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Marburg Vereint im Schock, vereint in Solidarität
Marburg Vereint im Schock, vereint in Solidarität
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23:31 27.02.2022
4000 Menschen zeigten sich in Marburg solidarisch mit der Ukraine und demonstrierten bei einer Mahnwache für Frieden in Europa.
4000 Menschen zeigten sich in Marburg solidarisch mit der Ukraine und demonstrierten bei einer Mahnwache für Frieden in Europa. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Es wurden immer mehr. Ein Meer aus Menschen versammelte sich Samstagabend vor dem Erwin-Piscator-Haus, der Biegenstraße bis in die Deutschhausstraße.

Alle wollten zeigen, wie sehr sie mitfühlen mit den Menschen in der Ukraine und wie sehr sie den Angriffskrieg Putins verurteilen. Zahlreiche Ukraine-Flaggen wehten in der Menge. Meschen hielten Schilder mit Friedenszeichen hoch.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) freute sich, dass auch viele russische Mitbürgerinnen und Mitbürger zur Mahnache gekommen waren und Seite an Seite mit Ukrainerinnen und Ukrainern standen: "Dies ist ein Krieg eines Diktators und seiner Nomenklatura, denen das Schicksal der Menschen, egal wo sie leben, gleichgültig ist. Krieg kennt keine Sieger. Krieg kennt nur Verlierer – auf beiden Seiten", betonte Spies. 

Auch Stadtverordnetenvorsteherin Dr. Elke Neuwohner (Grüne) hob die Gemeinsamkeiten hervor: „Wir stehen hier zusammen, weil wir miteinander auch Trost suchen, angesichts der Ohnmacht, die uns erfüllt, weil es wieder Krieg gibt in Europa und weil Schrecken, die wir lange überwunden glaubten, zurück sind.“ Neuwohner gab zu, dass auch sie mit der trügerischen Gewissheit aufgewachsen sei, dass für immer Frieden in Europa sein würde. „Wir waren uns zu wenig bewusst, was das für ein Luxus ist.“ Genauso wie Spies versicherte Neuwohner, dass Marburg alles tun werde, um Geflüchteten aus der Ukraine zu helfen.

Am Ende waren es aber die Worte einer Ukrainerin, die vielen Anwesenden Tränen in die Augen trieben. Svitlana Dyachenko vom Deutsch-Ukrainischen Verein Marburg stand auf der Bühne und erzählte den 4 000 Zuhörern, dass ihre Familie in der Ukraine völlig überrascht wurde von Putins Angriff. „Alle standen unter Schock, niemand wusste, was zu tun ist“, so Dyachenko, die bereits seit Jahren in Marburg lebt. 

Europa habe mit den Sanktionen zwar einen guten Weg eingeschlagen, aber das sei nicht genug. „Wir müssen uns bewusst machen, dass unser Gas Menschenleben kostet. Einmal Tee machen kostet ein Menschenleben. Wie viel Gas ist uns ein Menschenleben wert? Ein Menschenleben ist das Kostbarste auf der Welt. Das ist es, was zählt“, betonte Dyachenko und sorgte damit für einen kollektiven Kloß im Hals. 

Zu einem Eklat kam es, als Dr. Anne Maximiliane Jäger-Gogoll  für das Marburger Bündnis „Nein zum Krieg!“ sprach. Zwar verurteile sie die völkerrechtswidrige militärische Invasion Russlands in der Ukraine, kritisierte aber zeitgleich die Osterweiterung der Nato. Im Zuge ihrer Rede kam es zu lauten und wütenden Buh-Rufen, sodass der Oberbürgermeister sie bat, die Bühne zu verlassen. „Dies ist nicht die Zeit und nicht der Ort für eine politische Diskussion“, so Spies.  

Versöhnlicher ging es weiter, als Dr. Volker Mantey, Propst der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck im Sprengel Marburg, und Pfarrer Ulrich Biskamp die Bühne betraten. „Viel zu lange haben wir überhört, wie Menschen in Russland und in der Ukraine vor genau diesem Krieg gewarnt haben“, bedauerte Mantey, der mit Biskamp Friedenslichter verteilte, die an einer großen Kerze in den ukrainischen Farben entzündet wurden. „Die Sehnsucht nach Frieden verbindet uns überall auf der Welt und wird am Ende stärker sein als ein kriegstreibender Diktator“, war sich Mantey sicher und sprach damit wohl die Hoffnung aller Anwesenden aus.

von Nadine Weigel