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Marburg 50.000 Arbeitsschritte bis zum rettenden Impfstoff
Marburg 50.000 Arbeitsschritte bis zum rettenden Impfstoff
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08:11 31.03.2021
Konzentriert füllt eine Mitarbeiterin die wertvolle Flüssigkeit um, die in speziellen 50-Liter-Behältern gelagert wird.
Konzentriert füllt eine Mitarbeiterin die wertvolle Flüssigkeit um, die in speziellen 50-Liter-Behältern gelagert wird.
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Marburg

Von außen wirkt sie eher unscheinbar, eine der künftig größten Produktionsanlagen für den Impfstoff gegen das Coronavirus. Im obersten Stockwerk eines schon leicht in die Jahre gekommenen fünfgeschossigen Baus produziert Biontech seinen Impfstoff seit Mitte Januar dieses Jahres.

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA hatte am vergangenen Freitag (26. März) grünes Licht für die Impfstoffproduktion in Marburg gegeben. Mit der offiziellen Zulassung darf das Marburger Werk bereits vorproduzierten Impfstoff von Biontech/Pfizer jetzt auch ausliefern.

Er wird nach Belgien gebracht und dort abgefüllt. Mit der Entscheidung könnten Engpässe beim Nachschub von Astrazeneca-Impfstoff ausgeglichen werden. Auch der Transport des Impfstoffs wird laut der EMA erleichtert. Statt -90 Grad reichen nun Standardkühltemperaturen von -15 bis -25 Grad aus.

Im fünften Stockwerk des Gebäudes auf dem Gelände der Behringfirmen müssen die wenigen Besucher, die hier zugelassen werden, zunächst durch eine Schleuse, bekommen Ganzkörper-Schutzanzüge einschließlich Mützen und Schuh-Überzügen verpasst, ehe es ins Herz der Produktion geht – hier gibt es keine lauten Maschinen, keine Produktionsstraßen, aber auch keine Hektik oder Unruhe.

50.000 Arbeitsschritte nötig

Kaum zu glauben, dass in diesem vielleicht 50 Quadratmeter großen Raum eine wesentliche Hoffnung der Menschheit zur Überwindung der Corona-Pandemie entsteht. Herzstück ist ein äußerlich unscheinbarer, 50 Liter fassender Behälter, dem unter Hochrein-Bedingungen klare Flüssigkeiten zugeführt werden: DNA, aufgelöst in Wasser, und bestimmte Proteine. Diese Mischung wird in dem Bioreaktor im ersten Produktionsschritt in zwei bis drei Tagen behandelt, bis der Botenstoff mRNA entsteht.

Aus einem DNA-Molekül entstehen so 500 mRNA-Moleküle. Aus einem Behälter kann dann der Rohstoff für acht Millionen Impfdosen gewonnen werden. In einem zweiten Produktionsschritt wird die Lösung noch einmal gesäubert, ehe in einer dritten Phase die mRNA mit Lipiden versetzt wird – Fette, die die mRNA vor Abbau schützen, aber auch abpuffern, also an sich schützen. Nach dem dritten Produktionsschritt wird die klare Flüssigkeit in 12-Liter-Säcke abgefüllt und dann zur Abfüllung und Verpackung an einen anderen Biontech-Standort gebracht. Insgesamt sind es 50.000 Arbeitsschritte, die nötig sind, bis aus den Rohstoffen der Impfstoff entstanden ist.

2,5 Milliarden Dosen

Mit der EMA-Zulassung vom vergangenen Freitag ist die letzte Hürde genommen: Rund 2,5 Milliarden Impfdosen will Biontech bis zum Jahresende herstellen, noch mehr als ursprünglich geplant. 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind am Standort Marburg, 200 von ihnen arbeiten im 3-Schicht-Betrieb, insgesamt 24 Stunden an sieben Tagen pro Woche. Die meisten von ihnen sind vorher bei Novartis gewesen – die Expertise, die hier vorhanden ist, war wohl mitentscheidend für die Wahl des Standorts Marburg, schätzt Dr. Manfred Brunen, wissenschaftlicher Leiter der Produktion in Marburg.

Dr. Brunen ist glücklich, an der Produktion dieses so wichtigen Impfstoffs mitwirken zu können. „Alle unsere Mitarbeiter sind sich der Verantwortung bewusst, die sie haben“, sagt er.

Von Till Conrad

30.03.2021
30.03.2021