Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Zweimal klicken die Handschellen
Marburg Zweimal klicken die Handschellen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:16 17.04.2019
Polizeibeamte kontrollieren einen Mann an der Mensa in Marburg. Eine Abfrage ergibt: Er wurde bereits mehrmals auffällig. „Genau das Klientel, das wir hier nicht wollen“, sagt Heinz Frank, Leiter der Polizeistation Marburg.  Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Vorsichtig tastet Polizist Benjamin B. einen Verdächtigen ab (Anmerkung der Redaktion: alle abgekürzten Namen geändert). Mit gespreizten Beinen steht der junge Mann an der Mauer vor der Mensa. Seine Hände hinter dem Rücken werden von einem weiteren Polizeibeamten festgehalten. „Haben Sie etwas bei sich?“, fragt Benjamin B. Der junge Mann in schwarzer Jogginghose und Bomberjacke schüttelt den Kopf.

Drogen finden die Beamten tatsächlich nicht. Dafür macht die Kontrolle der Personalien deutlich: Ein unbescholtener Bürger ist der junge Mann nicht. Er ist strafrechtlich schon mehrmals aufgefallen – unter anderem wegen Körperverletzungsdelikten.

Volltreffer. „Ja, man bekommt ganz schnell ein Auge für potentielle Kandidaten“, erklärt Benjamin B. im Gespräch mit der OP. Der junge Polizist gehört zu den Beamten der Bereitschaftspolizei aus Lich, die an diesem Apriltag im Sondereinsatz sind. Zusammen mit Beamten der Polizeistation Marburg sind sie mehrere Stunden unterwegs für die Aktion „Sicheres Marburg“.

Massenschlägereien, Messerstechereien, sexuelle Belästigungen

„Wir konzentrieren uns bei diesen Einsätzen auf Orte wie die Lahnterrassen, das Marktdreieck oder den Hauptbahnhof“, erklärt Heinz Frank, Leiter der Polizeistation Marburg. Er ist an diesem Tag mit dabei – und beobachtet, wie seine Kollegen zwei junge Männer an der Mensa unauffällig einkreisen. Eine Gruppe Polizisten schlendert wie beiläufig über die Mensabrücke, während eine andere Gruppe die Luisa-Häuser-Brücke überquert.

Vor der öffentlichen Toilette an der Mensa treffen sich die Beamten – in ihrer Mitte die beiden Männer, die so zwangsläufig nicht mehr an den Polizisten vorbeikommen. „Ausweispapiere, bitte“, sagt einer der Polizisten. Widerstandslos lassen sich die jungen Männer durchsuchen: Beide sind bereits polizeilich auffällig geworden, einer wegen Körperverletzung. „Er passt genau in unsere Zielgruppe, die wir hier nicht antreffen wollen“, so Frank.

Denn in der Vergangenheit war es vor allem an den Lahnterrassen immer wieder zu Vorfällen gekommen, die in der Öffentlichkeit für Aufmerksamkeit gesorgt hatten – und bei vielen Bürgern Marburgs große Besorgnis auslösten: Massenschlägereien, Messerstechereien, sexuelle Belästigungen. 

Sicheres Marburg

Am 19. Juni 2018 unterzeichneten die Stadt Marburg und die Polizei eine gemeinsame Vereinbarung für mehr Sicherheit und Aufenthaltsqualität in der Stadt.
In der Marburger Oberstadt, der Umgebung des Hauptbahnhofs, an den Lahnterrassen und dem sogenannten Marktdreieck sollte das „beeinträchtigte subjektive Sicherheitsgefühl“ verbessert werden. Durch:

  • verstärkte Polizeipräsenz
  • verdeckte Kontrollen
  • Aufenthaltsverbote
  • Präventionsarbeit
  • bauliche Verbesserungen
  • Videoüberwachung (seit einigen Monaten gibt es im Jägertunnel eine Videokamera. Laut einer Umfrage der Stadt fühlen sich rund 70 Prozent der Befragten nun sicherer).

„Vieles davon hat mit Alkoholmissbrauch oder Rauschgift zu tun“, erklärt Frank. „Unsere Hoffnung ist, dass wir Dealer von hier verdrängen. Untersuchungen haben ergeben, dass sich die Szene nicht noch einmal neu in dieser Intensität bildet wie dort, wo sie verdrängt wurde.“ Denn mit dem Verkauf und dem Konsum von Drogen gingen auch immer wieder Gewalttaten einher.

„Wenn die sich in ihren Rauschgiftgeschäften nicht einig sind, dann kommt es natürlich auch zu Körperverletzungsdelikten“, sagt Frank. Wenn Alkohol im Spiel sei, würden oftmals auch Unbeteiligte belästigt oder angegriffen.
Der Erste Polizeihauptkommissar hat gerade selbst eine Erfahrung mit einer stark alkoholisierten Person gemacht. Unterhalb der Luisa-Häuser-Brücke wurde er von einer betrunkenen Frau angesprochen. Gut gelaunt plapperte sie auf Frank ein und endete jubelnd mit den Worten: „Ich liebe die Polizei.“

Diese Zuneigung gegenüber Ordnungshütern ist aber eher ein Ausnahmefall. „Der Respekt gegenüber Uniformierten ist schon merklich gesunken. Aber das geht ja nicht nur uns so, sondern auch Feuerwehrleuten und Rettungssanitätern“, weiß Frank, der seit fast 40 Jahren im Polizeidienst steht.

Polizisten bleiben bei Verbalattacken gelassen

Am Hauptbahnhof erfahren Franks Kollegen der Bereitschaftspolizei das am eigenen Leib. „Ey, Alter, ich rauch schon, seit ich 12 bin“, pöbelt ein 15-Jähriger die Beamten an, nachdem er verwarnt wurde, weil er in einem Kiosk eine Schachtel Zigaretten gekauft hat. Das ist in Deutschland aber erst ab 18 Jahren erlaubt. Auch der Verkäufer wird belehrt.

Die Bereitschaftspolizisten bleiben ob solcher Verbalattacken gelassen. Sie sind weitaus Schlimmeres gewöhnt. „Wir sind viel in Frankfurt im Einsatz. Dagegen ist in Marburg die Welt noch in Ordnung“, sagt Gruppenführer Karsten M. augenzwinkernd.

Und trotzdem klicken wenig später am Abend die Handschellen. Am Busbahnhof finden die Polizisten bei zwei jungen Männern insgesamt acht Gramm Marihuana. In Tütchen verpackt – also offensichtlich sollte das Haschisch nicht dem Eigenkonsum dienen. Dennoch werden die beiden Anfang 20-Jährigen nach erkennungsdienstlicher Behandlung wieder laufengelassen.

Befragung über Sicherheitsgefühl und Lebensqualität

Es lagen keine Haftgründe vor. Obwohl einer der beiden schon mehrmals wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz und wegen Körperverletzung aufgefallen war. „Klar sind wir oft auch nicht zufrieden, wenn wir so manchen wieder laufen lassen müssen“, gibt Frank zu. Aber es könne ja schließlich auch nicht jeder verhaftet werden.

Die Gefängnisse seien ohnehin überlastet. Aber: Der junge Mann sei ein guter Kandidat für ein von der Stadt verhängtes Aufenthaltsverbot. Das habe schon bei mehreren Intensivtätern gut funktioniert. Seither seien die Delikte zurückgegangen, so die Polizei.

In Kooperation mit der Uni hat die Stadt rund 100 Anwohner im Bereich Lahnwiesen/Erlenring/Marktdreieeck befragt. Dabei ging es unter anderem um das Sicherheitsgefühl und die Lebensqualität. Die Befragung wird momentan ausgewertet. Ein Ergebnis wird im August 2019 erwartet.

von Nadine Weigel