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Marburg Impfärzte im Terminstress
Marburg Impfärzte im Terminstress
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09:59 07.01.2022
Eine Medizinerin zieht eine Spritze mit Impfstoff von Biontech auf. Die aufbereitete Dosis muss innerhalb weniger Stunden verimpft werden. Das verkompliziert die Planung in den Arztpraxen.
Eine Medizinerin zieht eine Spritze mit Impfstoff von Biontech auf. Die aufbereitete Dosis muss innerhalb weniger Stunden verimpft werden. Das verkompliziert die Planung in den Arztpraxen. Quelle: Jan Woitas
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Marburg

Die erste Woche des neuen Jahres ist gerade so vorbei und auch in diesen Tagen verzeichnen die Impfärzte im Landkreis in ihren Praxen eine hohe Nachfrage nach Corona-Impfungen. Die Feiertage um Weihnachten und Neujahr haben die Impfkampagne kaum gebremst, schon vorher gab es „einen Riesen-Run“, berichtet auf OP-Nachfrage Dr. Ortwin Schuchardt, Allgemeinmediziner und Pressesprecher der Ärztegenossenschaft Prima. Im neuen Jahr habe die Nachfrage ein wenig nachgelassen, die Listen der Ärzte seien aber nach wie vor voll.

Novavax-Impfstoff als Brücke für Impf-Skeptiker

Da ist es besonders ärgerlich, wenn ungeduldige Patienten Termine platzen lassen, weil sie praktisch an verschiedener Stelle welche vereinbart haben: Es gebe immer mal wieder Menschen, die sich bei verschiedenen Ärzten einen Impftermin sichern oder zugleich das Angebot der mobilen Impfteams des Gesundheitsamtes wahrnehmen, dann aber ihre Termine in den Praxen nicht mehr absagen. Er verstehe die Intention dahinter, doch das stört den straffen Zeitplan der Ärzte massiv, die jeden Patienten und jede Impf-Dosis genau einplanen müssen.

Das liegt unter anderem daran, dass die Impfstoffe nur begrenzt haltbar sind und nach der Aufbereitung schnellstmöglich innerhalb weniger Stunden verimpft werden müssen. Beispiel: Aus einer Ampulle des Mittels von Biontech/Pfizer gewinnen die Ärzte sechs Impf-Dosen, beim Kinderimpfstoff des Herstellers zehn, bei Moderna 20 Einheiten. Die werden aufgezogen und vorbereitet. Kommen dann manche der eingeplanten Patienten doch nicht, weil sie anderswo „mehrere Eisen im Feuer haben“, stört das die ganze Tagesplanung. Und es führt stellenweise zur Verschwendung von Impfstoff, denn es kam bereits vor, dass Ärzte bereits vorbereitete Impf-Dosen am Abend wieder wegwerfen mussten, weil es keine Abnehmer gab.

Das mache kein Arzt gerne, „zum Glück passiert uns das sehr selten, aber irgendwann ist der Tag auch vorbei“. Jede Praxis kümmere sich dann zusätzlich darum, mögliche Impf-Nachrücker zu erreichen. Und dann gibt es noch die Kollegen von der Prima-Genossenschaft, die untereinander gerade bei dem Thema einen regen Austausch pflegen und per Chat-Gruppe Kontakt halten: Per Handy werde dann schnell bei den Kollegen Bescheid gegeben, wo es gerade noch Impfstoff gibt und zusätzliche Impfwillige gebraucht werden, „da geht es manchmal nur um die eine letzte Dosis“.

Auch auf diesem Wege werde versucht, einer Verschwendung vorzubeugen. „Wir kooperieren da gut miteinander und versuchen wirklich jedes Tröpfchen unter die Leute zu bringen, aber es klappt auch nicht immer“, so Schuchardt.

Besserung bei der Haltbarkeit verspricht er sich nun vom neuen Impfstoff der US-Herstellers Novavax, der deutlich einfacher gelagert werden kann und nicht aufbereitet werden muss. Er wird wie der Grippe-Impfstoff in fertigen Dosen geliefert. „Das wird eine große Erleichterung mit sich bringen“, hofft Schuchardt.

Noch wurde das neue Mittel nicht ausgeliefert, Nachfragen von Patienten gebe es im Moment kaum welche. Auch das Gesundheitsamt erreichen keine Anfragen von Impfwilligen zu Novavax, wie der Landkreis auf Nachfrage mitteilt.

Das seit Ende Dezember auch in der EU neu zugelassene Vakzin mit dem Namen Nuvaxovid gilt dabei als Hoffnungsträger, von dem sich gerade Impf-kritische Menschen viel versprechen sollen, da das Mittel häufig mit bekannten, klassischen Totimpfstoffen wie dem Grippe-Impfstoff verglichen wird. „Ich hoffe, dass Novavax für viele eine Brücke sein wird und sich damit auch Impf-Skeptiker für eine Impfung entscheiden“, betont Schuchardt. Im weiteren Sinne sind allerdings alle Covid-19-Impfstoffe Totimpfstoffe – enthalten also keine vermehrungsfähigen Coronaviren.

Tatsächlich lasse sich das Novavax-Vakzin mit dem Grippe-Impfstoff aber gut vergleichen: Der neue proteinbasierte Impfstoff ist ein sogenannter Spaltimpfstoff – Teile des (gespaltenen) Virus werden hier aber gentechnisch hergestellt und dann verimpft, erklärt der Mediziner. Beim Grippe-Vakzin werden diese noch klassisch in Hühnereiern hergestellt.

Für eine bessere Wirksamkeit enthält Nuvaxovid zudem einen Wirkverstärker und auf den könnte der Körper mit Nebenwirkungen reagieren, „dazu ist noch wenig bekannt“. Auch bei der erwartbaren Effektivität gegen die Omikron-Variante ist die Datenlage derzeit noch dünn. Wie bei Biontech werde sich wohl erst im Verlauf des weltweiten Impf-Einsatzes zeigen, als wie effizient sich das neue Mittel erweisen wird.

Von Ina Tannert