Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg 28-Jährige berichtet von Mord an ihrem Hund
Marburg 28-Jährige berichtet von Mord an ihrem Hund
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:52 17.12.2019
Mischlingsrüde Chiko wurde getötet und in den Altkleidercontainer am Rotenberg geworfen.  Quelle: Privatfoto
Marburg

Sie schluchzt. Mit tränenerstickter Stimme berichtet Vanessa W. von dem, was sie seit drei Tagen nicht schlafen lässt. „Ich bin fertig, ich weiß einfach nicht weiter“, sagt sie weinend. Die 28-Jährige erzählt, dass sie mit ihrem Hund ­Chiko am Freitag gegen 7.40 in der Straße „Am Forsthaus“ in Bauerbach unterwegs war. Chiko sei circa zehn Meter vor ihr gelaufen und habe eine fünf Meter lange Schleppleine lose hinter sich hergezogen. Als sich der Mischling auf der Höhe eines am Fahrbahnrand stehenden schwarzen Autos befand – wohl ein BMW neueren Baujahres –, habe der daneben stehende Mann Chiko gepackt, sei in den Wagen gesprungen und mit dem Hund davongefahren.

"Das ging alles so furchtbar schnell"

„Das ging alles so furchtbar schnell“, sagt Vanessa. Sie sei noch hinterhergerannt, habe aber nichts mehr machen können. Aufgrund ihrer Kurzsichtigkeit (minus 3,75 Dioptrin) habe sie das Kennzeichen nicht erkennen können. Den Mann wiederum konnte die Altenpflegerin gut bei der Polizei beschreiben: Er sei circa 40 Jahre alt, zwischen 1,70 und 1,80 Meter groß und von kräftiger Statur gewesen. Die 28-Jährige vermutet eine „türkische Herkunft“. Er sei glattrasiert gewesen und habe schwarze gegelte Haare gehabt. Getragen habe er eine schwarze Winterjacke ohne Kapuze, eine dunkelblaue Jeans und weiße Winterschuhe.

Nach der „Entführung“ ruft Vanessa vergeblich im Tierheim an und veröffentlicht in den ­sozialen Netzwerken eine Suchmeldung, die hundertfach geteilt wird. „Ich war fix und fertig und habe mir solche Sorgen um Chiko gemacht“, sagt sie.
Am nächsten Tag sei der Alptraum weitergegangen. „Ich habe in meinem Briefkasten einen komischen Zettel gefunden.“ Vanessa veröffentlicht ihn im Internet. In gemeinsamer Recherche findet die Internet-Community heraus, dass die Schrift auf dem Zettel wohl türkisch ist. Die Übersetzung habe folgendes ergeben: „Altkleider, Marbach und eine Beleidigung“, sagt Vanessa.

Polizei sucht Zeugen

Wer hat den schwarzen Pkw, mutmaßlich BMW, am Freitagmorgen in der Straße Am Forsthaus in Bauerbach gesehen? Wer kann zu Pkw und Fahrer Hinweise geben? Wer war zwischen Freitagmorgen und Samstagabend auf dem Pendlerparkplatz unterhalb des Alten­heims bzw. am Friedhof  Rotenberg bei den Containern? Wer hat zwischen Freitagmorgen und Samstagabend jemanden beobachtet, der eine große blaue Plastiktasche in den Altkleidercontainer warf? Hin­weise bitte an die Polizei Marburg, Telefon: 06421/406-0.

Die Hundebesitzerin fährt sofort zum Altkleidercontainer in die Marbach. Als sie dort Chiko nicht entdeckt, habe sie eine Passantin nach weiteren Alt­kleidercontainern in der Nähe befragt. Die Frau habe ihr gesagt, dass es am Rotenberg auch einen gebe. „Da bin ich dann hin und habe Chiko mehrmals gerufen und dann dachte ich, ich hätte im Container ein Rascheln gehört“, erinnert sich die 28-Jährige. Sie verständigt Feuerwehr und Polizei. Diese brechen Samstag um 18.45 Uhr den Container auf (Foto: Thorsten Richter) und machen die grausige Entdeckung: Chiko. Er ist tot.

Vanessa weint, als sie davon erzählt. Chiko lag in einer großen blauen, festeren Plastik­tasche mit Aufschrift, wie die Polizei bestätigt. „Er selbst war in eine gelbe Plastiktüte eingewickelt und die lag in der blauen Tasche“, präzisiert Vanessa.
Die Polizei macht zur Todesursache keine Angaben. Nur so viel: Der Hund wies keine äußeren Verletzungen auf. „Die Hintergründe des Geschehens liegen noch im Dunkeln“, heißt es in der am Montag ver­öffentlichten Polizeimeldung.

Vanessa ist mit den Nerven am Ende. Die 28-Jährige trauert um ihren Hund, den sie erst im September aus dem Tierschutz übernommen hatte. Seit Tagen habe sie nicht geschlafen und nicht gegessen. Mehrmals bricht ihr im Telefongespräch mit der OP die Stimme. Sie schluchzt. Sie fürchte um ihr Leben, möchte deshalb möglichst anonym bleiben. „Dieser Mann hat einen Zettel in meinen Briefkasten geschmissen, um mir zu sagen, wo er meinen getöteten Hund abgelegt hat. Er weiß, wo ich wohne. Ich habe solche Angst. “

"Ich habe keine Feinde"

Sie kann sich nicht ­erklären, wer so etwas machen sollte. „Ich bin eine ruhige Person, habe ­keine Feinde.“ Auch kenne sie eigentlich keine ­„Südländer“, wie es der mutmaßliche Entführer des Hundes laut ihrer ­Beschreibung gewesen sein soll. Was sie aber auch nicht ver­stehen kann, ist, dass der Zettel mit der türkischen Schrift offensichtlich nicht von einem Muttersprachler verfasst worden sei. „Das ist mit dem Google-Übersetzer gemacht worden.“ 

Neben der Trauer um ihren Hund leidet Vanessa auch unter den Kommentaren im Netz. Viele Internet-User finden, dass die „Geschichte stinkt“, wie einer der Kommentatoren schreibt. Es wird gemutmaßt, dass sie selbst etwas mit dem Mord an ihrem Hund zu tun hat. Für Vanessa unfassbare Anschuldigungen. Sie habe ihren Hund geliebt. „Was sind das für bösartige Menschen, die so etwas schreiben?“, fragt sich die 28-Jährige.

Am Montag hat sie ihren Chiko ­beerdigt. Zumindest er ruht nun in Frieden.

von Nadine Weigel