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Marburg Gainako: Integriert und engagiert
Marburg Gainako: Integriert und engagiert
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13:00 30.12.2017
Nadine Weigel
Gainako Dziallo bereitet in der UKGM-Küche ein edles Stück vom Jungbullen für die Weihnachtsfeier vor. Foto: Nadine Weigel Quelle: Gainako Dziallo bereitet in der UKGM-Küche ein edles Stück vom Jungbullen für die Weihnachtsfeier vor.
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Marburg

Dass der 22-jährige Gainako Dziallo in der Küche des Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKGM) eine Ausbildung zum Koch absolviert, bei seinen Kollegen und Vorgesetzten anerkannt ist, liegt vielleicht an seinem freundlichen Wesen und seiner „Lernbereitschaft“, wie es sein Ausbilder, Gruppenleiter Michael Kroll, ausdrückt.

Dass Gainako seine Ausbildung hier im Sommer mit der Gesellenprüfung abschließen wird – für Kroll besteht daran kein Zweifel –, liegt aber auch daran, dass Kollegen, Betrieb und Gainako selbst eine bemerkenswerte Integrationsleistung vollbracht haben. „Er war der erste schwarze Flüchtling, der hier angefangen hat“, sagt Kroll, „und das hat natürlich am Anfang ein paar Probleme aufgeworfen.“

Probleme hat aber vor allem der Aufenthaltsstatus von Gainako gemacht. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wollte Gainako schon in sein Herkunftsland Guinea abschieben, daran änderte auch eine Anhörung im Integrationsamt in Neustadt nichts. „Ich sei nicht integriert“, haben die ­gesagt, berichtet Gainako.

Der Flüchtling vertritt die Interessen seiner Kollegen

Nicht bekannt war bei der ­Behörde, dass der junge Mann ­eine Ausbildungsstelle hat, für die Jugend- und Auszubildendenvertretung des UKGM kandidiert hatte und als Ersatzmitglied gewählt war. Heute ist er als reguläres Mitglied in das ­Organ nachgerückt und vertritt die Interessen seiner Mit-Auszubildenden gegenüber dem Betrieb.
Mit diesen Informationen ausgerüstet, erteilte das BAMF Gainako in diesem Sommer eine befristete Aufenthaltsgenehmigung – bis zur Prüfung darf er in jedem Fall bleiben.

Und da der Tarifvertrag am UKGM vorsieht, dass Auszubildende nach erfolgreichem Abschluss der Lehre für eine bestimmte Zeit übernommen werden, ist auch längerfristig eine Zukunft in Deutschland wahrscheinlich. Denn nach Guinea will Gainako nicht zurück. Den Kontakt zu seiner Familie hat er längst verloren, schon damals, als er sich als Straßenkind in Guinea durchschlug.

Jahrelang hat Abdoul, wie Gainako damals noch hieß, auf den Straßen von Conakry gelebt, der Hauptstadt von Guinea. So wie Zehntausende von Jungen und Mädchen, meist zwischen 6 und 14 Jahren. Wenn er über diesen Teil seines Lebens erzählt, wird seine Stimme ganz leise. Das Leben auf der Straße in Guinea – es wird bestimmt von Hunger, von Diebstahl, auch von Drogen. Kurz: Es ist ein einziger Überlebenskampf. 
Abdoul hat diesen Kampf gemeistert. Ob es sechs oder sieben Jahre waren, die er auf der Straße gelebt hat, weiß er nicht mehr genau.

Nur, dass er irgendwann den Beschluss gefasst hat, abzuhauen. „Ich wollte nach Deutschland – weil ich einmal einen Mercedes Benz gesehen habe und beschloss: So einen fahre ich auch einmal.“

Ohne Geld für die Überfahrt blieb ihm nichts anderes übrig, als für die Organisation, die ihn über das Mittelmeer zu bringen versprach, zu arbeiten. Was genau er tun musste, berichtet er nicht. Wie lange er festsaß, weiß er nicht genau. Irgendwann jedenfalls wurde ihm gesagt, ein Boot zu besteigen, das ihn nach Spanien bringen sollte.

Was der durchschnittliche Mitteleuropäer nur aus dem Fernsehen kennt, Abdoul hat das Grauen selber erlebt. Vor der spanischen Küste, die Küstenschutzpolizei schon in Sichtweite, kenterte das Boot nach einer Explosion und zerbrach. ­Abdoul hatte noch Glück im Unglück. „Irgendwie bekam ich eine Schlaufe zu fassen, an der ich mich festgehalten habe“, berichtet er. 13 seiner zunächst Mitreisenden hatten dieses Glück nicht. Sie ertranken, Europa schon vor Augen. Abdoul wurde von der spanischen Küstenwache aus dem Wasser gezogen. Nach sechs Monaten durfte er weiterziehen nach Deutschland.

„Er ist für mich fast wie ein drittes Kind“

Er hat hier einen Asylantrag gestellt, er wurde 2013 als ­„unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“ dem Landkreis Marburg-Biedenkopf zugewiesen. In der Wohngruppe, die die ­
 Familie Schwieder in Wetter für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreibt, fand er Unterkunft und Betreuung. Abdoul machte in gut zwei Jahren seinen Hauptschulabschluss – und begab sich auf Jobsuche.

So lernte er Michael Kroll kennen – ein Glücksfall für den jungen Mann. Kroll kümmerte sich, stellte ihn als Lehrling ein und ist heute noch wichtigster Ansprechpartner für Gainako, der seinen ursprünglichen afrikanischen Namen wieder angenommen hat. „Inzwischen ist er für mich fast wie ein drittes Kind“, sagt Kroll über seinen Schützling und fügt hinzu: „Und deswegen engagiere ich mich für ihn.“

Kroll hätte im Übrigen auch weitere Flüchtlinge eingestellt – vorerst ist es bei Gainako geblieben: „Einige Bewerber haben zurückgezogen, weil sie Muslime sind und wir ihnen nicht garantieren können, dass sie nicht mit Schweinefleisch in Kontakt kommen“, berichtet er.

Gainako über die Arbeit: „Hier ist meine Familie“

Kroll vermittelte auch, dass Gainako von seiner Wohnung in Kirchhain umziehen konnte in das Schwesterwohnheim am Krummbogen – näher zur Arbeit und die Basis für soziale Kontakte. „Hier ist meine Familie“, sagt Gainako auch, wenn er über die UKGM-Küche spricht, und seine Stimme beginnt zu zittern. Michael Kroll, dessen Küchenleiterkollege Lutz Landes und Margit Kirchhain, die Bereichsleiterin Speisenversorgung am UKGM und damit oberste Chefin von Gainako, sind damit gemeint, aber auch die vielen Kollegen. Längst ist der „nette Junge“, wie eine Kollegin sagt, anerkannt. Und inzwischen gewöhnen sich die Arbeitskollegen auch langsam an den neuen Namen ihres Auszubildenden.

Mehr als 1200 Mittagessen werden in der Küche des UKGM täglich zubereitet, Gainako hat sie fast alle gelernt. Inzwischen traute ihm Michael Kroll auch zu, für das weihnachtliche Festessen den Jungbullen zu marinieren und zuzubereiten. Zu beanstanden gab es nichts.

Gainako – der Name bedeutet auf Deutsch „Bauer“ – will sich nun auf seine Gesellenprüfung vorbereiten. Dass er sie bestehen wird, davon geht er aus. Danach will er vielleicht noch einmal etwas anderes kennenlernen – „aber genauso gerne würde ich hier weiterarbeiten, hier sind alle gut zu mir“, sagt er.

von Till Conrad