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Marburg Die Gefahr lauert in Innenräumen
Marburg Die Gefahr lauert in Innenräumen
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08:42 13.04.2021
Medizinische Gesichtsmasken halten im Ernstfall Aerosole besonders gut ab. Das wies jetzt ein Team um den Marburger Medizinhygieniker Professor Frank Günther in einem Praxistest nach. Das Bild zeigt ein Kopf-Modell im Labor.
Medizinische Gesichtsmasken halten im Ernstfall Aerosole besonders gut ab. Das wies jetzt ein Team um den Marburger Medizinhygieniker Professor Frank Günther in einem Praxistest nach. Das Bild zeigt ein Kopf-Modell im Labor. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Führende Aerosol-Forscher aus Deutschland – darunter der Gerhard Scheuch, früherer Präsident der Internationalen Gesellschaft für Aerosole in der Medizin – fordern von der Politik einen Kurswechsel bei den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. „Wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen wollen, müssen wir die Menschen sensibilisieren, dass DRINNEN die Gefahr lauert“, heißt es in einem Brief an die Bundesregierung und an die Landesregierungen. Sars-CoV-2 werde fast ausnahmslos in Innenräumen übertragen.

„Leider werden bis heute wesentliche Erkenntnisse unserer Forschungsarbeit nicht in praktisches Handeln übersetzt“, kritisieren die Verfasser. In Wohnungen, Büros, Klassenräumen, Wohnanlagen und Betreuungseinrichtungen müssten Maßnahmen ergriffen werden.

Angesichts der in der kommenden Woche beendeten Osterferien in Hessen sind die Schutzmaßnahmen für Schülerinnen und Schüler besonders von Interesse. Aktuell sind in der Stadt Marburg 24 dezentral einsetzbare Kompaktlüftungsgeräte mit Wärmerückgewinnung für den Einsatz in schlecht belüftbaren Räumen von Schulen und Kitas in der Ausschreibungsphase.

„Bei erfolgreichem Beschaffungsverlauf ist mit einer Beauftragung im Mai zu rechnen“, teilte die Stadt mit. Die Finanzierung erfolgt über Mittel des hessischen Infektionsschutzprogramms. Zur Selbstkontrolle hat die Stadt Marburg 140 CO2-Messgeräte angeschafft. 70 wurden bereits an Schulen und Kitas ausgegeben. Die übrigen werden zeitnah nach den Osterferien verteilt. Außerdem hat die Stadt 20 Umluft-Filtergeräte besorgt. Zwei Einrichtungen haben solche Geräte erhalten. Die übrigen stehen kurzfristig nach Anforderung für die Einrichtungen bereit.

Für Sportstätten wie Hallen und Bürgerhäuser sind 64 CO2-Ampeln bestellt. Sobald diese geliefert sind, werden sie montiert, ließ die Pressestelle der Stadt weiter wissen.

Für die Schulen in seiner Trägerschaft hat der Landkreis 40 Luftreinigungsgeräte angeschafft, die in 40 Klassen zum Einsatz kommen. Die anderen Klassenräume können ausreichend auf andere Weise gelüftet werden, zum Beispiel durch Fensteröffnen oder Lüftungsanlagen, teilte die Pressestelle des Landkreises mit.

Im November war die Verwaltung vom Kreistag beauftragt worden, „in enger Kooperation mit den Schulen“ intensiv zu prüfen, ob und auf welche Weise in Räumen von Schulen, die für den Unterrichtsbetrieb absolut unverzichtbar sind, in denen aber aufgrund der örtlichen Gegebenheiten eine angemessene Lüftung nicht oder nicht ausreichend möglich ist, durch bauliche Veränderungen und/oder sonstige technische Geräte eine Verbesserung herbeigeführt werden kann.

Das Ergebnis waren die genannten 40 Luftreinigungsanlagen. „Bei weiterem Bedarf werden weitere Luftreinigungsgeräte angeschafft und eingesetzt“, sagt Kreissprecher Stephan Schienbein.

Nachbesserungsbedarf vor allem in der Arbeitswelt

In Innenräumen finde auch dann eine Ansteckung statt, wenn man sich nicht direkt mit jemandem treffe, sich aber ein Infektiöser vorher in einem schlecht belüfteten Raum aufgehalten habe, warnen die Aerosol-Forscher.

Berliner Mobilitätsforscher sehen Nachbesserungsbedarf vor allem in der Arbeitswelt. „Im Bereich Arbeit wird unserer Meinung nach immer noch viel zu wenig gemacht“, sagte der Leiter des Fachgebiets Verkehrssystemplanung und Verkehrstelematik der TU Berlin, Kai Nagel, dem RBB-Sender Radioeins.

Für Mehrpersonenbüros etwa müsse gelten, dass man dort nur mit gültigem Schnelltest oder nach Corona-Impfung sitzen dürfe – oder alle müssten FFP2-Maske tragen. Für die Schulen gebe es im Vergleich relativ viele Maßnahmen, sagte Nagel. „Vielleicht sogar manchmal ein bisschen mehr als man machen müsste.“

Es gilt als sicher, dass sich das Coronavirus vor allem über die Luft verbreitet. Das kann über die Tröpfchen geschehen, die beim Husten und Niesen entstehen und beim Gegenüber über die Schleimhäute aufgenommen werden. Oder über Aerosole, Gemische aus festen oder flüssigen Schwebeteilchen in der Luft, die Sars-CoV-2-Partikel enthalten. Sie sind definiert als Tröpfchenkerne, kleiner als fünf Mikrometer und bleiben meist länger in der Luft als größere Tropfen, die rasch zu Boden sinken. Aerosol-Teilchen können Stunden bis Tage in der Luft schweben. Andere Infektionswege – etwa über Oberflächen – spielen eine wesentlich geringere Rolle für das Infektionsgeschehen.

Debatten über das Flanieren auf Flusspromenaden, den Aufenthalt in Biergärten, das Joggen oder Radfahren seien kontraproduktiv, heißt es in dem Brief der Aerosol-Forscher weiter. Maßnahmen wie die Maskenpflicht beim Joggen an der Alster in Hamburg etwa seien eher symbolischer Natur und ließen „keinen nennenswerten Einfluss auf das Infektionsgeschehen erwarten“. Im Freien seien Ansteckungen äußerst selten, im Promille-Bereich.

Hierauf sollten die begrenzten Ressourcen nicht verschwendet werden. Auch würden im Freien keine größeren Gruppen – sogenannte Cluster – infiziert, wie das in Innenräumen etwa in Heimen, Schulen, Veranstaltungen, Chorproben oder Busfahrten zu beobachten sei.

Forscher: Ausgangssperren sind ungeeignet

Auch Ausgangssperren, wie sie der Bund befürwortet, versprechen aus Sicht der Aerosol-Experten mehr, als sie halten können. „Die heimlichen Treffen in Innenräumen werden damit nicht verhindert, sondern lediglich die Motivation erhöht, sich den staatlichen Anordnungen noch mehr zu entziehen“, schreiben sie.

Auch Wissenschaftler um den TU-Forscher Nagel empfehlen in einer Stellungnahme, Aufenthalte im Freien im öffentlichen Raum allein oder mit maximal einer weiteren Person nicht zu verbieten – „um die Akzeptanz der Regelung in der Bevölkerung zu sichern“.

Die Bundesregierung dringt darauf, bei der Regelung bundesweiter Corona-Schutzmaßnahmen auch nächtliche Ausgangsbeschränkungen von 21 bis 5 Uhr vorzuschreiben, wenn in Landkreisen binnen sieben Tagen mehr als 100 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern registriert werden.

Stattdessen empfehlen die Aerosol-Experten, Treffen in Innenräumen so kurz wie möglich zu gestalten, mit häufigem Stoß- oder Querlüften Bedingungen wie im Freien zu schaffen, effektive Masken in Innenräumen zu tragen sowie Raumluftreiniger und Filter überall dort zu installieren, wo Menschen sich länger in geschlossenen Räumen aufhalten müssen – etwa in Pflegeheimen, Büros und Schulen.

„Die Kombination dieser Maßnahmen führt zum Erfolg“, heißt es weiter. „Wird das entsprechend kommuniziert, gewinnen damit die Menschen in dieser schweren Zeit zugleich ein Stück ihrer Bewegungsfreiheit zurück.“

Sonnenlicht ist schlecht fürs Coronavirus

In den kommenden warmen Monaten dürften Forschern zufolge draußen zusätzliche saisonale Effekte greifen: So nimmt bei höheren Temperaturen die Stabilität der Virushülle ab.

Sonnenstrahlen, insbesondere UV-Strahlung, schädigen die genetische Information des Virus’ – der Erreger wird inaktiviert. Hinzu kommt ein im Sommer anders arbeitendes menschliches Abwehrsystem und möglicherweise auch ein Effekt durch die wieder anspringende Bildung von Vitamin D mithilfe des Sonnenlichts. Wie stark saisonale Effekte das Infektionsgeschehen zu bremsen vermögen, ist allerdings unklar.

Von unseren Redakteuren