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Marburg Ab in den Wald!
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20:57 22.05.2021
Moritz im Wald unterwegs. Mit Stöcken in jeder Hand balanciert der Dreijährige über einen Baumstamm.
Moritz im Wald unterwegs. Mit Stöcken in jeder Hand balanciert der Dreijährige über einen Baumstamm. Quelle: Fotos: Stefan Weisbrod
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Marburg

„Da“, sagt Moritz, „ist was.“ Der Dreijährige zeigt auf einen Baum, an dem etwas Rinde fehlt. „Was ist das?“, fragt er seine Mutter. Beide überlegen. Vielleicht, ist ihre gemeinsame Erklärung, hat ein Reh am Baum geknabbert. Moritz ist fasziniert davon, schaut es sich genau an. „Papa“, sagt er, zeigt auf die Stelle, „guck mal. Da hat ein Reh den Baum angefressen.“

Keine zehn Meter ist Moritz vom Weg entfernt, über den er zuvor gelaufen ist. Weiter ist er noch nicht in den Wald gekommen, wird er auch in den nächsten anderthalb Stunden nicht kommen. Völlig normal ist das, sagen Karen Rohlfs und Eva Bökelmann aus ihrer praktischen Arbeit mit Kindern im Krippen-, Kindergarten- und Grundschulalter. „Einfach losziehen“ – das ist der erste Tipp, den Bökelmann auf die Frage gibt, was Erwachsene mit Kindern im Wald unternehmen können. Die Mitarbeiterin beim Marburger Verein zur Förderung bewegungs- und sportorientierter Jugendsozialarbeit (bsj) meint damit, dass man sicher gar nicht unbedingt festlegen muss, was man im Wald machen will, kein Ziel festlegen muss. „Es ist oft so, dass man gar nicht weit kommt, weil Kinder überall etwas entdecken.“

Bei einem Spaziergang darf man sich mal „verlaufen“

Moritz hat einen etwas dickeren Stock entdeckt, der zwischen dünneren Ästen festhängt. Er kommt dran, zieht ihn heraus. Jetzt braucht er noch einen zweiten, entscheidet er, findet ihn auf dem Boden. Mit beiden, jeweils einem in jeder Hand, klettert er auf einen Baumstamm, der am Wegesrand liegt, fängt an zu balancieren. Mit etwas in den Händen, weiß er, geht das besser.

„Es ist das Spannende“, sagt Rohlfs, die Leiterin des Zentrums für Frühe Bildung beim bsj: „Man weiß vorher nie, was im Wald genau auf einen zukommt, was man findet.“ Manche Menschen würden ihn daher scheuen. Anderen falle es nicht leicht, wenn ihre Kinder sich längere Zeit mit scheinbar einfachen Sachen, etwa einem Stock, einer Pflanze oder einem Käfer, beschäftigen. „Es geht darum, es zuzulassen, nicht zu meinen, dass die Kinder mehr oder etwas anderes brauchen.“

Viele denken bei einem Ausflug in den Wald zunächst an einen klassischen Sonntagsspaziergang. Kinder begeistert man damit nicht unbedingt. Doch auch, wenn es darum geht, auf Wegen unterwegs zu sein, kann man für etwas Abwechslung sorgen – sich „verlaufen“, wie es Bökelmann nennt. Denn meist führt nicht nur eine mehr oder weniger befestigte Route durch den Wald, oft gibt es Kreuzungen. Welcher Weg dann genommen wird, kann man spontan entscheiden, vielleicht eine Münze werfen. Wirklich verlaufen sollte man sich dabei natürlich nicht. „Notfalls“, sagt die Expertin, „sollte man ein Handy dabei haben, um sehen zu können, wo man gelandet ist.“

Meist sei es aber besser, das Smartphone weggesteckt zu haben, wenn man mit Kindern unterwegs ist – egal ob im Wald oder anderenorts. Das, betont Rohlfs, heiße aber nicht, dass man das Gerät überhaupt nicht verwenden soll: „Es spricht nichts dagegen, zwischendurch ein paar Fotos für Oma und Opa zu machen.“ Auch zur Bestimmung von Pflanzen oder Käfern könnte das Smartphone genutzt werden – muss es aber nicht unbedingt. Sie erklärt: „Wenn man einen Käfer entdeckt, lässt das Interesse daran meist schnell nach, wenn man ihm sagt, was es für eine Art ist. Stattdessen könnte man darüber sprechen, wie er aussieht, wie er sich verhält oder wie er sich anfühlt, wenn man ihn vorsichtig anfasst.“

Laufen über Stock und Stein fördert Motorik der Kleinen

Sind Käfer gerade trotzdem nicht besonders spannend, bietet sich vielleicht ein Baum zum Klettern an. Vorsichtig, ganz klar, das ist wichtig; ängstlich sollten Erwachsene aber nicht sein, wenn Kinder hinaufsteigen. Das Klettern fördert motorische Fähigkeiten. Bei kleineren Kindern ist es allein das Laufen über Stock und Stein, was ihnen bei der Entwicklung hilft, wie Rohlfs erläutert: „Es ist normal, dass sie zuerst stolpern, weil sie zu Hause meist nur auf ebenem Boden laufen. Faszinierend ist, wie schnell sie sich auf anderen Untergrund einstellen können.“

Für Moritz geht die Erkundungstour am Boden weiter – in einem geschätzten 15-Meter-Radius. Das heißt aber nicht, dass er sich wenig bewegt hätte. Der Zähler in der Uhr seines Vaters hat gut 2 000 Schritte erfasst – und der Sohn war auf engstem Raum deutlich mehr unterwegs. Der Dreijährige hat etwas entdeckt, was ihn an die Minze im Hochbeet zu Hause erinnert. Könnte eine wilde Variante sein. Er pflückt ein Blatt ab, reibt es zwischen seinen Finger. „Oh“, sagt er, „riecht gut.“ Es ist schon später Nachmittag, so langsam wird er müde, bekommt Hunger. Es geht nach Hause. Dort muss er seinem kleinen Bruder noch was erzählen, bevor’s in Bett geht: „Im Wald, da war ein Baum, an dem hat ein Reh gefressen.“

Von Stefan Weisbrod