Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Strafbare Vergewaltigung oder „harter, schmutziger Sex“?
Marburg Strafbare Vergewaltigung oder „harter, schmutziger Sex“?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:00 04.07.2021
Am Landgericht Marburg hat ein Berufungs-Prozess gegen einen 41-Jährigen begonnen, der 2019 seine Ex-Partnerin im Northampton Park vergewaltigt haben soll.
Am Landgericht Marburg hat ein Berufungs-Prozess gegen einen 41-Jährigen begonnen, der 2019 seine Ex-Partnerin im Northampton Park vergewaltigt haben soll. Quelle: Foto: Thorsten Richter
Anzeige
Marburg

War es Vergewaltigung im Northampton Park oder nicht? Vor dem Landgericht muss sich ein 41-jähriger, vom Amtsgericht bereits zu mehr als drei Jahren Gefängnis verurteilter Mann verantworten. Er soll laut Anklage beziehungsweise Erstinstanz-Urteil im Sommer 2019 eine 31-Jährige – wie er selbst stark drogenabhängig – schwer sexuell missbraucht haben.

Während des ersten Tags der Berufungsverhandlung äußerten sich sowohl der mutmaßliche Täter als auch das Opfer, seine Ex-Partnerin. Der 41-Jährige sprach von einvernehmlichem, die 31-Jährige von erzwungenem Geschlechtsverkehr in der Nähe des Weidenhäuser Spielplatzes während des Stadtfests „3 Tage Marburg“.

„Ja, es war kein Blümchensex, sondern heftig. Wir haben häufig ausgefallenere Sachen gemacht, an dem Abend im Park war es wirklich schmutzig“, sagte der Beschuldigte. Er schilderte sodann den harmonisch wirkenden Verlauf einer mehrmonatigen Paar-Beziehung, erschwert von einer 14 monatigen, mit Drogendelikten zusammenhängenden Haftstrafe seinerseits. Nach regelmäßigen Besuchen seiner Freundin im Butzbacher Gefängnis und gegenseitigen „glühenden Liebesbriefen“, der Suche nach einer gemeinsamen Wohnung in Marburg, habe er nach Ende der Haftzeit im Juni 2019 „nichts anderes im Kopf gehabt als Sex mit der Frau zu haben, die ich liebte“.

Trennung, Aussprache, Versöhnung – Missbrauch?

Das geschah seiner Schilderung am Tag des Wiedersehens in einer Ortenberg-Wohnung auch mehrmals, genau einen Monat vor der mutmaßlichen Vergewaltigung in der Öffentlichkeit.

Zum Tat-Zeitpunkt Mitte Juli 2019 sei die Beziehung – beide lernten sich 2018 in der Marburger Methadonambulanz kennen – allerdings bereits beendet gewesen. Grund: Die 31-Jährige hatte offenbar einen neuen Freund und wollte die Affäre mit Lügen – sie habe in einem Bordell angeschafft – verschleiern, so den 41-Jährigen fernhalten. „Ich kann nicht mit einer Frau zusammen sein, die sich verkauft“, sagt der mehrfach wegen Beschaffungs-Kriminalität verurteilte Marburger.

In den nächsten Wochen sei er „tief verletzt“ mit Drogen völlig abgestürzt“, es habe zwischen beiden „Wortgefechte“ und seinen Auszug aus der Ortenberg-Wohnung gegeben, gefolgt von Whatsapp-Chats, Versuchen der Versöhnung, und dann am Stadtfest-Abend einem Treffen zur Aussprache.

Opfer-Aussage unterAusschluss der Öffentlichkeit

Was dann laut Aussagen des 41-Jährigen innerhalb kürzester Zeit in der Ortenberg-Wohnung des Opfers alles passiert sein soll, machte Richter Sebastian Pfotenhauer stutzig. Der Vorsitzende der Strafkammer fasste die vorangegangenen Schilderungen hörbar irritiert zusammen: „Binnen 30 Minuten ist aus einer Aussprache nach der Trennung nicht nur eine Versöhnung geworden, sondern die Überführung des neuen Freundes als Gewalttäter, der dann plötzlich zur Wohnung kommt und von Ihnen zur Rede gestellt, aus dem Haus geworfen wird – wonach Sie mit ihrer eben noch Ex-Freundin Alkohol und Drogen konsumierten, Sex hatten und auf das Stadtfest gingen.“ Der Neu-Freund als Schläger, Beziehungs-Killer und Einflüsterer der Vergewaltigungs-Vorwürfe – dieses Bild versuchte der 41-Jährige, mit Verweis auf vor der Trennung bei der 31-Jährigen entdeckte Arm-Verletzungen, zu zeichnen.

Die Version des Opfers wurde als Zeugenaussage unter Ausschluss der Öffentlichkeit aufgenommen. Etwas Aufschluss geben daher nur die in den Akten festgehaltenen Aussagen aus der Amtsgerichtsverhandlung im Herbst 2020, aus denen Richter und Staatsanwaltschaft punktuell zitierten.

Demnach habe die gelernte Krankenpflegerin im Park keinesfalls in Sex mit ihrem Ex eingewilligt. Sie habe die Aktion, das Greifen unter den Rock, Pressen des Kopfes auf den Boden und das Eindringen vielmehr und trotz ihres hohen Alkoholisierungsgrads als überraschend und überfallartig empfunden, Verletzungen wie Hämatome am Körper und Würgemale am Hals, psychische Schäden davongetragen.

Auch in der Zeit zuvor, selbst am Abholtag aus dem Gefängnis, lief das Zusammensein ihrer Wahrnehmung nach nicht so harmonisch, wie vom Angeklagten geschildert. Für die Öffentlichkeit bleibt jedoch zumindest vorerst unklar, wieso das Opfer nach der mutmaßlichen Vergewaltigung im Northampton Park wohl noch eine Weile mit dem Beschuldigten und Bekannten in der Nähe weiter feierte, sie dann gemeinsam mit dem 41-Jährigen offenbar wieder nach Hause lief und nicht mal nach der in der Wohnung mit ihm folgenden Schlägerei – woraufhin die Polizei kam – von der Vergewaltigung sprach. Das geschah samt Anzeige erst Monate später.

Der Prozess wird Donnerstag, 8. Juli, um 9 Uhr fortgesetzt.

Von Björn Wisker

Marburg Kunst-Gottesdienst in der Universitätskirche - Keramik-Kunst bringt Altar zum Schweben
03.07.2021