Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Süchtiger soll 40 Monate in Haft
Marburg Süchtiger soll 40 Monate in Haft
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:31 19.05.2018
Symbolbild: Der Angeklagte wehrte sich vehement gegen Gewalt-Vorwürfe. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Darunter alleine wegen 17-fachen Diebstahls, mehrfachen Fahrens ohne Fahrerlaubnis, Körperverletzung, versuchter räuberischer Erpressung, Hehlerei, Hausfriedensbruch, fünffachen Betruges, Bedrohung, Beleidigung und Trunkenheitsfahrt. Ins Auge fielen dabei vor allem „vereinzelte Aggressionsdelikte“ sowie die ständigen Diebstähle in quasi sämtlichen Supermärkten von Marburg, erklärte Richter Dominik Best.

Hinter all dem stand in der Regel das anhaltende Suchtproblem des Beschuldigten, der sich in den vergangenen drei Jahren durch Straftaten sein Leben und seine Sucht finanziert hatte. Er stand zudem in Verdacht, weitaus mehr Delikte begangen zu haben, die ihm nicht alle nachgewiesen werden konnten. Das was schlussendlich vor Gericht ankam, sei „nur die Spitze des Eisbergs“, stellte Oberamtsanwältin Tina Grün fest.

Beschaffungstaten seit 1995

Es war bei weitem nicht die erste Tatserie des Wiederholungstäters. Dessen Strafregister reicht zurück bis 1995 und erscheint wie ein Paradebeispiel einer kriminellen Drogenkarriere, bestehend aus einem steten Kreislauf aus Drogenkonsum, Beschaffungstaten, zahlreichen Therapieversuchen, Haftstrafen und Rückfällen. Diverse Gerichtsurteile und Gefängnisaufenthalte der vergangenen Jahre zeigten dabei keinen Erfolg, führten „zu keiner Änderung des Verhaltens – der Angeklagte lernt einfach nicht aus Bestrafung“, betonte die Anklagevertreterin.

Bei einigen Taten erkannte das Gericht einen minderschweren Fall oder verminderte Schuldfähigkeit des Angeklagten. Der befand sich bei nahezu allen Vorfällen in einem Rauschzustand und unter einem gewissen „Suchtdruck“, stets auf der Suche nach weiteren Chancen, an Geld oder Hehlerware für Drogen zu kommen, erklärte auch Verteidiger Carsten Dalkowski.

Dutzende Parfümflaschen gestohlen

Das hielt den trinkfesten Süchtigen indes nicht davon ab, durchaus geplant vorzugehen. Bei einem der spektakulärsten Fälle des Prozesses hatte er etwa eine präparierte Laptoptasche mit Alufolie ausstaffiert, um Dutzende Parfümflaschen als Hehlerware zu stehlen und das Diebesgut unbemerkt durch die Alarmanlage zu schleusen, erinnerte Grün. Das ging schlussendlich schief, der Mann wurde erwischt, gab die Tat vor Gericht zu.

Das Urteil vernahm er meist still und mit gesenktem Kopf, nickte hier und da bei einzelnen Punkten. Jene Taten, die er bestreitet, kommentierte er indes mit einem Schnauben und Kopfschütteln, als wolle er nicht erneut hören, was er verbrochen hatte.

Bewährungsstrafe war von vornherein kein Thema

Dies zeigte er auch während des gesamten Prozesses. Der sprachgewandte, intelligente Mann verhielt sich weitestgehend manierlich und friedlich, fast schon zuvorkommend gegenüber den Prozessbeteiligten und gab einen Teil der Taten von Anfang an zu. Auffallend dabei: Solange sich die Verhandlung um die zahlreichen Diebstahl- oder Verkehrsdelikte drehte, blieb er ruhig und gesittet.

Kam die Sprache jedoch auf mögliche Gewalttaten, brauste er zwischenzeitlich auf und stritt vehement ein gewalttätiges Verhalten seinerseits ab. Bereits am ersten Verhandlungstag hatte er von seiner vermeintlichen „Ganovenehre“ gesprochen, thematisierte einen friedliebenden Charakter auch in seinem letzten Wort. „Ich habe einiges auf dem Kerbholz, das will ich nicht abstreiten, aber ich bin kein gewalttätiger Mensch – wenn es Stress gibt, bin ich der erste, der rennt“, betonte er.

Angeklagter streitet Gewalttaten ab

Wiederholt stritt er ab, einen alten Bekannten wegen fünf Euro bedroht zu haben, ein Fall von versuchter räuberischer Erpressung, der ihn ganz besonders ärgerte. Daran änderte auch nichts, dass ihm einige ursprünglich angeklagte Taten sowie das führende Verfahren wegen Raubes nicht nachgewiesen werden konnten.

Mehrfach hatte der Mann mit dem Richter über vereinzelte Fälle diskutiert, auch am letzte Tag machte er seinen Unmut deutlich, fühlte sich, was die Gewalttaten angeht, zu unrecht verurteilt. „Ich will das nicht bagatellisieren und stehe zu dem, was ich getan habe, aber das war ich nicht.“ Noch während der Belehrung über die ihm zustehenden Rechtsmittel teilte er mit: „Oh ja, ich gehe in Berufung.“

Hauptsächlich wolle er die Aggressionstaten anscheinend nicht auf sich sitzen lassen. Dies scheint sein Hauptanliegen zu sein, denn auf eine deutliche Milderung des Urteils geschweige denn eine Bewährung kann er kaum hoffen. Alleine aufgrund der schieren Anzahl an Einzeltaten sowie der ein Dutzend meist einschlägigen Vorstrafen des Angeklagten war eine Bewährungsstrafe von vornherein kein Thema im Prozess.

Führerscheinsperre von drei Jahren

Die Beschaffungskriminalität, vor allem Diebstahl, ziehe sich „immer weiter durch seine Geschichte“, erklärte der Richter. Auch eine mögliche gerichtlich angeordnete Unterbringung des schwer abhängigen Mannes in einer Suchtklinik stand nicht mehr zur Debatte.

Eine weitere Therapie war bereits bei Verhandlungsbeginn kaum Thema, endgültig abgeschmettert wurde diese Möglichkeit von der psychiatrischen Sachverständigen, die keinen Heilungserfolg für den als untherapierbar geltenden Mann sah.

Über den Angeklagten wurde zudem eine weitere Führerscheinsperre von drei Jahren verhängt. Der von ihm verursachte finanzielle Schaden von 770 Euro unterliegt der Einziehung.

von Ina Tannert