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Marburg Neuer Abschluss, neue Chancen
Marburg Neuer Abschluss, neue Chancen
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11:00 17.07.2021
Mal analog, mal digital im Unterricht: Laura Greb aus Mardorf holt an den Abendschulen Marburg ihren Realschulabschluss nach.
Mal analog, mal digital im Unterricht: Laura Greb aus Mardorf holt an den Abendschulen Marburg ihren Realschulabschluss nach. Quelle: Ina Tannert
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Marburg

Wenn Laura Greb in den Unterricht startet, haben andere Realschüler bereits mehr als eine Schulstunde hinter sich, dabei ist die 21-Jährige praktisch Frühaufsteherin für eine Studentin der Abendschulen Marburg. Denn dort finden sich besonders viele Nachteulen, die am Abend zur Schule gehen und zwar freiwillig.

Die Mardorferin hat sich für die frühe Variante entschieden und holt gerade ihren Realschulabschluss nach, möchte sich beruflich umorientieren. Den Hauptschulabschluss hat sie regulär absolviert, ebenso eine Lehre zur Hauswirtschafterin, ihr erster Berufswunsch, in dem sie einige Jahre auch arbeitete. Dann kam der Moment, als sie ins Grübeln kam: „Ich habe überlegt, ob das die Arbeit ist, die ich mein Leben lang machen will – und nein, das war es nicht“, berichtet Laura Greb von einem Entschluss, über den sie bis heute froh ist.

Denn eigentlich träumt sie davon, mit Tieren zu arbeiten, alternativ in der Krankenpflege. Und für den zweiten Anlauf im künftigen Job, am liebsten als tiermedizinische Fachangestellte, will sie sich als künftige Bewerberin mit einem Realschulabschluss eine bessere Position verschaffen. Also legte sie die Eignungsprüfung der Abendschulen ab, die es seit mehr als 50 Jahren in Marburg gibt, und drückt seit zwei Jahren wieder die Schulbank. Wie ist das an einer Schule für Erwachsene im Vergleich zu früher? „Komplett anders als in der normalen Schule“, sagt sie.

Das Schulmodell ist auf Flexibilität ausgelegt und auf ganz verschiedene Lebensläufe der Studierenden, die dort Haupt-, Realschulabschluss oder Gymnasialzweig nachholen. Sie werden auch nicht Schülerinnen und Schüler genannt, absolvieren Semester statt Schulhalbjahre, als Unterscheidung zu allgemeinbildenden Schulen. Der Umgang untereinander sei deutlich entspannter, die Studierenden sind freiwillig dort, zielorientierter, reifer: „Es ist sehr angenehm in der Klasse, eine ganz andere Atmosphäre und ein viel respektvollerer Umgang als früher, da ist man auch motivierter“, erzählt Laura Greb.

Eigenständigkeit ist Vorteil in der Pandemie

Pandemie und Lockdown haben die Abendschulen dabei ebenso hart getroffen, viele Unterrichtsstunden in Präsenz fielen aus, Studierende und Lehrkräfte mussten in den Fernunterricht wechseln, „wir haben dann das elektronische Klassenbuch und eine Videoplattform zur Kommunikation genutzt“, erzählt sie. Das klappte gut, dennoch sei die Schule auf Distanz kein gleichwertiger Ersatz, „es ist deutlich anstrengender als der normalere Unterricht, der direkte Kontakt zu den Lehrern fehlt, zuhause ist man eher abgelenkt als in der Schule“, erinnert sie sich.

Dabei hatten manche Abendschüler einen Vorteil, viele sind in einer der Abschlussklassen, die auch im Lockdown in Präsenz unterrichtet wurden. Derzeit besuchen 265 Studierende mit ganz unterschiedlichen Biografien die 13 Klassen der Abendschulen: Schulabbrecher, Krankheitsfälle bis zum Studierenden, der sich weiterbilden will. Die meisten sind zwischen 18 und 40 Jahre alt, manche auch älter. Die Bandbreite ist groß, die Klassen kleiner als in einer Regelschule. Viele haben bereits gearbeitet und sind eigenständiger. Auf diese Kompetenzen zielt das Schulkonzept auch ab.

Der Umgang mit der Pandemie-Situation war dennoch sehr unterschiedlich: „Es hängt auch von der Schulform ab, die Studierenden, die noch nicht so selbständig sind in der Organisation, haben unter dieser Situation gelitten, für andere war es ein Vorteil, dass sie in der Lage waren, damit besser zurecht zu kommen“, sagt Schulleiter Armin Bothur. Der durch Corona hervorgerufene Ausnahmezustand an den Schulen war indes auch ein Grund, weshalb in diesem Jahr „ein paar mehr“ Studierende als üblich die Abendschule abgebrochen haben. Das bedauert Bothur, umso mehr freue er sich, dass wieder in Präsenz unterrichtet werden kann, „hoffentlich bleibt es dabei, der enge Kontakt zu den Fachlehrern ist einfach enorm wichtig“.

Dennoch sind Lücken entstanden und den Stoff will Laura Greb nun nachholen, „der fehlt ja sonst bei der Abschlussprüfung“. Sie wiederholt daher ein Semester, will im nächsten Jahr den Abschluss machen. Sie geht kein Risiko ein, möchte ihren Notenschnitt noch verbessern, um dann im neuen Beruf voll durchstarten zu können. Das befürwortet auch Klaus Stefan Diehl, Realschullehrer für Arbeitslehre in Teilzeit, hauptberuflich aber Berufsberater: „Es ist immer noch so, dass man mit einem Realschulabschluss mehr Chancen hat als mit der Hauptschule, Bildung ist einfach der Schlüssel – auch viele Firmen fordern heute noch mehr Flexibilität und Qualifikation von den Bewerbern“.

Das weiß auch Laura Greb, die sich deswegen hinter ihre Bücher klemmt. Nun stehen aber erstmal die Sommerferien an, danach folgt dann der Endspurt in ihrer zweiten Schulzeit: „Ich bin zuversichtlich und froh, dass es diese Möglichkeit gibt, mich weiterzuentwickeln, das würde mir sonst fehlen.“

Von Ina Tannert