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Marburg Hebammen müssen von der Schule an die Uni
Marburg Hebammen müssen von der Schule an die Uni
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10:00 09.10.2020
Eine Hebamme untersucht eine schwangere Frau. Quelle: Caroline Seidel/dpa
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Marburg

Die Ausbildung von Hebammen wird akademisiert, das neue Hebammengesetz ist am 1. Januar in Kraft getreten. Künftig erlernen Hebammen ihren Beruf über ein duales Bachelor-Studium, Deutschland zieht damit als letztes EU-Land bei der Akademisierung nach. Berufsverbände loben die Anhebung auf Hochschulniveau als deutliche Aufwertung des Berufsbildes: „Seit über 20 Jahren haben wir uns dafür eingesetzt, das Deutschland den internationalen Empfehlungen folgt und zum Wohl der betreuten Frauen und ihrer Kinder das Niveau der Ausbildung anhebt“, jubiliert etwa der Deutsche Hebammenverband.

Mit dem Sprung an die Uni entfällt das bisherige System: Aus Ausbildung wird Studium, aus männlichen Entbindungspflegern übrigens auch Hebammen, die neue Berufsbezeichnung für alle Geschlechter. Was wird dann aus der Marburger Hebammenschule? An der Elisabeth-von-Thüringen-Akademie läuft die Ausbildung bislang noch weiter, teilt UKGM-Pressesprecher Frank Steibli mit. Denn verpflichtend ist das duale Hebammen-Studium erst ab dem Jahr 2023, „bis zum Ende der im Gesetz festgelegten Übergangsfrist werden noch Hebammen in Marburg an unserer Schule ausgebildet“, heißt es aus dem Uniklinikum. Der nächste dreijährige Kurs startet dann ab Mai 2021, wird also erst 2024 enden. Das ist möglich, da Ausbildungen, die vor Fristende beginnen, bis zum Schluss weiterlaufen können.

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Der Kurs wird dann der letzte dieser Art an der Marburger Hebammenschule sein, durch die Reform „verlieren die bisherigen beruflichen Ausbildungsstätten der Hebammen, so auch die Marburger Hebammenschule, ihre Funktion“. Der Praxisteil könne auch in Zukunft am UKGM Marburg stattfinden, so Steibli weiter. In wenigen Jahren dann aber nur als Studiengang in Kooperation mit einer Universität oder Fachhochschule. Laut Reformgesetz können Hochschulen bis 2030 den Praxisteil indes auch von Hebammenschulen durchführen lassen.

Kein Hebammenstudium in Marburg

Dass Hebammen künftig in Marburg studieren, sieht die Uni dabei nicht: „Die Philipps-Universität plant keinen Studiengang zur Hebammenkunde“, teilt die Uni-Pressestelle auf Nachfrage mit. Die Hochschulleitung halte es aber „für sehr wichtig, dass die praktische Hebammenausbildung am UKGM in Marburg erfolgt“. Das nicht mit der Marburger Uni im Boot, eventuell aber mit einer anderen: Manche Hochschulen bieten den Studiengang bereits an, darunter die Uni Fulda. „Eine Kooperation des UKGM mit der Hochschule Fulda, die bereits Erfahrung in der akademischen Ausbildung von Hebammen hat, würde die Philipps-Universität ausdrücklich begrüßen.“

Ob das Klinikum eine Zusammenarbeit mit dieser oder einer anderen Uni plant, ist noch nicht bekannt. Das Akademisierungskonzept werde jedoch „in jedem Fall umgesetzt“. Mehr zu den künftigen Plänen könne das UKGM zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen, „es laufen vielfältige Gespräche“, teilt Steibli mit.

Kreistag streitet um Geburtenprämie

Seit Jahren läuft die Debatte um die angespannte finanzielle Lage von Hebammen, vor allem Freiberufler werden von weiterhin hohen Beiträgen zur Haftpflichtversicherung abgeschreckt. Das Thema wurde immer wieder im Kreis diskutiert, auch während der vergangenen Sitzung des Kreistags, der sich mit einer ganzen Reihe an Beschlussvorlagen rund um eine mögliche Unterstützung der heimischen Hebammen befasste. Ursprung für mehrere Änderungsanträge war ein Antrag der AfD-Fraktion: Der umfasste unter anderem neue Anreize für Hebammen, finanzielle Unterstützung für Fortbildungen sowie die Aufstockung der finanziellen Hilfe vom Kreis pro begleiteter Geburt für freiberufliche Hebammen von 100 auf 200 Euro. „Die symbolischen 100 Euro sind in jedem Fall nicht ausreichend“, stellte Ulrike Markert dazu in einem Redebeitrag fest.

Die Linke befand dagegen, dass 200 Euro ebenso wenig reichen, um Hebammen im Kreis ausreichend zu fördern oder deren Zahl zu erhöhen – das ändere an der finanziellen Belastung für Hebammen „so gut wie nichts“, heißt es im Antrag der Linken. Die Fraktion sprach sich etwa dafür aus, dass die öffentliche Hand einen Teil der Haftpflichtversicherung für freiberufliche Hebammen anteilig übernimmt. Außerdem solle sich der Kreistag für den Erhalt der Hebammenschule einsetzen.

Beide Anträge fanden keine Mehrheit. Die erhielt ein Änderungsantrag von SPD und CDU, der keine Erhöhung der Geburtenprämie beinhaltet – es bleibt bei 100 Euro –, den Kreisausschuss dagegen auffordert, demnächst über den aktuellen Stand der heimischen Hebammenversorgung zu berichten. CDU, SPD, Grüne und Freie Wähler stimmten dafür, die AfD dagegen, Linke sowie Liberale und Piraten enthielten sich.

von Ina Tannert