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Marburg 75 Glückwünsche und eine Theaterkutsche als Geschenk
Marburg 75 Glückwünsche und eine Theaterkutsche als Geschenk
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07:59 29.09.2020
Blick in den Saal des Erwin-Piscator-Hauses während des Festaktes zum 75-jährigen Bestehen des Theaters. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

„Happy Birthday, Hessisches Landestheater“: Der 75. Geburtstag des in Marburg ansässigen Theaters fiel zwar nicht ins Wasser, aber es war auch keine rauschende Feier. „Ihr hättet ein Fest verdient, einen Ball mit Feuerwerk und einer Straße voller Menschen“, rief der Marburger Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies den beiden Theatermacherinnen Carola Unser und Eva Lange – dem Intendantinnen-Duo des Hessischen Landestheaters Marburg“ (HLTM) – bei der Feier zu. Stattdessen gab es coronabedingt nur einen relativ schmucklosen Festakt für rund 100 geladene Gäste, die im Parkett vor der Bühne in der Marburger Stadthalle wie schon bei der ersten Premiere der neuen Spielzeit jeweils in „Zweier-Packs“ nebeneinander saßen – und das natürlich mit gebührendem Abstand. Immerhin: Für die Gästeschar gab es vorab auf dem Vorplatz noch jeweils ein Glas Prosecco. So viel Zeit musste schon sein.

Wohin mit der Torte?

Unser und Lange freuten sich trotz aller Kargheit des Events zu Recht darüber, dass die offizielle Feier des Theaterjubiläums trotz der Corona-Einschränkungen für den Theaterbetrieb überhaupt über die Bühne gehen konnte. „Seit 75 Jahren Theater in Marburg: Ohne Politik und Verwaltung wären die künstlerischen Prozesse in dieser Form gar nicht möglich“, bedankte sich Carola Unser bei Landes- und Kommunalpolitik, bevor sie auch den Dank für ein Dreivierteljahrhundert an das Publikum und an alle „Mitarbeiter der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ abstattete. Zu einem Geburtstag gibt es traditionellerweise Geschenke. Aber an welche Adresse sollte man eigentlich die Geburtstagstorte für das Landestheater schicken, fragte sich Theater-Autorin und Marburg-Stadtschreiberin Anah Filou in ihrer Festrede. An einen der aktuellen Spielorte wie die Stadthalle (Erwin-Piscator-Haus) mit der großen Bühne oder an den Schwanhof mit seinen beiden kleineren Theaterbühnen oder gar an einen der Gastspielorte des Landestheaters wie Kirchhain oder Rüsselsheim?

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Denkbar wäre laut Filou natürlich auch gewesen, eine Torte zum Philippshaus in die Universitätsstraße zu schicken, wo am 2. September 1945 die Marburger Spielgemeinde als Vorläufer des HLTM das Stück „Totentanz“ als erstes Stück aufführte. Sei es, wie es sei: Anscheinend fand niemand die Adresse der Stadthalle, denn es wurde keine Geburtstagstorte angeschnitten oder präsentiert.

Als gewissen Ersatz präsentierte die Dramatikerin allerdings kurzerhand 75 „Kerzen“ als Glückwünsche getarnt, die sie der Festgesellschaft im Schnelldurchlauf vortrug, wobei sie dann ihrer Kreativität freien Lauf ließ.

Ein nicht nur virtuelles Geschenk gab es dann aber auch noch, und zwar durch Jürgen Bandte, den Vorsitzenden des Theater-Freundeskreises. Die Förderer schenkten dem Theater zwar keinen neuen Theaterbau, wie Bandte augenzwinkernd anmerkte. Aber immerhin reichte es zu einer „Theaterkutsche“, einem schick aussehenden Lastenfahrrad, das den Theater-Mitarbeitern künftig bei Fahrten innerhalb der Stadt helfen soll.

Kulturministerin Angela Dorn (Grüne) erinnerte daran, dass das Marburger Theater vor 75 Jahren im Jahr 1945 kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet wurde, also kurz nachdem Kultur in Deutschland von den Nationalsozialisten missbraucht, zerstört und verfolgt worden sei. Die Theater sollten danach Orte sein, in denen Vielfalt regiert und ein freier Geist leben darf. Aber auch heute sei Theater ein existenzieller Bestandteil unseres Lebens.

Erinnerung an Buchmann

Einige der Festredner hatten auch mit Erinnerungen an die 75-jährige Theater-Geschichte aufzuwarten. So erinnerte sich Oberbürgermeister Spies als gebürtiger Marburger noch gern an seine allererste Theater-Erfahrung in sehr jungen Jahren – ein Weihnachtsmärchen in den schon seit Jahrzehnten abgerissenen Stadtsälen. In Sachen Erinnerung noch mehr aus dem Vollen schöpfen konnte Dorothea Buchmann-Ehrle, die Tochter des langjährigen Theaterintendanten Heinrich Buchmann, der das damalige Marburger Schauspiel von 1949 bis 1976 leitete und somit eine ganze Ära prägte. „Er war energiegeladen, stets unter Strom und war ein ,Dramatiker’ auch im Alltag“: So stellte sie in ihrem Vortrag ihren Vater vor. Dieser habe als Theaterleiter nicht nur die künstlerische, sondern auch die geschäftliche Seite verantwortet.

Zwar habe Buchmann als Theaterchef nicht über die nahezu unbegrenzten technischen Mittel des modernen Theaters in Sachen Bühnenbild und Bühnengestaltung verfügt. Stattdessen habe er aber eine wahre Meisterschaft im Umgang mit der Sprache entwickelt und an den Stilmitteln Gestus, Haltung, Akzentsetzung gefeilt. Über alles habe der Theatermacher die Werktreue gestellt.

Wie kann ein Theater-Geburtstag besser gefeiert werden als mit einer Theateraufführung? Und so zeigte das HLTM-Ensemble nach dem Reden-Marathon noch das Stück „Glaube Liebe Hoffnung“ von Ödön von Horvath, das eine Woche vorher Premiere gefeiert hatte.

Von Manfred Hitzeroth