Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Abschied ins Abenteuer
Marburg Abschied ins Abenteuer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:58 11.04.2021
Übers Ortsschild klettern und dann von den Wandergesellen aufgefangen werden. Diesem Brauch muss auch Yannick folgen.
Ritual, bevor es losgeht: Mit bloßen Händen muss Zimmermannsgeselle Yannick Schlüter ein 80 Zentimeter tiefes Loch graben, in das eine Flasche mit Nachrichten seiner Freunde verbuddelt wird. Erst bei seiner Rückkehr nach mindestens drei Jahren und einem Tag darf er die Flasche ausbuddeln und die Zettel lesen. Quelle: Fotos: Nadine Weigel
Anzeige
Wehrshausen

Mit bloßen Händen fängt er an zu graben. Seine Fingernägel bohren sich tief durch die Grasnarbe, wühlen in der eiskalten Erde. Yannick Schlüter sitzt unter dem Ortsschild von Wehrshausen auf seinen Knien und buddelt ein Loch. Eisiger Wind peitscht ihm durchs Gesicht. Dicke Schneeflocken landen auf seinem breitkrempigen Hut. Sein weißes Leinenhemd, das er unter der schwarzen Weste seiner Zimmermannstracht trägt, ist langsam durchnässt.

„Warte, hier kriegst du ein Werkzeug“, ruft jemand und wirft ihm den Kronkorken eines Bieres in den Schoß. Schallendes Gelächter ertönt aus den Kehlen der Wandergesellen, die um den grabenden Yannick herumstehen. Aus ganz Deutschland sind ein dutzend in typischer schwarzer Kluft gekleidete Wandergesellen am Ostermontag nach Wehrshausen gekommen, um den Zimmermann Yannick in sein neues Leben zu begleiten. Auf die Walz.

Drei Jahre und ein Tag wird der 23-Jährige unterwegs sein. Er folgt damit einer Tradition, die bis ins Mittelalter zurückgeht. Bis zur beginnenden Industrialisierung war die Walz eine der Voraussetzungen, um zur Meisterprüfung zugelassen zu werden. Die Gesellen sollten neue Arbeitspraktiken und fremde Orte kennenlernen. Heute gibt es nur noch eine Handvoll der reisenden Handwerker, die mit Wanderstab und Kluft zu Fuß durch die Welt tingeln. Eine extrem selten gewordene jahrhundertealte Tradition. Selbst für Marburgs Innungsmeister der Zimmerer eine einmalige Erfahrung: „In meinen 30 Jahren als Zimmermeister habe ich so eine Verabschiedung eines Wandergesellen noch nie miterlebt. Ich bin gespannt“, sagt Pfeiffer. Er ist Yannicks Chef und findet die Entscheidung, sein altes Leben hinter sich zu lassen, mutig.

Zu Recht. Denn das Leben als Wandergeselle ist ein Abenteuer, das an schwierige Bedingungen geknüpft ist: Er darf kein eigenes Fahrzeug besitzen und sich nur zu Fuß oder per Anhalter fortbewegen. Auch sein Handy muss zu Hause bleiben. „Das werde ich nicht vermissen. Das Ding nervt nur“, sagt der 23-Jährige augenzwinkernd. Bereits im ersten Lehrjahr beschloss der Wehrshäuser, auf die Walz zu gehen. So fasziniert war er von dieser alternativen Lebensweise.

Sich nun aber tatsächlich auf den Weg zu machen, fällt ihm schwer. Denn er lässt nicht nur Familie und Freunde zurück, sondern auch seine Freundin Valerie, mit der er seit zwei Jahren eine Beziehung führt. „Es ist sein Lebenstraum, da kann ich ihm nicht im Weg stehen“, erklärt Valerie und gibt ihm einen Kuss. Viele Leute würden es nicht verstehen, sagt sie, aber, wenn er wegen ihr nicht auf die Walz gehen würde und unglücklich wäre, könne sie sich das nicht verzeihen. Also lässt sie ihn ziehen und die Beziehung ruhen auf unbestimmte Zeit.

Mindestens drei Jahre und ein Tag darf Yannick als sogenannter freireisender Zimmerer nicht nach Hause kommen. Er darf sich seinem Heimatort noch nicht einmal auf 50 Kilometern nähern, die Bannmeile nicht durchbrechen. Sein ganzes Leben befindet sich nun eingewickelt in einem 80 mal 80 Zentimeter großen, bedruckten Tuch, einem sogenannten Charlottenburger. Nur seine Zahnbürste hat er in der Innenseite seiner Weste verstaut.

„So lernt man, dass man zum Leben gar nicht so viel braucht, das ist vielleicht die Lektion an der ganzen Geschichte“, erklärt Josef und klopft Yannick auf die Schulter. Josef ist bereits seit zwei Jahren auf der Walz und ist Yannicks sogenannter „Exportgeselle“. Der 29-Jährige nimmt ihn die ersten Wochen an die Hand, zeigt ihm, wie man Arbeit findet oder Schlafplätze. Bringt ihm bei, wie man zünftig und ehrwürdig lebt und weist ihn in die Walz-Rituale ein. Wie das Loch-Graben unterm Ortsschild.

80 Zentimeter tief musste Yannick buddeln. In der Zwischenzeit haben ihm seine Freunde und Familie Nachrichten auf Zettel geschrieben und in eine leere Flasche gepackt. Diese wird nun - zusammen mit einer Schnapsflasche – ins Loch gelegt. Erst nach seiner Rückkehr in ein paar Jahren darf er die Flaschen ausbuddeln, die Nachrichten lesen und seiner Familie den Schnaps als Geschenk überreichen.

Freunde und Verwandte sind ebenfalls ans Ortsschild gekommen, um sich von Yannick zu verabschieden. Eine traditionelle „Losgeherei“ in Zeiten einer Pandemie? Kein leichtes Unterfangen. Alle tragen Masken. Zudem hat Rettungssanitäterin Valerie alle Wandergesellen abgestrichen und auf Corona getestet. „Alle waren zum Glück negativ.“

Und so drücken auch Mama Astrid und Oma Marianne ihren Yannick noch einmal minutenlang fest an sich. „Ich bin stolz auf ihn“, sagt seine Oma und kramt ein historisches Dokument hervor. Es ist das Wanderbuch ihres Vaters, der als Metzgergeselle im Jahr 1921 auf Wanderschaft gegangen ist. 100 Jahre später führt Yannick die Tradition fort. Tränen fließen. Es gibt kein Zurück mehr. Wie der jahrhundertealte Brauch es will, helfen Verwandte und Freunde Yannick aufs Ortsschild. Er klettert drüber. Blickt noch einmal zu seinem alten Leben. Winkt und lässt sich in die Arme seiner neuen Familie, den Wandergesellen, fallen. Dann marschieren sie gemeinsam los. Zurückblicken darf Yannick nicht, so ist die Regel. Das Abenteuer liegt schließlich in Blickrichtung vorn.

Von Nadine Weigel

11.04.2021
11.04.2021
11.04.2021