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Marburg 6.000 Meter von Sonne bis Pluto
Marburg 6.000 Meter von Sonne bis Pluto
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08:58 27.09.2020
Joachim Lembke (von links), Hans Junker, Volker Heine und Claus Duncker am Platz an der Sonne. Quelle: Körtner
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Marburg

Am 15. September hätte es eigentlich mitten im Cappeler Feld einen großen Bahnhof gegeben. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Letzteres passt sogar sprichwörtlich, denn eigentlich hätte es diesen Bahnhof an einem Fahrradweg gegeben. Aber nicht um den Fahrradweg zu feiern, sondern den darauf verlaufenden Planetenlehrpfad, der im Cappeler Feld mit der Station „Sonne“ seinen Anfang nimmt. Genau dort wurde der Pfad am 15. September 1995 eingeweiht. Und 25 Jahre später sind alle Stationen noch bestens in Schuss und stellen in ihrer Gesamtheit nicht nur einen Lehrpfad, sondern auch eine Touristenattraktion dar.

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So führt der Lehrpfad ab „Sonne“ sechs Kilometer durch die Stadt Marburg, bis die letzte Station „Pluto“ in der Nähe des Hauptbahnhofs erreicht ist. Die Standorte der Planeten sind nicht willkürlich gewählt. Sie wurden im Maßstab eins zu einer Milliarde angelegt. Übertragen heißt das, dass der Pluto, der vor 25 Jahren noch als vollwertiger Planet anerkannt war, 5,946 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt ist.

Marburger Lehrpfad ist der erste in Hessen gewesen

Wer den Planetenlehrpfad touristisch erkunden will, kann immerhin behaupten, den ersten Planetenlehrpfad Hessens besucht zu haben, der aber zugleich, und das macht ihn zu etwas Besonderem, der erste auf der Welt war, der auch blinden Menschen ein Planeten-Erlebnis ermöglicht. Denn neben den Schautafeln, so Projektbegleiter und Initiator Hans Junker, gibt es an jeder Station Bronzetafeln, mit relieffierten Buchstaben und Blindenschrift. Zudem ermöglicht ein kolorierter Reliefplan in einem offenen Teil von drei Schaukästen nicht nur Sehenden einen Überblick, Blinde und Sehbehinderte können sich den ganzen Pfad ertasten. Junker war Lehrer an der Carl-Strehl-Schule.

Mit einer Schüler-AG ging er 1994 in die Planungen für diesen Lehrpfad. Der jetzige Blista-Direktor Claus Duncker hofft, dass das Jubiläum im nächsten Jahr in einem würdigen Rahmen nachgeholt werden kann.

Zum inoffiziellen Jubiläum traf Duncker an der „Sonne“ nicht nur Junker, sondern auch den ehemaligen Leiter der Carl-Strehl-Schule, Joachim Lembke, der mittlerweile im hohen Norden der Republik wohnt, und Volker Heine aus Caldern, der in seinen Berufsjahren als „Seele der Hardware“ mit Auszubildenden die „Sonne“ aus zwei Leichtbetonhalbkugeln herstellte, die miteinander verschweißt wurden. Die Software, sprich die Schautafeln, entwarf übrigens Wolfgang Ruhland, doch konnte er den „Termin“ leider nicht wahrnehmen.

Doch freut er sich schon, beim nachzuholenden Jubiläum dabei sein zu können. Junker hofft, dass bis dahin auch eine Neuerung steht, nämlich das Abrufen weiterer Informationen über einen QR-Code direkt aufs Handy.

Sachbeschädigungen? Ja, immer mal wieder. Natürlich Graffiti. „Einmal wurde eine Station unbeabsichtigt von einem Pflug erwischt“, erzählt Junker. Diebstahlsicher sind jedenfalls die Bronzeplatten, denn sie sind fest verankert. Besser ist das.

PS: Der Lehrpfad in der Universitätsstadt hatte ein Vorbild bei Bremen. Das Konzept des Marburger Lehrpfades wurde noch sieben Mal in Deutschland umgesetzt, unter anderem in Bonn. Auch in Luxemburg und Österreich gibt es Planetenlehrpfade nach dem erfolgreichen Marburger Vorbild.

Von Götz Schaub

26.09.2020
26.09.2020