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Marburg Friedenshütten: ein Notheim im Wandel der Zeit
Marburg Friedenshütten: ein Notheim im Wandel der Zeit
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09:00 29.11.2020
Das Kinderheim „Friedenshütten“ im Jahr 1962. Maria Gerke, die Schwester von Karl Haupt hat es noch einmal besucht.
Das Kinderheim „Friedenshütten“ im Jahr 1962. Maria Gerke, die Schwester von Karl Haupt hat es noch einmal besucht. Quelle: Foto: Herbert Gerke
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Marburg

„Friedenshütten war ein Segen in einer absoluten Notsituation. Es war ein sicherer Ort in der unsicheren Nachkriegszeit und konnte, so gut es eben ging, auch Perspektiven eröffnen.“ Das sagt Ulrich Kling-Böhm, Vorstandsmitglied des St. Elisabeth-Vereins. Der Verein hatte das Notheim am ersten Advent 1945 in Marburg eröffnet.

Das Haus am Kaffweg war zu klein geworden. „Daher pachtete der Verein im Sommer 1945 das ehemalige Arbeitsdienstlager bei den Neuhöfen, um dort ein Kinderheim mit eigener Grundschule, später Heimsonderschule, einzurichten. Hier fanden anfangs 46 heimatlose Kinder und Kinder aus gestörten Familien eine Unterkunft.“ So steht es in der Chronik zum 125-jährigen Jubiläums des St. Elisabeth-Vereins aus dem Jahre 2004. Weiter heißt es dort: „Zunächst hatten dort Diakonissen aus Frankfurt die Betreuung der Kinder übernommen, nach ihrer Abberufung im Jahre 1953 lag die Leitung von Friedenshütten in den Händen der staatlich anerkannten Jugendleiterin Gertrud Sandberg.“

Zeitweise haben 100 Jugendliche in Friedenshütten gelebt, zunächst vor allem Flüchtlingskinder. Erst nach der Währungsreform im Jahr 1948 begann sich die Situation langsam zu entspannen. Durch die Einführung des Bundessozialhilfegesetzes im Juni 1961 wurde das bis dato geltende Fürsorgerecht abgelöst. Die Zahl der vom St. Elisabeth-Verein betreuten Kinder verringerte sich so weit, dass kleinere Familiengruppen eingerichtet wurden, in die auch jugendliche Spätaussiedler aus Polen, Jugoslawien und Rumänien aufgenommen werden konnten. In der Chronik heißt es: „Sie wurden ab 1958 in einer eigenen Förderschule unterrichtet und auf das Leben in Deutschland vorbereitet.“ 1967 wurden die mittlerweile baufälligen und für die Heimarbeit völlig unzureichend gewordenen Baracken durch einen Neubau ersetzt. Dort zog eine 60-köpfige „Familie“ ein, „wobei jede Familiengruppe aus zwölf bis fünfzehn Kindern und drei Betreuern bestand“. Dieses Gebäude zählte damals zu den größten Kinderheimen Hessens.

Das Gefühl, etwas zu bewirken

In den 1970er Jahren, nach den großen Auseinandersetzungen um neue pädagogische Konzepte, änderte sich die Betreuung grundlegend – weg von den großen Gruppen hin zu dezentralen Wohneinheiten. Elke Junck-Peter hat diese Entwicklung hautnah miterlebt. Seit 40 Jahren arbeitet die Schönstädterin im St. Elisabeth-Verein als Erzieherin. „Diese Arbeit war genau mein Ding“, blickt die heute 59-Jährige zurück. „Dieses Gefühl: du kannst was bewegen und verändern, hat mich die ganzen 40 Jahre getragen.“ Denn ursprünglich wollte sie nur fünf Jahre bei der Jugendhilfeeinrichtung bleiben.

In ihren Anfangsjahren gab es noch das Großgruppen-Prinzip in der Betreuung. „In Friedenshütten gab es damals die blaue, gelbe und rote Gruppe und noch eine weitere.

Die Kinder waren in einer großen Wohnung mit einer kleinen Küche in Zweibett-Zimmern untergebracht. Essen gab es aus der Großküche, die unten im Haus für alle Häuser des Vereins gekocht hat. Wenn wir mit den Kindern mal Kuchen oder Waffeln gebacken haben, dann war das ein Highlight. Der familiäre Alltag, so wie es heute in den Wohngruppen gelebt wird, war sozusagen ausgegliedert. Es gab eine Wäscherei und vier Kollegen kümmerten sich im Schichtdienst um die Kinder“, erinnert sich Elke Junck-Peter und ergänzt: „Der Beziehungsaufbau war anders und nicht so individuell wie heute.“

In der Chronik fasst Rüdiger Rohe, der im Jahre 1987 die Heimleitung übernommen hatte, die Situation der vergangenen Jahrzehnte so zusammen: „Ohne echte Nachbarschaft lebten über vierzig Problemkinder abgeschirmt in einer künstlichen Wohnwelt. Anstelle der erforderlichen festen Beziehungen haben sie dort Schichtarbeiter als Erzieher erlebt, die selbst oft das Heim nach kurzer Zeit wieder verließen. Der Dienstrhythmus bestimmte den Lebensrhythmus. Vertrauen aufzubauen war schwierig.“ 1988 wurde „Friedenshütten“ als Ort pädagogischer Arbeit aufgelöst und stand vorübergehend für Aussiedler zur Verfügung.

Elke Junck-Peter war bereits 1985 mit ihrem Mann und fünf Heim-Jungs nach Amöneburg in eine Wohngemeinschaft gezogen. Sie hatte ihre eigene Wohnung in dem Haus und wurde von weiteren Mitarbeitern unterstützt, „aber es gab viel mehr Individualität mit den Kindern und vor allem einen familiären Alltag. Einkaufen, kochen, nähen – all das wurde zusammen erledigt. Die Jungs hatten Kontakte zur Nachbarschaft geschlossen, waren sogar mit der Burschenschaft unterwegs. Da ist wirklich was gewachsen“, berichtet sie vom völlig neuen Konzept der Jugendhilfe, das bis heute in vielfältiger Weise vom St. Elisabeth-Verein angeboten wird.

800 Kinder werden derzeit hessenweit in Wohngruppen und in der Familienintegrative betreut – ambulant, stationär und teilstationär in Wochen- und Tagesgruppen. Hinzu kommen noch etwa 130 Pflegefamilien, die sich um etwa 180 Pflegekinder kümmern. Am Standort Neuhöfe ist aus dem ehemaligen Kinderheim ein modernes Verwaltungsgebäude geworden.

Neben dem Geschäftsbereich Pflegefamilie gibt es dort auch den der Familienintegrative, eine weitere Betreuungsform, in der pädagogische Fachkräfte Kinder im Familienverbund betreuen, die einen sehr hohen Unterstützungsbedarf haben. Weiterhin ist in einem Nebengebäude die Julie-Spannagel-Schule, die 1968 ihre staatliche Anerkennung als private Sonderschule erhielt, untergebracht. Heute ist sie eine Förderschule für Kinder mit einer emotional-sozialen Störung. In Gründung befindet sich eine Akademie, wo Mitarbeiter des St. Elisabeth-Verein, aber auch die Eltern der betreuten Kinder weiter gebildet werden können.

Denn auch immer mehr jüngere Kinder haben heutzutage einen erhöhten Unterstützungsbedarf. „Es ist traurig, wie vielen Kindern viele Entwicklungschancen genommen werden, die sie nie wieder aufholen“, sagt Ulrich Kling-Böhm. Genau deswegen sucht der Verein noch Familien und Familienintegrative für seine Angebote.

Goldene Zeiten in Friedenshütten

Karl Haupt aus Dresden ist heute 83 Jahre alt. Er war von November 1947 bis November 1948 im Kinderheim „Friedenshütten“ und berichtete am OP-Telefon von dieser Zeit.
„Neben dem Kinderheim waren Amerikaner stationiert. Es war ja erst zwei Jahre nach Kriegsende. Das Heim hielt zwei Schweine und wir konnten jeden Tag bei den Soldaten Essensreste für die Tiere holen. Schwester Anna, eine der drei Diakonissen aus Frankfurt, die die Leitung übernommen hatten, zog einen Handwagen, wo auch Milchkannen drauf standen. Sie wurde immer von zwei oder drei Knaben begleitet. Unter anderem auch von mir. Die Amerikaner machten sich immer einen Spaß daraus, wenn wir die Posten passierten, und salutierten für uns. Das war für uns etwas. Auch das Weihnachtsfest 1947 hatten die Amerikaner für uns gestaltet. Schwester Emmi, die älteste der Diakonissen, hatte es geschafft, eine gute Zusammenarbeit mit den Soldaten herzustellen. So kamen diese an Heilig Abend mit zwei LKW vorgefahren und hatten für jeden von uns einen bunten Teller mit Keksen und Schokolade. Die Emotionen, die sie bei uns Kindern damit auslösten, sind bis heute präsent. Das Heim bekam auch oft Baseball-Schläger und Bälle geschenkt. Damit spielten wir auf den Pferdekoppeln im Ort.
Als Zehnjähriger durfte ich die öffentliche Schule in Wehrshausen besuchen. Ich erinnere mich noch genau an das Frühjahr 1948, als wir ohne Schuhe morgens in den Ort liefen und das Eis der über Nacht zugefrorenen Pfützen zertraten. Wir waren zwar dünn angezogen, aber gefroren haben wir nicht. Es gab keine Hässlichkeiten unter den Kindern im Heim. Ich habe keine Not gelitten.

Der 83-jährige Karl Haupt aus Dresden hat ein Jahr lang in Friedenshütten gelebt. Foto: Annegret Fehlisch

In der unteren Baracke war die Verwaltung untergebracht, in der oberen war das Bettenhaus. Das hatten auch die Amerikaner wieder hergerichtet, weil es im Krieg stark beschädigt worden war. Ich hatte eine goldene Zeit in Marburg, in einer wunderschönen Landschaft. Es war ein Glücksumstand, dass ich da gelandet bin.“
Karl Haupt ging 1948 mit seiner Schwester, die bei Verwandten in Bad Nauheim untergebracht war, zurück nach Meißen, zu seiner Mutter. Er pflegt bis heute Kontakte zu anderen Ehemaligen aus „Friedenshütten“ und ist regelmäßig in Marburg auf Besuch. Seine Schwester Maria Gerke, die Frau auf dem Foto, zog später der Liebe wegen zurück in die Universitätsstadt, wo sie bis heute lebt.

Von Katja Peters

28.11.2020
28.11.2020
28.11.2020