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Marburg Alexandra Tobor fasst Sachbücher zusammen
Marburg Alexandra Tobor fasst Sachbücher zusammen
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00:17 15.05.2019
Alexandra Tobor studierte in Marburg Soziologie, Psychologie und Kunstgeschichte. Mittlerweile veröffentlicht die 38-Jährige regelmäßig Podcasts über Sachbücher.  Quelle: Privatfoto
Marburg

128 Seiten Buch über die Komplexität der Welt und den Verlust der Vielfalt in unserer heutigen Gesellschaft. Das zu lesen ist eine Herausforderung. Alexandra Tobor hat sich ihr gestellt – und das Sachbuch von Thomas Bauer zusammengefasst: Nun kann sich jeder in nur 44 Minuten ein Bild darüber machen, was das Verschwinden von Apfelsorten, das Auftreten von Politikern in Talkshows, religiöser Fundamentalismus und der Kunst- und Musikmarkt miteinander gemeinsam haben. Die 38-jährige Wahl-Augsburgerin, die in Marburg studiert hat, veröffentlicht in ihrem Podcast regelmäßig unterhaltsame Zusammenfassungen von trockenen Sachbüchern. Die OP hat mit ihr darüber gesprochen.

OP: Wieso gerade Podcasts? Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Podcast zu produzieren?
Alexandra Tobor: Ich kannte Podcasts schon länger und war fasziniert von der Tiefe mancher Formate. Ich durfte vierstündigen Gesprächen mit interessanten Menschen folgen, die ihre Ideen in der gebotenen Ausführlichkeit entfalten konnten. In den klassischen Medien, wo alles „kurz und knackig“ daherkommen muss, hat man dazu weder Zeit noch Raum. In Podcasts geht es mehr um den Inhalt und weniger um die Form. Das hat mich daran von Anfang an überzeugt. Außerdem finden heute immer weniger Menschen die Zeit, einen langen Text zu lesen. Wenn man liest, kann man nichts anderes tun. Hören kann man aber auch, wenn man im Auto sitzt oder bügelt.

OP: Wann entstand der erste Podcast? Und wie?
Tobor: Die erste Folge war total eigennützig. Mich hat frustriert, dass ich so viele spannende Sachbücher lese und ein paar Wochen später alles wieder vergessen habe. Also hab ich begonnen, Zusammenfassungen zu schreiben, aber das genügte nicht. Gelerntes bleibt am besten haften, wenn man es anderen beibringt. In der Uni gibt es dafür Referate. Der Podcast war für mich eine ideale Alternative. Dort konnte ich anderen erzählen, was ich gelesen habe und welche Gedanken es bei mir angestoßen hat. Und anders als in der Uni hörten nur die zu, die es auch interessierte. Wobei ich es noch besser finde, Leute für ein Thema zu begeistern, mit dem sie auf den ersten Blick nichts anfangen können.

Zur Person

Alexandra Tobor wurde im Jahr 1981 in Polen geboren. Acht Jahre später im Jahr 1989 wanderte die Familie nach Deutschland aus. Aufgewachsen ist Tobor in Deutschland dann am Niederrhein. Nach ein paar Jahren in den Medien studierte sie von 2005 bis 2010 in Marburg die Fächer Soziologie, Psychologie und Kunstgeschichte.

OP: Wie groß ist der Aufwand, einen Podcast zu produzieren?
Tobor: Tatsächlich sehr groß. Ich lese jedes Buch mindestens zweimal aufmerksam durch, streiche wichtige Stellen an, mache mir Notizen. Ein paar Wochen lang versuche ich, das angelesene Wissen an meine ­Alltagserfahrungen anzuknüpfen und eigene Beispiele zu finden für die Phänomene, über die ich gelesen habe. Dann erstelle ich ein Script und schraube so lange daran rum, bis alles stimmt. Eine Folge kostet mich in etwa so viel Aufwand wie früher das Erstellen einer Seminararbeit.

OP: Wie oft beginnen Sie von vorne – etwa weil Sie sich versprochen haben oder etwas doch nicht so richtig passt?
Tobor: Das kommt nicht so oft vor, weil ich während der Aufnahme hochkonzentriert bin. Manchmal merke ich, dass ich zu schnell gesprochen oder ein Wort falsch betont habe, dann setze ich eben nochmal an.

OP: Nach welchen Kriterien wählen Sie die Bücher aus, über die ein Beitrag entsteht? Ist das mehr eigenes Interesse am Thema oder weil Ihnen das Buch gerade in die Hände gefallen ist?
Tobor: Das Thema muss mich schon persönlich packen. Ein wichtiges Kriterium ist aber Wissenschaftlichkeit beziehungsweise die wissenschaftliche Arbeitsweise der Autoren. Ich würde nie ein populäres Sachbuch, einen Ratgeber oder einen subjektiven Erfahrungsbericht besprechen. Ein Thema ist für mich dann interessant, wenn es eine überraschende Perspektive auf Alltagsphänomene bietet, über die man normalerweise nicht groß nachdenkt – etwa Kioske und Neonlicht. Oder wenn es von großer gesellschaftlicher Relevanz ist. Mit den Folgen der Digitalisierung und Fragen nach der Gestaltung unserer Zukunft werde ich mich noch oft beschäftigen. Das sind Themen, die uns alle angehen.

Definition: Podcast

Ein Podcast ist laut Gabler Wirtschaftslexikon eine Sammlung von Audio- und Videobeiträgen, die über das Internet zu beziehen sind. Bei dem Begriff „Podcast“ handelt es sich um ein Kunstwort, das sich aus Pod für „play on demand“ und cast, abgekürzt vom Begriff Broadcast (Rundfunk), zusammensetzt.

OP: Woher nehmen Sie Ihre Kreativität?
Tobor: Mein beruflicher Alltag ist sehr abwechslungsreich. Ich bin Autorin, arbeite als solche auch mit Kindern und Jugendlichen und bin zudem in einer Buchhandlung tätig. Ich habe Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen. Das bringt mich immer auf Ideen und bereichert auch mein Nachdenken über „Sachbuchthemen“ ungemein.

OP: Wie viele Hörer erreichen Sie mit Ihren Podcasts?
Tobor: Das lässt sich leider nicht so genau erfassen, weil nicht jeder, der eine Folge runterlädt, sie auch anhört, und weil man eine Folge auch anhören kann, ohne sie runterzuladen. In der Regel hat jede Folge zwischen 10.000 und 20.000 Downloads.

von Katharina Kaufmann-Hirsch