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Marburg Einst „Schundheft“, heute Pop-Kultur
Marburg Einst „Schundheft“, heute Pop-Kultur
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10:54 29.08.2021
Friedrich „Fiddy“ Bode ist Inhaber von „Comics, Kitsch & Kunst“ in Marburg – und hat auch einige Besonderheiten rund um Micky Maus im Angebot.
Friedrich „Fiddy“ Bode ist Inhaber von „Comics, Kitsch & Kunst“ in Marburg – und hat auch einige Besonderheiten rund um Micky Maus im Angebot. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

Hunderttausende Sprechblasen voller Spaß, Spannung und Abenteuer: Das „Micky Maus“-Heft gibt es jetzt seit genau 70 Jahren in Deutschland. Am 29. August 1951, einem Mittwoch, hatten Comicfreunde in der Bundesrepublik zum ersten Mal ein Heft mit dem tapferen Helden aus Entenhausen in der Hand. Und gleichwohl auf dem ersten deutschen Frontcover Micky und sein Freund Goofy eine Propellermaschine mit ängstlichem Blick in einen Sturzflug steuern, nahm das Kindermagazin schnell einen Kurs steil nach ganz oben.

Der Untertitel lautete in den frühen Jahren noch „Das bunte Monatsheft“. Das war kluges Marketing. Comic-Experte Boemund von Hunoltstein erklärt in dem Jubiläumsband „Das Beste von 1951 bis 2021“, was an „Micky Maus“ so neu war: „Die Ausgabe erschien komplett koloriert, war man doch bis dato nur schwarz-weiße Illustrierte gewohnt. Das neue Format wurde sehr gut angenommen, obwohl Comics zur damaligen Zeit kein sehr hohes Ansehen genossen.“ Heute sind diese frühen Hefte gefragte und teure Sammlerstücke. Sie erzielen in hervorragendem Zustand bis zu 12 000 Euro – Nachdrucke gibt es indes schon für etwa 2 Euro.

Der Einstieg für Comic-Neulinge

Friedrich „Fiddy“ Bode, Inhaber des Comic-Ladens „Comics, Kitsch & Kunst“ in der Oberstadt, weiß: „Micky Maus war für viele der Einstieg in die Comic-Welt.“ Er selbst war jedoch recht früh Fan einer anderen Reihe: „Mein Einstieg waren die Geschichten von Hansrudi Wäscher – ,Sigurd’, ,Nick’, ,Tibor’“, sagt der 65-Jährige. „Aber natürlich habe ich auch die ,Micky Maus’ gelesen. Denn es war damals so: Einer hat ,Micky Maus’ gekauft, einer ,Sigurd’ und so weiter – und dann wurde getauscht. Daher waren die Hefte spätestens beim Fünften, der sie gelesen hat, auch schon etwas zerfleddert“, erinnert sich Bode. „Aber das war egal, denn es ging um das Lesen und die spannenden Geschichten.“

Doch alles habe quasi auf dem Thema „Micky Maus“ aufgebaut, „andere Comics, die in Amerika schon weiter verbreitet waren, bekam man nur dort, wo beispielsweise Kasernen in der Nähe waren. Die waren begehrt“, weiß Bode. Und letztlich habe sich aus dem ersten Heft vor 70 Jahren „unendlich viel entwickelt“.

Ob „Fix und Foxi“, die „Yps“-Hefte mit ihren berühmten Gimmicks, „bei allem war der Grundgedanke die ,Micky Maus’. Als dann beispielsweise wegen ,Yps’ weniger Maus-Hefte verkauft wurden, haben sie auch Gimmicks beigelegt. Wer heute noch ein Heft mit unbespieltem Gimmick hat, hat einen echten Schatz“, sagt Bode, die Hefte würden sehr hoch gehandelt.

Heute würden immense Zweige von den einst als „Schundheften“ angesehenen Comics profitieren: Immer wieder gibt es Blockbuster-Verfilmungen von Superhelden-Abenteuern wie Spider-Man, Superman, Batman und Co., daran hängt ein immenses Merchandising-Imperium. Und: Disney selbst ist ja ebenfalls schon lange im Kino-Geschäft aktiv.

„Auf die Superhelden wurde übrigens auch bei ,Micky Maus’ reagiert“, sagt Bode. So gibt es etwa Super-Goofy, der durch das Futtern von Supernüssen zum – leicht schusseligen – Helden wird. Und auch Donald Duck kann sich in „Fantomas“ verwandeln.

„Comics haben sich zur Kunstform entwickelt“

„Donald war sowieso der Coolere in allen Heften“, findet Fiddy Bode. Er weiß: „Der Trend ist nicht mehr so immens wie früher – aber wirklich abgerissen ist er nie.“ Die Comic-Szene sei jedoch mittlerweile so breit gefächert, reiche von Kinder-Geschichten bis zur Erotik, „und Manga ist natürlich ein Riesenthema. Comics haben sich zur Kunstform entwickelt“, erklärt Bode, der den Laden 1999 mit seinem damaligen Kompagnon, dem Illustrator und Grafiker Henk Wyniger eröffnet hatte.

Eng verbunden mit dem großen Prestigegewinn der „Micky Maus“ unter Westdeutschlands Eltern ist der Name der Übersetzerin Erika Fuchs (1906-2005). Fuchs erfand ganze Sprichwörter. Etwa: „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör.“ Ihre lautmalerischen Ausrufe wie „Ächz“, „Seufz“, „Quietsch“, „Freu“ und „Uff“ sind tief in den deutschen Wortschatz eingegangen. Linguisten nennen so etwas einen Inflektiv, Verehrer von Erika Fuchs sprechen als Hommage lieber von einem Erikativ.

„Inhaltlich waren die Hefte immer nach einem festen Schema strukturiert“, so Hunoltstein. „Die Startgeschichte (...) war meist eine 10-seitige Donald-Duck-Geschichte, in der Regel von Carl Barks.“ Zeichengenie Barks (1901-2000) gilt bis heute als der Übervater der Disney-Welt. „Dann gab es oft eine Kurzgeschichte mit Micky, Goofy oder Pluto. Auch Oma Duck und Franz Gans waren häufig mit je zwei Seiten vertreten.“ Von 1957 an kam das Heftchen jede Woche heraus.

Die neue, alte Micky-Maus

Der Stil der Geschichten wandelte sich mit den Jahren immer mehr. Viele US-Zeichner gingen in den 1960ern und 1970ern in Rente, europäische Zeichner rückten für sie nach. Das hatte Einfluss auf die Plots. Micky Maus, dessen erste Abenteuer oft Märchen-Charakter gehabt hatten, wurde immer häufiger in harte Action hineingezogen.

Manche seiner Erlebnisse hatten sogar starke psychedelische Anklänge. Einen der schönsten und spannendsten Micky-Strips dieser Jahre schufen die Italiener Guido Martina und Romano Scarpa 1967 für den „Micky Maus“-Ableger „Lustiges Taschenbuch“: In „Der Tomatenmagnet“ attackiert der skrupellose Wissenschaftler Magnetofix von einem Ufo in den Wolken aus Supermärkte und stiehlt tonnenweise Tomaten, um so hochexplosiven Sprengstoff herzustellen. Fliegende Roboter entführen auch Micky und Goofy hoch in den Himmel. Die Story hat Logik-Löcher so groß wie der Andromedanebel, sie ist aber hinreißend zu lesen.

Mit bisher mehr als 3 300 erschienenen Ausgaben und mehr als 1,3 Milliarden verkauften Heften gilt die deutschsprachige Ausgabe der „Micky Maus“ heute als eines der erfolgreichsten Kinder-Magazine Europas. Im Schnitt hat ein Heft in Deutschland über 400 000 Leser.

Zum Jubiläum hat der Verlag Egmont Ehapa, dessen Geschichte mit der „Micky Maus“ begann, vor wenigen Tagen ein „Micky Maus“-Sonderheft und die Chronik „Das Beste von 1951 bis 2021“ herausgebracht.

Von Andreas Schmidt und Christof Bock