Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Ich werde oft nur als Praktikantin gesehen“
Marburg „Ich werde oft nur als Praktikantin gesehen“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:58 22.06.2020
Adji Gaye stammt aus dem Senegal und arbeitet in der Marburger Stadtverwaltung. Quelle: Foto: Katja Peters
Anzeige
Marburg

Dass sie nicht in alle Clubs oder Diskotheken rein gelassen wird, darüber lacht Adji Gaye. Auch darüber, dass sie in manchen Geschäften oder auf der Straße herablassend beäugt wird. „Das ist schon normal, obwohl es schlimm ist.“ Aber dass sie auch in ihrer Arbeit diskriminiert wird, das ärgert die 41-Jährige.

Vor 17 Jahren ist sie nach Deutschland gekommen, fürs Zweitstudium. Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre hat sie in Marburg studiert und hat dort auch Ausgrenzung durch Kommilitonen erlebt. Heute arbeitet sie in der Stadtverwaltung Marburg, im Fachdienst 52 – Migration und Flüchtlingshilfe. Und sie sensibilisiert junge Studenten aus Afrika dafür, sich nicht abhängig machen zu lassen, sondern selbstbewusst zu agieren.

Anzeige

„Das Sozialamt ist aber nicht hier“

„Es sind oft die unbewussten Aussagen, die einem weh tun“, sagt Adji Gaye und nennt ein Beispiel. „Ich betreue die Schülerpraktikanten hier bei uns im Fachbereich. Wenn dann die Lehrer zur Auswertung kommen, dann können sich viele nicht vorstellen, dass ich eine Angestellte der Stadtverwaltung bin. Sie halten mich auch für eine Praktikantin, wegen meiner Hautfarbe.“ Gegen das Vorurteil „Schwarz ist gleich dumm“ hat sie fast täglich anzukämpfen. So erlebt bei der Organisation eines Netzwerktreffens in einer anderen Stadt. Als die Gießenerin den Raum betrat, sagte eine Frau sofort zu ihr: „Das Sozialamt ist aber nicht hier.“ Keine Begrüßung, keine Frage, ob geholfen werden kann. Sofort ist Adji Gaye in eine Schublade gesteckt worden, wegen ihrer Hautfarbe. Als sie sich als Organisatorin und Verwaltungsmitarbeiterin vorgestellt hatte, gab es ein schamhaftes Lächeln zurück. „Wenn man genau diesen Rassismus dann anspricht, dann wird er klein geredet“, hat sie schon oft festgestellt. Über das Schubladendenken spricht sie auch mit ihren muslimischen Freundinnen. „Sie erzählen mir, dass sie sofort als Flüchtling, Putzfrau oder die Frau eines Extremisten abgestempelt werden, weil sie eine Kopftuch tragen. Nie werden sie einfach als Frau oder als Mutter wahrgenommen.“ Dass derzeit so viel über das Thema Rassismus gesprochen wird, findet Adji Gaye gut. „Aber das passiert immer erst, wenn es einen Vorfall gab.“ Dabei ist er immer präsent, jedenfalls für die Schwarzen. „Ich habe ihn aber erst wirklich erlebt, als ich nach Deutschland gekommen bin. Im Senegal gibt es Parallelgesellschaften aufgrund des Kolonialismus. Aber wenn jemand gut in der Schule ist, dann wird er gefördert, egal wo er herkommt. In Deutschland bekommen Kinder aus sozialschwachen Familien oder denen mit Migrationshintergrund oft per se eine schlechte Empfehlung.“

Angst vor der rechten Szene hat sie nicht. „Das Problem ist nämlich die Mitte der Gesellschaft, die hat oft diese Einstellung: schwarz – dumm – arm. Wir müssen uns damit auseinandersetzen. Weiße sind nicht generell überlegen.“

„Erwachsene kann man nicht mehr umerziehen“

Für Adji Gaye steht fest: „Erwachsene kann man nicht mehr umerziehen. Aber Rassismus wird auch an die Kinder weitergegeben. Mit denen habe ich großes Mitleid.“

In ihrem Fachdienst ist sie eine von vier Mitarbeiterinnen mit Migrationshintergrund in einem Team von insgesamt 13 Kollegen. „Für eine Stadt mit 140 Nationen ist der Anteil dieser Kollegen insgesamt zu wenig“, findet sie. Und dann spiele es auch eine große Rolle, in welchen Bereichen die Migranten in der Verwaltung arbeiten. „Aber das ist genau meine Aufgabe – mehr Auszubildende mit Migrationshintergrund in die öffentliche Verwaltung beziehungsweise in kommunale Unternehmen zu bekommen.“ Damit sie sichtbar sind.

Von Katja Peters

22.06.2020
22.06.2020
22.06.2020
Anzeige