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Marburg Ärger auch um die Ausbildung
Marburg Ärger auch um die Ausbildung
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09:07 26.11.2019
Blick auf das UKGM in der Dämmerung: Die Jugend- und Auszubildendenvertretung bemängelt, dass sich die Überlastung der Pflegekräfte auch auf die Ausbildung auswirke. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Der Pflegenotstand führt laut Mark Müller, Vorsitzendem der Gesamt-JAV, dazu, dass auch die Ausbildungssituation sehr angespannt sei – sowohl in Marburg als auch in Gießen. „Das führt dazu, dass zu wenig Praxisanleitung stattfindet und geplante Praxisanleitungen ausfallen. Es gibt einfach zu wenig Personal oder Anleiter, um die Azubis zu betreuen“, verdeutlicht Müller.

Dies bedeute in der Praxis beispielsweise, dass Azubis zwar mit examinierten Kräften mitgingen und Arbeitsschritte oberflächlich erklärt würden. „Aber es fehlt die Zeit, um auch mal in die Tiefe zu gehen“, verdeutlicht Mark Müller.

Hintergrund

Generalistische Pflegeausbildung

Pflegekräfte für Kinder, Erwachsene und alte Menschen durchlaufen künftig in den ersten beiden Jahren eine gemeinsame Ausbildung. Im letzten Jahr können sie dann die bisherige, allgemeine Ausbildung fortführen oder sich auf Kinderkrankenpflege oder Altenpflege spezialisieren – so die Eckpunkte des Pflegeberufegesetzes. Die Pflegehelferausbildung kann künftig auf die Ausbildung zur Pflegefachkraft angerechnet werden.

Ergänzend zur beruflichen Pflegeausbildung wird es das Pflegestudium geben. Insbesondere mit Blick auf die immer wichtiger werdende Altenpflege erhofft sich der Gesetzgeber von der Zusammenlegung der bisherigen Ausbildungsstränge, den Pflegeberuf attraktiver zu machen.

(dpa)

Doch es komme noch dicker: Im kommenden Jahr starte die generalistische Pflegeausbildung – dafür sei aktuell am UKGM noch nichts abschließend geregelt.

Das sei teilweise auch der Personalsituation geschuldet. Denn die stark belasteten Kräfte hätten schlicht keine Zeit, sich um das Thema neue Ausbildung zu kümmern. Es gebe derzeit zu zahlreichen Themenfeldern Arbeitsgruppen. „Die Zusammenarbeit gestaltet sich jedoch nicht immer einfach, weil wir aktiv mitarbeiten wollen“, sagt Mark Müller.

Denn: Es gebe noch viel zu klären, zählt der Gesamt-JAV-Vorsitzende auf: Ausbildungsplanungen, Probezeitkriterien, praktische und theoretische Prüfungen – „man muss ja die komplette Ausbildung neu regeln, es funktioniert nichts mehr so wie vorher“. Müller bemängelt, dass es derzeit noch keine Kooperationsverträge mit anderen Trägern etwa aus der Altenpflege gebe, und auch noch keine Regelung zu den spezialisierten Abschlüssen.

„Ohne Mitbestimmung kann es nicht starten“

Noch gravierender aus seiner Sicht: Es gebe noch keine Regelungen zum Curriculum oder zur praktischen Begleitung. Müller vermutet, dass intern die Vorbereitungen schon vorangeschritten seien. „Aber ohne Mitbestimmung kann es eben nicht starten.“

Für Müller ist dies fatal – noch dazu, weil ja derzeit die Ausbildung aufgrund mangelnder Lehrkräfte schon nicht so ablaufen könne, wie sie eigentlich geplant sei.

„Man will im April mit zwei Kursen zur Pflegeausbildung starten – dabei gibt es derzeit noch nicht einmal genügend Lehrkräfte für den bisherigen einzelnen Kurs.“ Es falle Unterricht aus – das werde kaschiert, indem die Schüler Arbeitsaufträge bekämen, sodass der Ausfall nicht offiziell werde. Und: Auch der Probezeit-Notendurchschnitt soll künftig deutlich angehoben werden – um schon zu Beginn der Ausbildung quasi auszusieben, vor der Argumentation, so eine höhere Abschlussquote zu erreichen.

„Wenn man will, dass die Leute das Examen bestehen, dann muss man sich um sie kümmern – und nicht einfach den Durchschnitt erhöhen“, findet Müller allerdings.
Auch vor dem Hintergrund, dass ja Pflegekräfte händeringend gesucht würden. Müller ist sich sicher: „Den Pflegenotstand kann man auf lange Sicht nur durch qualitativ hochwertige Ausbildung auffangen.“

von Andreas Schmidt