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Marburg Die Wutprobe: So bleiben Sie entspannt
Marburg Die Wutprobe: So bleiben Sie entspannt
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17:58 28.04.2019
Rücksicht nehmen und auf die Bremse treten – das gilt nicht nur im Straßenverkehr, sondern auch bei Wutattacken. Die Marburger Diplom-Pädagogin Heike Ossanna coacht Menschen, die Hilfe bei der Bewältigung ihrer Wut benötigen. Quelle: Carina Becker-Werner
Marburg

Die Ausraster des französischen WM-Helden Ziné­dine Zidane sind legendär. Unvergessen der Kopfstoß, mit dem der Franzose den Italiener Marco Materazzi im WM-Finale am 9. Juli 2006 niederstreckte – und sich selbst damit vom Feld verbannte. Auch fast 13 Jahre nach diesem Ereignis werden Videos von Zidanes Ausraster im Internet geklickt. Wut kann ja so unterhaltsam sein.

Noch populärere Beispiele für cholerische Anfälle lieferte seinerzeit der deutsche Schauspieler Klaus Kinski. Noch 28 Jahre­ nach seinem Tod sind Videos von seinen Ausrastern auf der Plattform Youtube gefragt. Kein Wunder. Zu sehen und zu hören, wie Kinski im Gespräch mit Journalisten, Regisseuren oder TV-Moderatoren aus der Haut fährt, ersetzt glatt die Wirkung eines Gruselfilms. Einfach zum Fürchten. Oder zum Fürchten komisch – je nachdem, wie man‘s nimmt.

Marburgerin coacht monatlich etwa vier Wut-Patienten

Doch vermögen unkontrollierte Ausbrüche von Wut, Ärger und Zorn wohl nur zu unterhalten, solange man nicht selbst von ihnen betroffen ist. „Beziehungen können an Wut zerbrechen. Wenn es richtig dicke kommt, verlieren Menschen deshalb ­ihre Familie, ­ihren Job oder Freunde“, sagt ­Heike Ossanna. Die Marburger Diplom-Pädagogin coacht kostenpflichtig Menschen, die lernen wollen, Frust und Aggression zu bewältigen. Die 65-Jährige ist überzeugt: „Wer anerkennt, dass er ein Problem hat und sich eingesteht, dass er Unterstützung braucht, der hat schon den wichtigsten Schritt getan.“

Wenn es nicht gerade um ­Zinédine Zidane oder Klaus Kinski geht, wird die zerstörerische Wucht von Wut und Jähzorn gesellschaftlich tabuisiert. Um diese Beobachtung zu untermauern, hat der schweizerische Psychotherapeut Theodor Itten,­ Autor des Buchs „Jähzorn – Psychotherapeutische Antworten auf ein unkontrollierbares Gefühl“, rund 600 Menschen zu ihren persönlichen Erfahrungen mit Jähzorn befragt. Das Ergebnis: 20 Prozent waren als Kind Opfer von jähzornigen Eltern, 24 Prozent der Befragten stuften sich selbst als jähzornig ein.

Psychiater sprechen in Fällen von regelmäßig wiederkehrenden, unkontrollierten Jähzorn-Anfällen von „psychischen Störung im Bereich der altersentsprechenden Affektkontrolle“. Psychotherapeut Itten geht davon aus, dass mehr als ein Viertel aller Menschen betroffen ist. Die meisten Wüteriche tobten sich im Familienkreis aus.

Heike Ossanna betreut in Marburg allmonatlich etwa vier Wut-Klienten – manche für einige Monate, andere auch für längere Zeiträume. Neben Coachings zur Lebensmitte oder zum Umgang mit Prüfungsängsten ist die Wutbewältigung einer der Schwerpunkte in der Praxis der Pädagogin. Ein wichtiges Übungsziel sei es, die Auslöser von Wut und Jähzorn in sich zu spüren und Mitmenschen rechtzeitig zu signalisieren, dass sich ein Ausbruch anbahne, sagt Ossanna.

Explodierende und implodierende Menschen

Die Therapeutin zeigt zwei kleine Verkehrsschilder aus dem Spielzeughandel. Sie kommen immer dann zum Einsatz, wenn Wut-Klienten vergessen, rechtzeitig auf die Bremse zu treten – sinnbildlich gesprochen. „Wenn die Wut sich einfach nicht mehr kontrollieren lässt, ist es besser, ein Gespräch zu beenden und es später wieder aufzunehmen“, verdeutlicht die Diplom-Pädagogin. „Mit kühlem Kopf kann man erklären, was einen so sehr verärgert hat. Und man kann dabei sachlich bleiben, statt persönlich und verletzend zu werden.“

In der US-Komödie „Die Wutprobe“ erklärt Therapeut Dr. Buddy Rydell, gespielt von Jack Nicholson, seinem auf dem ersten Blick friedliebenden Patienten Dave Buznik (Adam Sandler) Folgendes: „Es gibt zwei Arten von aggressiven Menschen: explodierende und implodierende. Zu ersterer gehören Personen, die den Kassierer anbrüllen, weil er ihnen keine zweite Tüte gibt. Zu letzterer gehört der Kassierer, weil er die Ruhe bewahrt, Tag für Tag – und unversehens alle in dem Laden abknallt. Sie sind der Kassierer.“

Dieses makabre Beispiel aus der Filmwelt zeigt auf, dass es wohl vielen zornigen Menschen so geht wie der Figur Dave Buznik: Betroffene wissen oft gar nicht, wie wütend sie sind, wie viel Frust sich über die Jahre in ihnen angestaut hat. Sie erkennen es erst, wenn sie ausflippen. Oder wenn sich tiefe Traurigkeit, Resignation und Antriebsschwäche bis hin zur Depression einstellen. „Auch das ist eine Seite der Wut“, verdeutlicht Heike Ossanna. „Sie ist mit einem ohnmächtigen, hilflosen Gefühl verbunden.“

Hilflosigkeit muss aber nicht sein. Selbst die wütendsten Zeitgenossen dürfen entscheiden, ob sie sich ihrem Jähzorn hingeben oder ob sie – wenn nötig mit therapeutischer Unterstützung – mal etwas genauer hinter die Fassade schauen wollen. „Wut hat verschiedene Gesichter“, sagt Pädagogin Ossanna. Sie komme beispielsweise als Frustration daher, wenn sich die Dinge nach harter Arbeit nicht so entwickelten, wie man es sich gewünscht habe. Manchmal sei die Wut auch ein selbstgerechtes Gefühl, „wenn man Ungerechtigkeit erlebt und sich missverstanden oder unfair behandelt fühlt“.

Positive Glaubenssätze gegen den Ärger

Wenn der Ärger einmal wieder in einer mächtigen Welle anrollt, empfiehlt die Pädagogin, der Wut bewusst positive Glaubenssätze entgegenzuhalten. Ihren Klienten gibt sie dazu Affirmationen wie diese an die Hand:

  • „Gefühle kommen und gehen – ich bin mehr als meine Gefühle.“
  • „Ich darf mir Unterstützung holen.“
  • „Verunsicherung steht am Anfang von Veränderung.“
  • „Ich will, ich kann, ich darf auch nein sagen.“

Gefühle fluteten heran und ebbten wieder ab, hebt Ossanna hervor. Sich dies immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, könne helfen, ungeliebte Emotionen wie Wut wahrzunehmen und zu akzeptieren. Was dabei immer hilfreich sei: Sport. „Körperliche Anstrengung hilft, ­Aggressionen abzubauen.“

Egal, ob wir Menschen uns am unteren Ende des Wut-Spektrums bewegen und womöglich ein wenig gereizt und frustriert sind, oder am oberen Ende, wo wir schon fast mit Zinédine Zidanes Ausraster im WM-Finale mithalten könnten: „Ärger und Zorn gehören zum Leben dazu, wir müssen lernen, damit zu ­arbeiten“, sagt Heike Ossanna.

Und damit nochmal zum „Altmeister des verbalen Amoklaufs“, wie Schauspieler Klaus Kinski einst von der Moderatorin Sonja Zietlow in einer TV-Show genannt wurde. Wer weiß schon, ob ein Wut-Bewältigungs-Training Kinski hätte helfen können. Heike Ossanna ist jedenfalls davon überzeugt, dass Menschen sich verändern können. „Menschen kommen schwer heraus aus dem Modus: Ich bin so wie ich bin. Aber es gelingt, wenn sie sich erlauben, ihren Blick zu weiten. Veränderung lässt sich einüben.“

von Carina Becker-Werner