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Marburg Afföller-Nachbarin bangt um Familiensitz
Marburg Afföller-Nachbarin bangt um Familiensitz
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12:01 22.08.2019
Renate Brechlin (83) bangt bei einem möglichen Afföller-Verkauf auch um ihr Privatgrundstück „Kalter Frosch“. Quelle: Björn Wisker
Marburg

Ihren Kopf streckt sie nach oben, ihre Augen scheinen den Himmel zu beobachten. Aber es sind nicht die Wolken oder die Sonne, die sie beobachtet, sondern die im Wind wankenden Baumwipfel. „Das alles wird verloren gehen, die ganze grüne Lunge wird vernichtet“, sagt Brechlin.

Alte Bäume, die vom Bauvorhaben bedroht sein könnten. Foto: Björn Wisker

30, 40 Meter hoch ragen die Bäume ihres Gartens über das Afföller-Areal und markieren sogleich die Grenzen ihres Grundstücks und dem Stadtwerke-Parkplatz samt Café Trauma sowie der alten Gasvilla, die von einem Bauzaun umstellt ist und bereits einem Privatinvestor gehört. Nicht irgendeinem, sondern dem von einigen geliebten, von anderen gefürchteten Pohl-Konsortium, das die Nordstadt in den vergangenen zehn Jahren umgebaut hat und mit dem geplanten Kauf eines Afföller-Teilstücks weiter umbauen will.

Und obwohl Brechlins Hauseingang von zwei steinernen Löwen bewacht wird, fürchtet sich die 83-Jährige vor genau dieser Entwicklung. Denn der Garten – ein Meer aus bunten Blumen, jahrhundertealten Bäumen, Skulpturen, gar dem Grab der Haustiere – ist „das Lebenswerk meiner Familie“. Ein Werk, das im Jahr 1870 mit dem Erwerb der lahn-nahen Fläche begann, die Irrungen und Wirrungen aus Kaiserreich, Weltkriegen samt Bombenhagel überstand und in den vergangenen Jahrzehnten zu einem ebenso verborgenen wie schmucken, einem exklusiven wie begehrten Flecken Land in Marburgs Norden geworden ist. Und es ist ein durchaus geschichtsträchtiges Gebiet. Die Studentenverbindung „Hasso Nassovia“ gründete sich nachweislich im Jahr 1839 dort. Genauer: Im „Kalten Frosch“, so der Name einer längst geschlossenen Gaststätte, die aber bis heute der Namensgeber des Anwesens ist. Schon damals ragten die alten Bäume empor, um die Brechlin im Falle einer Afföller-Bebauung bangt.

„Ich will nur, dass mein Paradies erhalten bleibt“

„Ich will doch nur, dass mein Paradies erhalten bleibt“, sagt Brechlin. „Nicht nur noch ein paar Jahre, bis Bagger anrücken, sondern Jahrzehnte.“ Gerade in Zeiten, in denen – vor allem in Marburg, der Klimanotstands-Stadt – die Bedeutung von Natur, von Grünflächen, von Bäumen betont werde, dürfe „niemand zulassen, das lange gewachsene Natur plattgemacht wird“. Aber sie alleine, mit 83 Jahren? „Ich lebe hier in einer der letzten grünen Lungen der Gegend. Ich hege und pflege sie.“ Immer wieder habe sie in den vergangenen Jahren Verkaufsangebote bekommen. „Aber ich verkaufe nicht, ich verpachte nicht, ich gebe dieses Grundstück nicht aus der Hand meiner Familie.“

Doch es geht derzeit – zumindest noch – nicht um ihren Privatbesitz, sondern um das direkt angrenzende, das öffentliche Gebiet. Ein Areal voller Schotter und Schlaglöcher, in denen viele unvollendete Ideen versenkt scheinen. Darunter das städtische Vorhaben Ende der 1990er-Jahre, an diesem Standort ein Frei- und Hallenbad zu bauen. Doch Brechlin fühlt sich trotzdem unmittelbar betroffen. Sie fürchtet vor allem, dass das angedachte Seniorenwohnheim faktisch ihr Grundstück beschneiden wird und damit viele alte Bäume gefällt, würden oder die nahen Bauarbeiten unter anderem zu einer Wasserabsenkung und somit zum Bäume- und Pflanzensterben führen. Das im Vergleich zum Afföller-Parkplatz tieferliegende Grundstück Brechlins ist nur durch eine schmale Mauer, einen betagten Zaun und eine etwa drei Meter breite Baumreihe vom möglichen Bauplatz getrennt. Und eben diese Baumreihe, die auf einem Überschwemmungsgebiet samt überirdisch verlaufendem Kanal steht, droht nach der Privatisierung zu fallen. Denn dieser Streifen, auf dem immer wieder Wassermassen in die Lahn ablaufen, ist nicht in Brechlins Besitz, sondern ist eher eine Trenn- und Abstandsfläche.

Eine, die bei einem MPG-Bauvorhaben „maximal ausgenutzt“ werden und faktisch an ihren Garten angrenzen würde, wie Brechlin in Bezug auf die Planungsentwürfe sagt. „Mit der Idylle, mit der grünen Lunge ist es vorbei, wenn dort drüben ein Klotz hingestellt wird“, sagt sie und deutet auf die Ex-Gasvilla.

Von Afföller über Kleingarten zu Anwesen „Kalter Frosch“?

Für die 83-Jährige, die aus einer der ältesten Marburger Familien stammt, ist das angesichts der Offerten aus älterer wie jüngerer Vergangenheit eine begründete Befürchtung. Denn das Grundstück der einst armen Familie, die ab Ende des Zweiten Weltkriegs in einem mehr schlecht als recht umgebauten Stall wohnte, hat ein Dreivierteljahrhundert später einen Millionenwert. Nicht nur das, es sind mehr als 6500 Quadratmeter, die in Plänen als landwirtschaftliche Fläche ausgewiesen sind, die noch scheinbar brach liegen.

„Das hier ist die Keimzelle der Nordstadt. Wir waren schon immer hier, auch, als es noch nichts, nicht mal den Bahnhof und schon gar kein Geld zu verdienen gab. Was mit dem Parkplatz beginnen soll, ist nicht das Ende der Entwicklung.“ Wieso sagt sie diesen Satz? Brechlin fürchtet, dass die aktuell diskutierten MPG-Kaufabsichten nicht die letzten in der Nordstadt sein werden.

Termin

Ein Bündnis gegen die Afföller-Privatisierung trifft sich am Mittwoch (21. August) um 19 Uhr im Café Trauma.

Die Rentnerin ist sich sicher: Die Kleingartenanlage, die von der Familie vor langer Zeit an die Stadt verkauft wurde, und danach auch ihr ­direkt daran angrenzendes Anwesen „Kalter Frosch“ stünden in den nächsten Jahren ebenfalls im Fokus von MPG beziehungsweise Pohl-Stiftung. Diese allerdings haben in der Vergangenheit entsprechend konkrete Expansionspläne mehrfach dementiert und jüngst betont, dass es durch das auf dem Afföller-Parkplatz geplante Seniorenwohnheim „keine Beeinträchtigungen“ für die Kulturzentrums-Nutzer geben solle.

von Björn Wisker