Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Tobias Quentin legt seit 25 Jahren auf
Marburg Tobias Quentin legt seit 25 Jahren auf
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:57 07.11.2020
Nicht nur Platten auflegen: DJ Quentin muss es genauso gut verstehen, das Publikum zu animieren und mitzunehmen. Quelle: Thorsten Richter/Archiv
Anzeige
Marburg

Tobias Quentin reißt die Arme nach oben, gibt mit dem einen Arm den Takt vor, mit der anderen dreht er an den Knöpfen vor sich am Pult. Der Kopf ist leicht zur Seite geneigt, er hält mit der Schulter den Kopfhörer fest. Dort läuft schon das nächste Lied, dass er gleich spielen wird.

Seit 25 Jahren genießt DJ Quentin dieses Gefühl, wenn hunderte und tausende Menschen zu seinen Samples tanzen und abfeiern – auf der Tanzfläche oder beim ersten Drive-in-Club im Autokino in Marburg.

Anzeige

„Musik hat mich schon immer fasziniert“, sagt Tobias Quentin und zeigt auf ein Foto, das ihn als Kind mit Kopfhörern zeigt. Mit einem Doppelkassettendeck hat er früh versucht, Lieder ineinander zu mixen, die er vorher im Radio aufgenommen hatte. 1993 hat er sich dann sein erstes Album gekauft – Serenity von Culture Beat.

Techno-Musik fand er super, die Gruppe A-ha hat ihn auch fasziniert. Schnell war klar, dass er auf den Klassenpartys für die Musik zuständig ist. Schon damals hatte er den Anspruch, dass die Lieder ohne Pausen zwischendrin abgespielt werden. 1995, mit 16 Jahren, legte er in Amönau das erste Mal in einer Disco auf.

Aus 7.000 Bootlegs sucht er 30 Lieder aus

„Ich hatte die Hosen rammelvoll“, erinnert sich der heute 41-Jährige. „Aber es war wohl gut, denn ich durfte weiter machen.“ Lachend erinnert er sich, „dass um Mitternacht alle unter 18-jährigen Gäste rausgeschmissen wurden und ich als 16-jähriger DJ weiter machen durfte.“

Zwei Jahre später engagierte ihn Holger Berghöfer für seine Paf-Discothek in Cölbe. „Damals war es für mich sehr schwierig die Auto-Kennzeichen der Falschparker durchzugeben. Heute kriegt mich keiner mehr vom Mikrofon weg.“ Er perfektionierte das Mixen und Berghöfer brachte ihm die Musik der 1980er-Jahre und die damaligen aktuellen Hits näher. „Das war eigentlich gar nicht so meins. Aber als ich merkte, wie das Publikum darauf ansprach, konnte ich mich immer mehr dafür begeistern.“

Außerhalb vom Paf ging Tobias Quentin seiner Trance-Leidenschaft nach. 2003 gewann er einen DJ-Contest. Er hatte 22 Platten ineinander gemixt. Durch den Sieg durfte er auf der Nature One – eines der größten europäischen Festivals für elektronische Musik – auflegen. „Das war der Türöffner in die Frankfurter DJ-Szene“, erinnert er sich.

Vor der Pandemie war es rappelvoll

Drei Jahre war er im Süden von Deutschland in der Trance-Szene unterwegs, als 2006 das Super-Maxx aus Wetzlar anklopfte. 2.000 Leute tanzten Wochenende für Wochenende zu seiner Musik, „ab da musste ich dann viel moderieren“.

Highlight war in dieser Zeit auch der Auftritt beim Annafest in Forchheim. 150.000 Besucher standen vor dem DJ-Pult: „Der Wahnsinn!“ Später wurde er dann noch einmal für ein paar Jahre Resident-DJ in Montabaur, ehe das allgemeine Clubsterben begann. Mit Privat- und Burschenschaftspartys ging es weiter, bis die legendären Paf-Partys erst im Autohaus Gnau, dann im Till Dawn und jetzt im KFZ wiederbelebt wurden.

Er erinnert sich an die erste Veranstaltung: „Bis 20 Uhr war es total leer. Anderthalb Stunden später standen etliche Busse vor der Tür, um 23 Uhr war es rappelvoll.“ Vor Ausbruch der Pandemie standen die Gäste manchmal bis zum Kino. Alle wollten ins KFZ.

„Die Zugriffszahlen waren gigantisch!“

„Ja, die Pandemie“, sagt Tobias Quentin. „28 Veranstaltungen wurden abgesagt, aber dafür gab es den ersten Drive-in-Club im Autokino“, schiebt er grinsend hinterher. Mit den „Marburger Clubs united“ ist der Marburger DJ-Szene ein Coup gelungen. Mit ihren Live-Streams haben sie Millionen Musikbegeisterte erreicht. „Die Zugriffszahlen waren gigantisch!“ Dennoch bedroht auch der zweite Lockdown nicht seine Existenz. Denn trotz aller Erfolge hat Tobias Quentin nie seinen Job gekündigt, „auch wenn es lukrative Angebote gegeben hat“. Seine Familie hat ihn am Boden gehalten.

Und die musste viel „erleiden“: 70 Schallplatten hat der DJ früher wöchentlich gehört, um seine Gigs vorzubereiten, jetzt sind es bis zu 7.000 Bootlegs, aus denen er dann 30 Lieder raus sucht. „Es war immer mein Ehrgeiz, mich von der Masse abzuheben“, betont er. Das ist ihm gelungen. „Ich mäkel heute noch an jedem DJ rum, wenn er den Übergang nicht richtig hinkriegt“, gibt er lachend zu. Außer bei einem, da macht er eine Ausnahme. Bei seinem Sohn, der gerade in seine Fußstapfen tritt.

Von Katja Peters