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Marburg Kappe die Schnur des gegnerischen Drachen!
Marburg Kappe die Schnur des gegnerischen Drachen!
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10:01 07.05.2018
Was aussieht wie ein ganz normales Drachenfliegerfestival, ist viel mehr: Ein Fußballturnier, Verkostung afghanischer Spezialitäten und viel Austausch und Spaß gehörten dazu. Foto: Beatrix Achinger
Was aussieht wie ein ganz normales Drachenfliegerfestival, ist viel mehr: Ein Fußballturnier, Verkostung afghanischer Spezialitäten und viel Austausch und Spaß gehörten dazu. Quelle: Beatrix Achinger
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Marburg

Der Himmel über der Stadt ist sonnig, über dem Marburger Georg-Gaßmann-Stadion ist er bunt.
Denn hier tummeln sich eine Menge selbstgebastelter Drachen, wirbeln, und sind dabei auf der Jagd gegeneinander.

Denn ein jeder Mitspieler hat mit seinem Drachen das Ziel: Kappe die anderen Schnüre. Unter dem Treiben in der Luft schnüren sich hier und da Besucher die Fußballschuhe, einige tanzen ausgelassen zu traditionell afghanischer Musik und auch Spezialitäten des Landes werden verkostet.

Immer mehr Menschen sammeln sich zum afghanischen Drachenläuferfest. In Marburg hat das beliebte afghanische Spiel Premiere, die 2017 gegründete Initiative zur Integration afghanischer Geflüchteter und der Fachdienst für Migration und Flüchtlingshilfe laden ein.

Gegen Kinderarbeit in Afghanistan

Gerade lässt sich eine gemischte Gruppe junger Iraner und Deutscher auf dem Rasen nieder.
Einige unter ihnen haben den Roman „Drachenläufer“ des afghanisch-amerikanischen Schriftstellers Khaled Hosseini gelesen oder die dazugehörige Verfilmung gesehen.

Da rennt der 23-jährige Belal Ahmad Ataee an der Gruppe vorbei, er hat gerade ein perfektes Drachenfliegermotiv erspäht, das er mit seiner Kamera festhalten will. Belal ist Fotograf und als Austauschstudent in der Universitätsstadt.

Er ist in Afghanistan geboren, in Pakistan aufgewachsen und studiert Politikwissenschaft an der Universität Zentralasiens in Kirgisistan.

Sobald Belal seinen Abschluss hat, möchte er in sein Geburtsland zurückkehren. Er sagt: „Wir brauchen Afghanistan nicht, aber Afghanistan braucht uns.“ Mit seinen Fotografien will er sich gegen Kinderarbeit auf den Straßen Afghanistans einsetzen. Nach seinem Studienabschluss möchte er in die Politik.

Fest jedes Jahr im Frühling

Rund zwanzig junge Afghanen kicken auf einem kleinen Fußballfeld am Rand und ermitteln den Pokalsieger. Sie alle kennen sich, verabreden sich über Nachrichtendienste jede Woche zu Fußballspielen.

Neben der Tribüne gehen immer wieder kulinarische Kostbarkeiten Afghanistans über den Tresen. Gerade Bolani, Teigtaschen mit Kartoffel-Lauchzwiebel-Füllung, sind schnell ausverkauft.

Der 22-jährige Journalist Malik Afaq Naveed und der 19-jährige angehende Krankenpfleger Ismail Tokhi sind begeistert vom belebten Treiben am Gaßmann-Stadion.

Sie erzählen: „Sobald die Menschen in Afghanistan frei haben, gehen alle, ob aus Dörfern oder Städten, mit ihren Drachen auf die Felder und spielen dieses Spiel.“ Jedes Jahr im Frühling gebe es in Afghanistan und Pakistan eigene Drachenläufer-Festivals.

Nach dem Erfolg des Tages steht den Initiatoren wohl nichts im Wege, das Fest auch in Marburg zu etablieren. Viele Teilnehmer freuen sich schon auf das nächste Mal.

von Beatrix Achinger