Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg 73-Jähriger gesteht Missbrauch
Marburg 73-Jähriger gesteht Missbrauch
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:59 05.11.2020
Am Landgericht Marburg begann gestern der Prozess gegen einen 73-jährigen Marburger, dem sexueller Missbrauch eines Kindes vorgeworfen wird. Quelle: Thorsten Richter
Anzeige
Marburg

Die 18 Taten erstrecken sich über einen Zeitraum vom 21. Dezember 2015 bis 12. September 2018 und fanden in Lahntal, Wetter, Marburg und Kirchhain statt. Das Opfer, ein Mädchen, war zu Beginn 13 Jahre alt.

Über seinen Anwalt Thomas Strecker räumte der Angeklagte gestern beim Prozessauftakt alle Taten ein und ersparte dem Opfer somit peinliche, detaillierte Befragungen. Das Opfer wurde gestern ebenfalls gehört – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Was wird dem Mann vor der 3. Strafkammer unter dem Vorsitz des Richters Gernot Christ vorgeworfen? Laut Anklage hat der verheiratete Mann und Vater zweier Kinder erste „sexuelle Handlungen“ an dem Mädchen vorgenommen, als es erst 13 Jahre alt war und später, als das Mädchen 14 und 15 Jahre alt war, mit dem Opfer mehrfach „ungeschützt den Beischlaf vollzogen“. Die ersten Übergriffe geschahen laut Anklage in Form von Zungenküssen in der Sattelkammer eines Reiterhofes im Nordkreis. Weitere Taten geschahen im Auto des Angeklagten auf Feldwegen im Kreisgebiet und in der eigenen Wohnung in Marburg. Laut Staatsanwaltschaft war das Opfer „ersichtlich entwicklungsverzögert“. Der 73-Jährige habe die Zuneigung des Mädchens zu seinen Pferden und deren Hoffnung, in ihm einen Ersatzopa gefunden zu haben, ausgenutzt. Sie sei aufgrund ihres Entwicklungsstandes nicht in der Lage gewesen, die Handlungen einzuordnen, der Angeklagte sei sich dessen bewusst gewesen.

Anzeige

Der einschlägig vorbestrafte 73-Jährige betonte, er sei glücklich verheiratet. Er äußerte sich gestern nicht selbst zu den Taten, stritt im Laufe der Verhandlung auf Fragen des Richters Gernot Christ pädophile Neigungen ab. Wie die kinderpornografischen Dateien auf seinen Rechner und eine externe Festplatte gekommen seien, könne er sich nicht erklären. Er gab über seinen Anwalt allerdings an, dass die Dateien ihm gehören.

Über seinen Anwalt ließ der Angeklagte zudem mitteilen, er habe den Eindruck gehabt, die sexuellen Handlungen seien einvernehmlich geschehen. Er habe eine Entwicklungsverzögerung nicht erkannt. Er habe völlig versagt, sei erschüttert und habe inzwischen psychologische Hilfe in Anspruch genommen. Er stehe zu seiner Verantwortung und habe Schadenswiedergutmachung angeboten. Er biete auch keine Reitbeteiligungen für Mädchen mehr an.

Ausführlich äußerte sich der Angeklagte unter anderem zu seiner Kindheit. Aufgewachsen ist er in einem Dorf nahe Fulda und später in Fulda. In seiner Kindheit sei er selbst von einem Pfarrer missbraucht worden, habe ein jahrelanges Martyrium erdulden müssen, teilte er mit. Als er seine Mutter und Großmutter darüber informiert habe, hätten sie nicht mit Hilfe reagiert sondern nur gesagt: „Das ist doch ein Gottesmann.“ Er selbst könne sich nicht an elterliche Liebe oder Zuneigung erinnern – „überall war ich der Prügelknabe“. Sein Lehrer habe ihn regelmäßig heftig geschlagen, ebenso seine Klassenkameraden.

Nach Ansicht seines Anwalts ist zu klären, ob die Traumata der Kindheit in einem Zusammenhang mit den Taten stehen, die ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft.

Von Uwe Badouin