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Marburg Gefangen im Behörden-Dschungel
Marburg Gefangen im Behörden-Dschungel
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10:00 11.10.2021
Afghanische Frauen beten während des Freitagsgebets in einer schiitischen Moschee.
Afghanische Frauen beten während des Freitagsgebets in einer schiitischen Moschee. Quelle: Felipe Dana
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Marburg

Wenn Behördenmühlen doch etwas schneller mahlen würden! Fast zwei Monate sind seit der Machtübernahme der radikalislamistischen Taliban in Afghanistan vergangen, und noch immer sitzt die Frau von Naqibullah Habibi in Kabul fest. Der Assistenzarzt an der UKGM-Augenklinik versucht seit Langem, seine Frau außer Landes zu bringen. Er scheitert nicht nur an der Lage in Afghanistan, sondern auch an der Arbeitsweise deutscher Behörden im Ausland.

Für die junge Frau liegt ein Visum in der deutschen Botschaft in Neu-Delhi. Das war nach der Machtübernahme der Taliban der Weg, um Deutsche, deren Angehörige, aber auch sogenannte Ortskräfte, also Menschen, die der Bundeswehr während ihrer Zeit in Afghanistan geholfen haben, nach Deutschland zu bringen.

Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) hatte in Verhandlungen mit dem Auswärtigen Amt versichert, dass Habibis Frau in Marburg willkommen ist und somit dafür gesorgt, dass sie ein Visum erhalten hat. In den chaotischen Tagen der Machtübernahme der Taliban in Kabul und den noch chaotischeren Vorgängen um den Internationalen Flughafen gelang es aber nicht, der Frau das Visum zuzustellen. Sie hätte es am Flughafen bei einer deutschen Regierungsorganisation abholen müssen. Das misslang auch deshalb, weil die Frau sich vor den Taliban versteckt halten muss und das auch weiter tun muss. Sie lebt in ständiger Todesangst. Die Frau von Naqibullah Habibi ist quasi eine Geisel der Taliban.

Das Perfide an der Situation ist: Es gibt jetzt wieder eine Möglichkeit, aus Afghanistan auszureisen: auf dem Landweg nach Pakistan, dort das Visum in der deutschen Botschaft entgegenzunehmen und in einen Flieger nach Deutschland zu steigen.

Botschaft verschickt Visum nicht per Dienstpost

Und an dieser Stelle kommt das Verhalten der deutschen Behörden ins Spiel. Das Visum liegt in der deutschen Botschaft in Neu-Delhi und nicht bei der in Islamabad. In mehreren Wochen ist es Habibi nicht gelungen, die deutsche Botschaft in Neu-Delhi dazu zu bewegen, das Visum per Dienstpost zur Dienststelle nach Islamabad zu bringen.

Habibi bringt das zur Verzweiflung: Er selbst könnte zwar nach Neu-Delhi reisen, aber nicht nach Islamabad. Wer einmal einen indischen Stempel in seinem Pass trägt, darf in Pakistan nicht einreisen – so schlecht sind die Beziehungen zwischen Indien und Pakistan.

Bliebe also der Weg, einfach ein neues Visum für die Frau zu beantragen und es in Islamabad zu hinterlegen. Bis das Visum da ist, können aber bis zu zwei Jahre vergehen – und für alleinstehende junge Frauen ist die Lage in Pakistan nicht wesentlich ungefährlicher als in Afghanistan. Auch dieser Weg ist der Frau von Habibi also verbaut. „Die tragische Situation dieser jungen Familie bewegt mich zutiefst“, sagt Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. „Wenn eine Ausreise aus Afghanistan gelingt, muss die Bundesrepublik Deutschland dafür sorgen, dass die Familienzusammenführung kurzfristig bearbeitet und entschieden werden kann“, fügt der OB hinzu und betont: „Wir haben als Universitätsstadt Marburg bereits gegenüber zwei deutschen Botschaften unsere Bereitschaft erklärt, die junge Frau aufzunehmen.“

Von Till Conrad

11.10.2021
10.10.2021