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Marburg 60 Jahre im Dienste der Menschen
Marburg 60 Jahre im Dienste der Menschen
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00:17 30.01.2019
Marburg

Wer dieser Tage durch die Marburger Innenstadt läuft, der hat ihn womöglich schon einmal gesehen: ­einen auffällig anders beklebten Bus. „Wir feiern“, steht ­darauf. Und „#Begegnungen Inklusive“. Ebenfalls auf dem Bus zu sehen: Heike Kircher-Haspel, Johanna Seip, Anika Kolitsch, Katharina Noll, Manuel Fichtner und Meritab Gebremedhin. Sie sind die Gesichter der Lebenshilfe-Einrichtungen, die der Aktion der Lebenshilfe­ Marburg-Biedenkopf ein Gesicht geben – auf dem Bus, aber auch in einem Image-Film und in dem Programm, das anlässlich des 60-jährigen Bestehens herausgegeben wurde.

Horst Viehl (links) und Roland Wagner bilden das Führungsduo der Lebenshilfe Marburg-Biedenkopf. Quelle: Tobias Kunz

Erst im vergangenen Jahr feierte die Bundesvereinigung der Lebenshilfe ihren „Sechzigsten“, in diesem Jahr ist es in Marburg so weit. Denn etwas mehr als ein halbes Jahr, nachdem der im Februar 2016 verstorbene Niederländer Tom Mutters, den es in der Nachkiegszeit in die hiesige Region verschlagen hatte, zusammen mit Eltern und Fachleuten die Bundesvereinigung in Marburg gegründet hatte, wurde am 9. Juni 1959 unter Initiatorin Dorothea Schmidt-Timme der Ortsverein Marburg gegründet. „Die Eltern wollten damals Beschäftigungsmöglichkeiten für ihre Kinder mit kognitiven Einschränkungen schaffen“, benennt Roland Wagner den Ursprungsgedanken der Gründung.

Seit 2002 ist Wagner einer der beiden Vorstände der Lebenshilfe Marburg-Biedenkopf. Der 61-Jährige bildet mit dem 59-jährigen Horst Viehl deren Führungsduo. Durch seinen ­Zivildienst kam Wagner seinerzeit erstmals mit ihr in Kontakt – und nicht mehr von ihr los. „Die Offenheit der behinderten Menschen hat mich sehr begeistert“, verrät Wagner, der nach einer kaufmännischen Ausbildung 1987 Werkstattleiter in Dautphe wurde. Marburg und die Gemeinde Dautphetal sind im hiesigen Landkreis im Besonderen mit der Lebenshilfe verknüpft.

„1967 gab es in der Schwangasse, der heutigen Leopold-Lucas-Straße, das erste Wohnhaus der Lebenshilfe in Deutschland“, erzählt Wagner. Drei Jahre zuvor hatte Alfred Neusinger die Kreisvereinigung Biedenkopf gegründet. 1977 schlossen sich der Ortsverein Marburg und die Kreisvereinigung Biedenkopf zur Kreisvereinigung Marburg-Biedenkopf zusammen. Während es in Marburg 1960 die erste Werkstatt gab, dauerte es im Hinterland bis 1971, ehe die erste Werkstatt ihre Pforten in der alten Schule des Dautphetaler Ortsteils Silberg öffnete. „Marburg war dem Hinterland zeitlich immer etwas voraus“, erzählt Wagner.

1989 wurde aus der Kreisvereinigung schließlich das Lebenshilfewerk. „Jakob Müller hat in diesem Zuge die organisatorische Entwicklung entscheidend geprägt“, skizziert Wagner. 2002 wurde erstmals ein hauptamtlicher Vorstand berufen – und der hat ordentlich zu tun, denn: „Die Bilanzsumme von 33 Millionen Euro des Lebenshilfe­werks ist mit der eines mittelständigen Unternehmens vergleichbar“, sagt Wagner.

Küche bereitet 2.000 Mahlzeiten pro Tag zu

Im hiesigen Kreis bilden die Lahnwerkstätten in Marburg (seit 1977), die Hinterländer Werkstätten in Dautphetal (seit 1979) sowie die Reha-Werkstätten in der Marburger Frauenbergstraße und in Gladenbach das Lebenshilfewerk, das Menschen vorwiegend mit geistigen, aber auch körperlichen und seelischen Beeinträchtigungen betreut.

Ende 2017 gab es 670 Arbeitsplätze für Behinderte – einige­ davon auch in sogenannten ­Außenarbeitsgruppen bei Firmen in Wallau und Breidenbach. „In unserer Wäscherei werden täglich 1.500 Kilogramm Wäsche gewaschen – für den Eigenbedarf, aber auch für Privatkunden oder Praxen“, gibt Wagner einen Einblick. In der Küche werden pro Tag knapp 2.000 Mahlzeiten zubereitet – unter anderem für Kitas und Schulen.

Und auch das Stadtbild wird von den Handwerkern der Lebenshilfe geprägt. „Viele Sitzbänke in Marburg werden von uns hergestellt und im Winter überarbeitet“, berichtet Wagner. Neben Werkstätten verfügt die Lebenshilfe auch über Wohneinrichtungen. Unter dem Aspekt „Familie, Bildung und Kultur“ bietet die Lebenshilfe seit eineinhalb Jahren eine Schulassistenz an, bei der derzeit 25 Betreuer Kinder in der Schule begleiten. Etwa 800 Personen arbeiten als Betreuungspersonal in den Werkstätten, in den Wohneinrichtungen und als Personal in der Verwaltung, wobei nicht alles Vollzeit-Stellen sind.

Stolz ist Wagner zudem auf den Bildungskatalog, den es seit vergangenem Jahr gibt. Darin werden Fahrten zu diversen Events angeboten: vom Skispringen über Erste-Hilfe-Kurse bis hin zum Wandern mit Eseln – im Sinne der Inklusion nicht nur für behinderte Menschen. „Dies muss sich erst noch etablieren“, meint Wagner. „Insgesamt ist das Interesse aber schon sehr groß. Wir wollen es stetig erweitern“, sagt der 61-Jährige.

Im Geburtstagsjahr wolle man „in die Fläche gehen“, sagt Wagner. Fast 30 Veranstaltungen sollen dafür sorgen – angefangen mit einer Vernissage zum Thema „Lebenshilfe im Wandel der Zeit“ im Landesverband in der Raiffeisenstraße in Marburg. Die Ausstellung läuft noch bis zum 22. März.

Im Februar folgen ein Gottesdienst in der Elisabethkirche (5. Februar, 10.30 Uhr) und eine ­Kinomatinee im Cineplex (24. Februar, 11.30 Uhr) mit einem Rahmenprogramm. Nach dem Down-Syndrom-Tag (21. März, 11 Uhr, Marburger Marktplatz) läutet ein Konzert mit „Silent Seven“ am 6. April (19 Uhr, Fritz-Henkel-Halle­ ­Wallau) den Frühling ein. Überdies präsentiert die Lebenshilfe Marburg-Biedenkopf ein neues Logo, bei dessen Erstellung man sich am Logo der Bundesvereinigung orientiert habe und das deutlich machen soll, „dass wir eine Elternvereinigung sind“, sagt Vorstand Roland Wagner – und fügt an: „Um zu wissen, wohin man will, ist es wichtig, zu wissen, woher man kommt.“

von Marcello Di Cicco