwar ­habe es mehrere Interessenten gegeben, diese seien jedoch abgesprungen. Unter anderem sei die fehlende Möglichkeit zur Außenbestuhlung im Sommer für potenzielle Nachmieter abschreckend. „Es sieht momentan tatsächlich so aus, als gehe es nicht weiter“, so ­Däumer, der dies jedoch „sehr bedauern“ würde. Schließlich­ habe er zeitlebens die Entwicklung des alten Gewölbekellers hautnah miterlebt. Früher sei in den zahlreichen Kellern im Wehrdaer Weg Eis für die Brauerei gelagert worden. Im Jahr 1977 sei der Keller dann als Gastwirtschaft umgebaut worden. „Auch ich habe hier tolle Konzerte erlebt und bin traurig, sollte sich kein Nachfolger finden“, betont Däumer.

Alfred und Gudrun werden die letzten Tage bis zum endgültigen Aus genießen. Gudrun wird ihren Gästen Guiness zapfen und Folkmusik auflegen. Alfred wird wohl ab und an am Whiskey nippen und sich eine Zigarre anstecken. Sie werden Abschied nehmen von ihrem alten Wohnzimmer im Wehrdaer Weg und sich auf ihr neues in Warzenbach freuen. „Und auf unsere fünf Enkel, auf die freuen wir uns auch“, strahlt Gudrun. Eins ist sicher: Langweilig wird den beiden sicher nicht.

von Nadine Weigel