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Marburg Ideen für die Mobilität der Zukunft
Marburg Ideen für die Mobilität der Zukunft
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20:58 25.06.2020
Jennifer Hilscher (von links), Mark Pfister und Elisa Fritsch sind Nutzer der Carsharing-App für den Standort Behringwerke – und profitieren so beispielsweise von einem reservierten Parkplatz. Quelle: Privatfoto
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„Zeit ist heutzutage das höchste Gut. Wenn ich fünf Minuten auf dem Weg vom Parkplatz zum Büro spare, dann ist das ein guter Anreiz“, sagt Jennifer Hilscher von CSL Behring. Sie nutzt – wie mittlerweile rund 650 Mitarbeiter der Standortfirmen im Industriepark Behringwerke – eine speziell für die Mitarbeitenden entwickelte und laut Unternehmen deutschlandweit einzigartige Carsharing-App.

Per Smartphone melden sich Fahrer und Mitfahrer an, Kennzeichen inklusive. Sie können sich dann einen arbeitsplatznahen Parkplatz aussuchen, der ausschließlich für Fahrgemeinschaften reserviert ist. 70 dieser Parkplätze gibt es mittlerweile, Tendenz steigend, wie Thomas Madry von Pharmaserv sagt.

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„Einen solchen Parkplatz zu haben ist schon hervorragend“, sagt Nutzerin Elisa Fritsch von Pharmaserv.

Doch warum der Aufwand? Weil der Standort mittlerweile auf knapp 6 500 Mitarbeiter angewachsen ist und weiter expandiert – und somit auch der Verkehr zunimmt. In der politischen Diskussion werden seit langem viele Optionen geprüft, vom „Behringtunnel“ über einen „Allnatalweg“ bis hin zu einer Seilbahn. Lösungen gibt es bisher jedoch nicht. Auch in dem vom Magistrat vorgestellten „Masterplan Behringwerke“ ist das Thema Verkehr zunächst weitestgehend ausgeklammert. Also wurden die Unternehmen selbst aktiv, gründeten Anfang 2019 die „AG Mobilität“, in der Vertreter der Standortfirmen Strategien entwickeln, um insbesondere alternative Mobilitätsangebote zu steigern.

Die Expansion des Standorts bewertet beispielsweise Michael Schröder, Geschäftsführer und Standortleiter von CSL Behring, als sehr erfreulich auch für die Region. Jedoch erfordere sie „auch ein Umdenken und innovative Lösungen im Hinblick auf die vorhandenen Mobilitätskonzepte. Insgesamt geht es uns darum, die Verkehrsbelastung zu reduzieren und moderne Mobilitätsstrategien zu etablieren, die eine echte Chance haben, im Alltag unserer Mitarbeitenden relevant zu werden.“

Die Carsharing-App habe dabei ein sehr großes Potenzial, wie Mark Pfister, Produktionsleiter bei Novartis und Mitglied der AG Mobilität, erläutert. Denn: Der überwiegende Teil der Beschäftigten komme mit dem Auto zum Standort, in Befragungen hätten nahezu 30 Prozent Interesse an Fahrgemeinschaften bekundet.

In den ersten Monaten hätten bereits gut 1 900 Fahrgemeinschaften einen Parkplatz über die App gesucht, insgesamt seien 30 000 Kilometer gemeinsam zurückgelegt – und in der Folge rund 3 700 Kilogramm CO2 eingespart worden. „Mit der steigenden Anzahl der App-Nutzer werden wir die Anzahl der Mitfahrparkplätze nach Bedarf erhöhen“, erklärt Sebastian Stubenrauch, Leiter Site Services bei Pharmaserv. „Wir hoffen, in diesem Jahr bis zu 200 Parkplätze durch Fahrgemeinschaften belegen zu können.“ Doch nicht nur Autofahrer hat die AG im Blick. Auch die Radfahrer sollen bessere Bedingungen vorfinden. Das Problem: Die Anbindung an den Standort ist nicht nur schlecht, sondern mitunter über Hauptverkehrsstraßen mit viel Verkehr auch gefährlich.

Bereits vergangenen Spätsommer gab es einen sechs Wochen währendenVersuch: An verschiedenen Stellen wurden die Werkszäune sowohl im Hauptwerk als auch in Görzhausen für Fußgänger und Radfahrer mit mobilen, bewachten Pforten geöffnet – mit dem Ziel zu sehen, ob neue Zugänge zu mehr Nutzung abseits des Autos führen.

„Die erhobenen Zahlen zeigen uns, dass es einen großen Bedarf gibt, Radfahrern und auch Fußgängern bequemere Möglichkeiten zu bieten“, resümiert Dr. Dana Kattmann, Mitglied der AG Mobilität für Siemens Healthineers. Das Ergebnis: Auch dieses Jahr soll es eine solche Öffnung wieder geben, bevor man langfristig entscheide, welche Verbindungen und Zugänge für Radfahrende am besten entwickelt werden sollen.

Das Thema Radweg ist indes ein schwieriges, wie Thomas Madry weiß. Denn: „Es gibt dutzende Parteien, die bei der Entwicklung eines Radwegs zwischen den beiden Werksteilen eingebunden werden müssen“ – das sei nicht kurzfristig zu lösen.

In Punkto optimierter Verbindungen des ÖPNV gebe es mit der Buslinie 14, die nun mit einer besseren Taktung, einem erweiterten Fahrplan und somit einer idealeren Anbindung an die obere Lahntalbahn bereits eine spürbare Verbesserung mit höherer Akzeptanz hat. Das sei ein erster Schritt, doch bedürfe es in Zukunft noch ein deutlich erweitertes ÖPNV-Angebote für den Standort.

Im internen Werksverkehr gibt es ebenfalls Verbesserungen: So wurde im November 2019 ein Shuttle-Service vom Parkplatz Ludwigsgrund nach Görzhausen I angeboten, um Erfahrungen für Park+Ride Angebote für Mitarbeitende zu sammeln.

„Uns allen ist klar: Der Verkehr ist und bleibt ein wichtiges Thema“, fasst Thomas Görge, Geschäftsführer des Standortbetreibers Pharmaserv zusammen. „Für die Entwicklung des Standorts ist es von großer Bedeutung, dass Mitarbeitende den Standort gut erreichen können“ – gerade im Werben um Fachkräfte sowie für die Produktion und Entwicklung von Produkten für den Weltmarkt spiele dies eine zentrale Rolle. Dazu sei es aber auch notwendig, verkehrliche Infrastrukturlösungen zur Verbesserung der Erreichbarkeit und des Verkehrsflusses umzusetzen – die Standortfirmen würden ihrerseits ihre alternativen Mobilitätsangebote weiterentwickeln.

Von Andreas Schmidt

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