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Marburg Großhandel kann nicht liefern
Marburg Großhandel kann nicht liefern
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09:58 26.03.2021
An der Ecke Bahnhofstraße/Rosenstraße soll in einem leerstehenden Matratzenladen das Impfzentrum einer im gleichen Haus angesiedelten Arztpraxis eingerichtet werden.
An der Ecke Bahnhofstraße/Rosenstraße soll in einem leerstehenden Matratzenladen das Impfzentrum einer im gleichen Haus angesiedelten Arztpraxis eingerichtet werden. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Über dem ganz genauen Termin für den Start von Corona-Impfungen in hessischen Hausarztpraxen steht noch ein Fragezeichen. Fest steht so viel: Es soll losgehen mit den Hausarzt-Impfterminen und zwar „möglichst viel und möglichst schnell“, wie Ministerpräsident Volker Bouffier vor einigen Tagen sagte. Auch in den Praxen herrscht Aufbruchstimmung, die niedergelassenen Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner würden lieber heute als morgen damit beginnen, ihre Patientinnen und Patienten vor Covid-19 zu schützen.

„Wir können nicht liefern“

Doch sie stehen scheinbar vor einem nicht ganz unerheblichen Problem: Für die Corona-Impfung werden Spritzen mit einem Füllvolumen von einem Milliliter und kleinem Totvolumen sowie spezielle Kanülen benötigt – beide Produkte sind allerdings im Großhandel nur schwer oder gar nicht aufzutreiben. „Wir können derzeit nicht liefern und bekommen auch von den Herstellern keine Liefertermine genannt“, sagt etwa Alexe Cron, die bei einem in Hünfeld ansässigen Großhändler für Medizinzubehör für die Kundenbetreuung zuständig ist.

Eine ihrer Kundinnen ist zum Beispiel die Marburger Allgemeinmedizinerin Ulrike Kretschmann, die allerdings sagt: „Wenn ich Impfstoff habe, fange ich an zu impfen – auch ohne Ein-Milliliter-Spritzen.“ Größere Spritzen mit der korrekten Menge des Vakzins zu befüllen sei technisch möglich und sie habe sich in der Sache auch rechtlich abgesichert: „Sollen wir warten, bis wir die Spritzen bekommen?“ Ulrike Kretschmann berichtet von vielen Patienten aus Priorisierungsgruppen, die längst einen Impftermin hätten haben müssen: „Das sind Tumorpatienten und ältere Menschen, die heulend zu uns kommen und nicht verstehen, warum das alles so lange dauert.“

Ab Dienstag kommender Woche, so die Aussage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), können Arztpraxen über die „sie primär beliefernden Apotheken“ den Impfstoff jeweils für die Folgewoche bestellen. Dafür sollen vom Bund zunächst eine Million Impfdosen zur Verfügung gestellt werden, heißt es bei der KBV. Nicht ganz klar ist, ob sich die vorläufige Begrenzung von 18 bis maximal 50 Impfstoffdosen pro Woche auf die jeweilige Praxis bezieht oder auf den einzelnen Arzt oder die einzelne Ärztin. „Wir sind zu viert in der Praxis, da würde das schon einen erheblichen Unterschied machen“, sagt Kretschmann, die plant, den unter ihren Praxisräumen liegenden leerstehenden Matratzenladen zur „Impfstraße“ auszubauen: „Dort habe ich 400 Quadratmeter Fläche, und mehr als ein paar Stühle und einen Schirm, hinter dem ich impfen kann, brauche ich nicht“, zeigt sich die Medizinerin entschlossen, die bereits im Frühjahr vergangenen Jahres einen Drive-Through-Schalter für Corona-Tests auf den Parkplätzen hinter dem Gebäude in der Bahnhofstraße eingerichtet hatte.

„Ich will endlich loslegen!“

„In den USA wird auch in Kaufhäusern geimpft – ich will endlich loslegen“, sagt eine vom derzeitigen Stillstand sichtlich genervte Ulrike Kretschmann. Der Wille ist also da – fehlen nur noch die Impfstoffe für die Praxen. Und die richtigen Spritzen mitsamt Kanülen. An dieser Stelle scheint übrigens ebenso Knappheit zu herrschen wie bei anderen Materialien. So berichtete ein Marburger Apothekenmitarbeiter gestern im Gespräch mit der OP, dass auch Desinfektionstupfer großer Hersteller derzeit nicht zu bekommen seien. Dr. Susanne Rück, Sprecherin der Apothekerinnen und Apotheker im Kreis Marburg-Biedenkopf, beschrieb die Situation ihrer Branche gestern so: „Nichts ist klar, wir wissen nicht einmal, zu welchem Preis die Impfstoffe gehandelt werden.“

Der Preis ist die eine Seite der Medaille, das Handling die andere. Und während viele Apotheken und deren Großhändler noch gar nicht so ganz genau zu wissen scheinen, welches Zubehör die Praxen zum Impfen benötigen, weiß man das bei Biontech-Pfizer sehr genau: „Zur Verabreichung wird eine 1-ml-Spritze empfohlen. Geeignet sind zudem Kanülen mit 21 Gauge oder Ausführungen mit kleinerem Durchmesser.“ Das steht neben weiteren Anwender-Informationen im Datenblatt des Impfstoffs.

„Es kommt auf Sie an!“

Der Appell von KBV-Chef Dr. Andreas Gassen an die Ärztinnen und Ärzte in deutschen Praxen liest sich vor diesem Hintergrund vor allem wie ein frommer Wunsch: „Helfen Sie dem Land aus dem Lockdown – es kommt auf Sie an! Impfen Sie in Ihrer Praxis gegen Sars-CoV-2. Das ist der einzige Weg, der hilft, den nationalen Ausnahmezustand zu beenden.“

Von Carsten Beckmann