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Marburg Schwere Vorwürfe gegen UKGM
Marburg Schwere Vorwürfe gegen UKGM
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12:55 30.07.2022
Eine Long-Covid-Patientin macht einen Lungenfunktionstest.
Eine Long-Covid-Patientin macht einen Lungenfunktionstest. Quelle: Sebastian Gollnow/dpa/Themenfoto
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Marburg

Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen werfen dem Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) vor, an ihren beiden Standorten Patienten mit langanhaltenden Beschwerden nach einer Covid-19-Infektion nur aus monetären Gründen zu behandeln.

„Dieser Vorwurf entbehrt jedweder Grundlage“, erwidert Professor Dr. Bernhard Schieffer, Direktor der Klinik für Kardiologie, in dessen Zuständigkeitsbereich die Post-Covid-Ambulanz am Marburger Standort fällt.

„Niemand hat die Absicht, niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen Patienten abzuwerben – im Gegenteil: Es ist unsere Aufgabe, unter Hochdruck Therapieoptionen zu etablieren, um diese unseren ärztlichen Kolleginnen und Kollegen an die Hand zu geben, um Long-Covid-Patienten flächendeckend behandeln zu können“, erklärt Schieffer in einer Pressemitteilung.

Schieffer: Keine Abwerbung von Patienten

Die Post-Covid-Ambulanzen entstanden in Hessen an den koordinierenden Krankenhäusern der Corona-Versorgungsgebiete, die seit Beginn der Pandemie die höchste Zahl an Patienten mit Covid-19 versorgten. Folglich begann auch dort das Erforschen des Krankheitsbildes.

Und: „Forschung und die Entwicklung von erfolgreichen Behandlungsmethoden und Medikamenten sind originäre Aufgabe der Universitätsmedizin“, stellt Professor Schieffer klar. Folglich arbeite man an den Uniklinika unter Hochdruck, um Therapieformen zu etablieren, mit denen niedergelassene Ärzte „Long-Covid-Patienten flächendeckend behandeln zu können“. Folglich habe „niemand die Absicht“, niedergelassenen Ärzten die Patienten abzuwerben.

An Schieffers Seite stellt sich die Professorin Dr. Susanne Herold, Direktorin der Medizinischen Klinik V am UKGM in Gießen: „Es liegt doch auf der Hand, dass Patienten mit einem neuen, unerforschten Krankheitsbild an dem Ort behandelt werden, wo die wissenschaftliche Infrastruktur es erlaubt, neueste Erkenntnisse in Diagnostik und Therapie einzubringen. Umgekehrt können wir aus der Erfahrung und der detaillierten Aufarbeitung dieses Krankheitsbildes auf pneumologischem und immunologischem Gebiet, von der Ersteinweisung bis viele Monate nach Entlassung Langzeitdaten erheben, die weitere wichtige Erkenntnisse liefern.“

Herold: Es gibt nicht „die eine Therapie“

Bei Long-Covid-Patienten stellen die Universitätsmediziner viele Verläufe und Symptome fest. Deshalb gebe es nicht „die eine Therapie“. Es bedürfe umfangreicher Diagnostik in jedem Einzelfall, um die geeignete Therapie für jeden Patienten zu finden. Es sei Sektorübergreifend mit den niedergelassenen Kollegen zusammenzuarbeiten, wie es in den Landkreisen Marburg-Biedenkopf und Gießen seit Langem geschehe.

„Wir veröffentlichen alle unsere Studienergebnisse, um baldmöglichst gegen Post-Covid etwas in der Hand zu haben. Für uns stehen die schwerkranken Long-Covid-Patienten und -Patientinnen im Mittelpunkt einer individualisierten Präzisionsmedizin, Verteilungskämpfe sind da fehl am Platz“, betonen Mediziner an allen universitätsmedizinischen Standorten.

In Gießen, dem Sitz des Deutschen Zentrums für Lungenforschung, wird am UKGM traditionell seit Jahrzehnten Forschung und Patientenversorgung in den Schwerpunkten Lungen- und Infektionsmedizin verbunden.

Frank Dastych Quelle: Carrolina Ramirez

„Das Lesen von Fachzeitschriften alleine reicht nicht“

Die Oberhessische Presse bat in der Debatte um die Versorgung von Long-Covid-Patienten sowohl Klinikdirektor Professor Bernhard Schieffer als auch Frank Dastych, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, um Antworten auf jeweils drei Fragen. Aufgrund der Kurzfristigkeit der Anfrage konnte der im Kliniksbetrieb gebundene Professor nicht antworten und bot der OP ein Gespräch in den nächsten Tagen an. Die Antworten von Frank Dastych lesen Sie hier:



Auf welche Daten und Fakten basiert der Vorwurf der KVH, am UKGM würden Long-Covid-Patienten aus finanziellen Gründen langwierig behandelt?

Gegenfrage: Auf welcher medizinischen Datenbasis beruht denn das Therapieangebot dieser Ambulanzen? Wir kennen keine. Sollte man bei dieser Versorgung nicht aber über ein bisschen empirische Kompetenz verfügen. Wir haben zumindest Zweifel daran, dass das Lesen von Fachzeitschriften alleine ausreicht. Bisher ist keine hessische Uniklinik und auch kein Krankenhaus der Maximalversorgung auch nur marginal an der ambulanten Versorgung von Covid-Patienten beteiligt gewesen. Weder gibt es S3-Leitlinien noch irgendwelche auch nur im Ansatz abgesicherten und wirksamen Therapien. Auf welcher Datengrundlage arbeiten also diese Ambulanzen?

Sieht die KHV die niedergelassenen Ärzte in der Lage, Long-Covid-Patienten optimal zu behandeln?

Sämtliche Diagnostik, die gegenwärtig bei Long-Covid empfohlen wird, ohne dass sie aber therapeutische Konsequenzen hat und soweit sie Gegenstand der GKV-Versorgung ist, ist diesseits sichergestellt.

Um welche Summen geht es, die den niedergelassenen Ärzten aus Sicht der KV verloren gehen?

Es geht nicht um das Geld, das Niedergelassene hier angeblich verlieren. Darüber haben wir uns ehrlich gesagt bisher überhaupt keine Gedanken gemacht. Es ist aber ein interessanter Ansatz. Gehen wir mal davon aus, dass jede Ambulanz im Monat 100.000 Euro Umsatz macht. Bei rund 13.000 Niedergelassenen wären das im Schnitt pro KV-Mitglied 23,07 Euro Umsatz vor Steuern und Abgaben. Bleiben also rund 13 Euro pro Monat. Wäre nur die Hälfte, und bei rund 4.000 Hausärztinnen und -ärzten ist das eine realistische Größenordnung, an der Versorgung beteiligt, reden wir hier schon über 26 Euro pro Monat. Kundige Thebaner würden dann allerdings bemerken, dass die Behandlung der Patienten in den Praxen ja auch Kosten verursacht. Gehen wir mal von 40 Prozent aus. Dann reden wir über 15,60 Euro. Nun sind wir entweder tief betroffen, dass diese horrenden Summen unseren Mitgliedern verloren gehen, oder noch betroffener, dass manche Menschen das als hinreichend Grund sehen, der KVH eine Neiddiskussion zu unterstellen. Spannend wird das Ganze erst, wenn diese Ambulanzen am Ende nur 30, 40 oder 50.000 Euro umsetzen. Dann reden wir noch über sechs oder sieben Euro. Reden wir also über irgendwelche relevanten Zahlen oder über einen Popanz?

Long Covid

Im Januar dieses Jahres richtete das Team der Kardiologie-Klinik am UKGM auf den Lahnbergen die erste Long-Covid-Ambulanz Hessens auch für Menschen mit Nebenwirkungen nach einer Corona-Impfung ein, die mittlerweile eine Warteliste im Hunderterbereich hat. Long Covid gilt als international anerkannte Erkrankung.

Die Diagnose ist bislang schwierig, da es kein einheitliches Krankheitsbild gibt. Experten ermittelten rund 300 verschiedene Symptome, von denen einige ohnehin sehr häufig in der Bevölkerung vorkommen, wie zum Beispiel Kurzatmigkeit, Brust- und Muskelschmerzen, Schwäche und Fatigue, Kopfschmerzen, Neuropathie, persistierende Anosmie, Schlaf-, Denk-, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen sowie Beklemmung.

Von Gianfranco Fain