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Marburg Akkordarbeit in der Arztpraxis: „Die Ohren bluten“
Marburg Akkordarbeit in der Arztpraxis: „Die Ohren bluten“
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20:00 07.06.2021
Daliah Stein (links) und Carina Groß sind Medizinische Fachangestellte in Marburg und bewältigen den täglichen Telefon-Ansturm. Besonders am 7. Juni, dem ersten Tag der Aufhebung der Corona-Impfstoff-Priorisierung, konnten sie sich vor Anfragen kaum retten.
Daliah Stein (links) und Carina Groß sind Medizinische Fachangestellte in Marburg und bewältigen den täglichen Telefon-Ansturm. Besonders am 7. Juni, dem ersten Tag der Aufhebung der Corona-Impfstoff-Priorisierung, konnten sie sich vor Anfragen kaum retten. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Erst durchbricht das Quietschen von Schuhen im Flur, dann das Aufreißen der Praxistür die Stille. Es war der eine, der erste Moment an diesem Tage ohne Trubel für Daliah Stein und Carina Groß. Doch nicht mal in dieser jäh beendeten Pause irgendwann gegen halb elf gestern Morgen konnten sie durchschnaufen. Genug Zettel fliegen auf den Schreibtischen herum, deren Notizen in die PC-Datenbanken eingetragen werden müssen. Und dann, kaum haben die Medizinischen Fachangestellten Stein und Groß das Tastatur-Tippen begonnen, passiert es schon wieder: Das Telefon klingelt. Zeit bleibt nicht mal für ein Seufzen, dabei ahnen sie schon: Gleich erteilen sie jemandem die nächste Abfuhr.

„Mir bluten die Ohren, das Telefon klingelt in einer Tour. Es ist wie im Callcenter“, sagt Stein. „Ich rede ständig, höre mich aber die ganze Zeit dasselbe sagen.“ Von den gut und gerne 100 Anrufen, die alleine bis zum Mittag in der Arztpraxis von Dr. Ulrike Kretschmann in der Bahnhofstraße eingehen, nehmen fast alle denselben Verlauf und dasselbe Ende: „Gehen Sie lieber den Weg über das Impfzentrum, registrieren Sie sich. Das wird sicher auch dauern, melden Sie sich sonst in drei, vier Wochen nochmal“, sagt Groß zu einem Anrufer. Kurze Pause, am anderen Ende der Leitung ist offenbar ein Verständnisloser, es gibt Widerspruch.

„Baden die Versprechungen der Politik aus“

Die Arzthelferin bleibt ruhig, sie kennt die Anspruchshaltung und wachsende Ungeduld ja schon: „Stimmt, der Impfstoff ist freigegeben. Aber es ist einfach nicht genug für alle da.“

Daliah Stein führt zeitgleich praktisch dasselbe Gespräch: „Leider kann ich ihnen keinen Termin anbieten. Wenn Sie nicht in einer Priorisierungsgruppe sind, geht weiter gar nichts.“ Auch hier eine Pause. „Glauben Sie mir: Wenn wir könnten, wie wir wollten, würden wir.“

Es ist der immer selbe Ablauf: Klingeln lassen, Hörer abnehmen, Gesprächspartner begrüßen, es beginnen Sekunden des Zuhörens – schon ahnend, um was es geht – und dann mal auf Deutsch, mal auf Englisch, mal hörbar mitfühlend, mal energisch die Erklärung abspulen, warum es mit einem Impftermin nichts wird. „Wie Ihr Hausarzt auch, kriegen wir nicht genug Dosen“, sagt Groß in Richtung eines wohl renitenten Anrufers.

Die MFA sind zwar seit Monaten mehr mit Beschwichtigen als Beraten beschäftigt, doch seit gestern mutieren sie wohl endgültig zu Dompteurinnen. Denn es kam, wie Hausärzte es erwartet hatten: Kaum ist die Priorisierungsreihenfolge formal aufgehoben, rechnet jeder in und um Marburg mit einem Impftermin, mancher mit einer Vakzin-Spritze in den nächsten Stunden, schlimmstenfalls Tagen. „Wir baden hier die großen Versprechungen der Politik aus. Die Erwartungshaltung, das Pensum ist unerfüllbar – und für uns letztlich auch sehr unbefriedigend“, sagt Stein. Die Priorisierung in den nur auf das Impfen ausgelegten Zentren aufzuheben wäre wohl praktikabel, es bei den Hausärzten umsetzen zu lassen, sei eine „ungute und den Frust eher steigernde Entscheidung“.

„Es gibt immer wieder Meckerer“

Der simple Grund: „Wir müssen nebenbei eine Praxis führen, in der es tatsächlich noch einen Praxisalltag mit Nicht-Corona-Krankheiten und Gebrechen gibt.“ Patienten mit anderen Krankheiten oder Bedürfnissen rund um Corona „fallen hinten runter, die kommen ja bei diesem Ansturm bei uns telefonisch gar nicht erst durch“, sagt Stein. Und das, was für die in der Schlange vor dem Tresen wartenden „Normalo“-Patienten hörbar ist, ist nur ein Bruchteil der Kontaktaufnahmen: Schon vor Dienstbeginn gegen 8 Uhr liefen mehr als 100 E-Mails ein, fast alle mit Signalen zur Impfbereitschaft. Wie am Telefon auch viele dabei, die offenkundig alle Mediziner in Mittelhessen abklappern, Massenmails schreiben, den erstbesten Termin irgendwo haben wollen. „Es gibt immer wieder Meckerer. Aber private Termine oder Ungeduld zu haben, galt lang als Grund nicht“, sagt Gross.

Es sei an diesem Tag der Akkordarbeit „fast erholsam“, wenn jemand nur ein Rezept ausgestellt haben wolle oder es abholt. „An unserem wöchentlichen Impftag die glücklichen Menschen zu sehen ist toll und macht Spaß. Das tägliche Telefonieren ist hingegen purer Stress“, sagt Gross, die eigentlich schon Dienstende hat, als abermals die Melodie erklingt, sie reflexartig zum Hörer greift, sich vom Stress nichts anmerken lässt und abermals das Vertröstungs-Ritual vollführt.

Von Björn Wisker

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