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Marburg „Was Spaß macht, strengt nicht an“
Marburg „Was Spaß macht, strengt nicht an“
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18:00 10.03.2021
Ronhausen wächst um ein neues Baugebiet – eine Herzensangelegenheit von Ortsvorsteher Georg Schnell, der sich nach 40 Jahren an der Spitze des Ortsbeirats nun zurückzieht.
Ronhausen wächst um ein neues Baugebiet – eine Herzensangelegenheit von Ortsvorsteher Georg Schnell, der sich nach 40 Jahren an der Spitze des Ortsbeirats nun zurückzieht. Quelle: Ina Tannert
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Ronhausen

Generationen in Ronhausen kennen nur ihn an der Spitze des Ortsbeirats, denn dort steht Georg Schnell seit 40 Jahren. Er hat vier Marburger Oberbürgermeister und so einige Kämpfe um seinen Heimatort erlebt. Und nun ist für ihn Schluss, er tritt zur Ortsbeiratswahl nicht erneut an.

44 Jahre, mehr als die Hälfte seines Lebens, war er in der Kommunalpolitik aktiv, nun ist Schluss, „es ist an der Zeit“, sagt der 71-Jährige im OP-Gespräch. Seit 1977 sitzt er im Ortsbeirat, 1981 wurde er Ortsvorsteher, mittlerweile Marburgs dienstältester. Seine Amtszeit begann wenige Jahre nach der Gebietsreform und kurz vor der Planungsphase zum B3a-Lückenschluss und dem Kampf gegen die „Bergtrasse“-Variante. Also „in einer bewegten Zeit“. Der habe er immer versucht, einen verlässlichen Ruhepol entgegenzusetzen. Schnell beschreibt das mit drei Worten mit „V“. Nämlich: „Verantwortung, Vertrauen, Verlässlichkeit“. Für ihn „wichtige Voraussetzung“ für seine Arbeit und auch persönlich.

Ebenso wie die Freude am Ehrenamt, „denn was Spaß macht, strengt nicht an“. Frust und Zähneknirschen sind ihm dennoch nicht fremd im Amt. Sein Steckenpferd und seine Nemesis gleichermaßen war es seit Jahrzehnten, Bauland für Ronhausen zu schaffen, Familien neuen Wohnraum zu ermöglichen. Etwa 215 Einwohner zählt Marburgs zweitkleinster Stadtteil, es waren aber mal 275 und es werden nun auch wieder mehr.

Das war ein langer Weg. Baugebieten im Weg steht vor allem eine Besonderheit des Ortes – die Trinkwasserversorgung von Marburg. Ronhausen verfügt über drei Trinkwasserquellen und damit Wasserschutzzonen, die zu großen Teilen nicht bebaut werden dürfen. Auch wenn er diese Schutzgrenzen als „willkürlich festgelegt“ betrachtet. Es half nichts, das Wasser sei wichtige Funktion für die Stadt und Fluch zugleich für junge Menschen aus dem Ort, was Bauvorhaben angeht.

Tumor im Kopf:„Groß wie ein Entenei“

Lange hat er gegen die Stagnation gekämpft, Versuche, gemeinsam mit der Stadt in den 80er-Jahren oder erneut in 2005 Bauland „Am alten Rasen“ zu schaffen, scheiterten. Erst Jahre später klappte an anderer Stelle ein neuer Vorstoß: In den politischen Ruhestand geht er nun nach 40 Jahren mit einem Erfolg – ein Neubaugebiet mit zwölf Einheiten am Ortsrand von Ronhausen ist entstanden, die ersten Häuser sind gebaut, die Bagger rollen. Für Schnell ein Meilenstein, ohne den er vielleicht mit Bauchschmerzen aus dem Amt geschieden wäre.

Dafür nahm er die Jahre über auch hin, dass er bei dem ein oder anderen auch mal aneckte, nicht nur beim Thema Bauland, auch bei anderen Debatten, ob B3-Umgehung damals oder aktuell beim Thema Windkraft. Er habe seine Meinung nie versteckt, Konflikte müsse man „aushalten und austragen. Zur Ausübung eines politischen Mandats gehört auch Mut, unpopuläre Entscheidungen zu treffen“, sagt Schnell.

Spaß habe ihm sein Amt dennoch immer gemacht, auch wegen der guten Zusammenarbeit im Ortsbeirat, der nun einen Nachfolger für ihn bestimmen muss. Er verabschiedet sich mit viel Lob für die Kollegen, mit stapelweise gut sortierten Ordnern und vielen Erinnerungen aus 44 Jahren. Ein Höhepunkt sei für ihn die 725-Jahr-Feier in 2015, bis heute dankt er Festausschuss und Einwohnern für ein gelungenes Jubiläumsjahr.

Nur ein Jahr später folgte mit seiner Krebserkrankung jedoch sein persönlicher Tiefpunkt. Ein Tumor im Kopf, „groß wie ein Entenei“, erzählt er offen. Die Operation überstand er, erholte sich, spürt aber bis heute die Folgen, „das Gedächtnis lässt etwas nach, aber ich fühle mich gut“, kann Schnell heute berichten. Er blieb damals im Amt, die Kollegen entlasteten ihn, lobt er – nun zieht er aber den Schlussstrich. Er bleibt in Ronhausen, verlasse eben „nur“ die Politik – das rückblickend aber „mit Zuversicht und Zufriedenheit“.

Von Ina Tannert