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Marburg Der Euro ist kein „Teuro“
Marburg Der Euro ist kein „Teuro“
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16:00 11.01.2022
Menschen betrachten vor der Euro-Einführung eine überdimensionale Euro-Münze in der Frankfurter Innenstadt.
Menschen betrachten vor der Euro-Einführung eine überdimensionale Euro-Münze in der Frankfurter Innenstadt. Quelle: Boris Roessler
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Marburg

Als vor 20 Jahren der Euro die D-Mark abgelöst hatte, dauerte es nicht lange, bis das geflügelte Wort vom „Teuro“ die Runde machte: Gefühlt war alles teurer geworden. Doch entsprach dieses Gefühl der Realität? Und: Wie hat sich die Währung bis heute entwickelt? Wären wir mit der „guten, alten D-Mark“ vielleicht noch besser dran?

Statistiker und Ökonomen konnten 2002 noch so sehr argumentieren: Beim Einkaufen, in der Kneipe oder beim Friseur wurden Verbraucher das Gefühl nicht los, D-Mark-Preise seien im Zuge der Währungsumstellung 1:1 in Euro umgerechnet worden. Das Wortspiel wurde so populär, dass „Teuro“ gleich im Jahr der Einführung des Euro-Bargeldes Deutschlands „Wort des Jahres“ wurde.

„Die Teuro-Geschichte ist eine der größten Legenden im Währungsbereich“, findet Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater. „Die Tatsache, dass einige Preise im Einzelhandel oder in Restaurants bei der Einführung des Euro-Bargeldes anstiegen, bildete die Grundlage für diese Legende. Es handelte sich dabei um sehr fühlbare Preise, weil sie für viele Menschen häufige Leistungen betrafen, die meistens bar bezahlt wurden.“ Katers Fazit beim Blick auf die tatsächlich messbare Teuerung: „Bislang ist der Euro kein Teuro, sondern ein Stabilo.“

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, bekräftigt: „Der Euro hat sich als außergewöhnlich stabile und starke Währung erwiesen. Die Inflation war mit durchschnittlich jährlich circa 1,5 Prozent seit 1999 geringer als in Zeiten der D-Mark – und dies trotz großer Krisen, wie der globalen Finanzkrise 2008/2009 und der Corona-Pandemie.“

Preiserhöhungen waren nur Einzelfälle

Auch Andreas Bartsch, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Marburg-Biedenkopf, bestätigt: „Von Teuro kann keine Rede sein. Im Gegenteil: Hätten wir noch die D-Mark, dann würde die Teuerungsrate ganz anders aussehen.“ Betrachtet man beide Währungen im 20-Jahres-Vergleich, so sank nach Angaben von Eurostat und Bundesbank die Kaufkraft der D-Mark zwischen 1981 und 2000 von 100 D-Mark auf 63,50 D-Mark. Beim Euro war der Verlust von 2002 bis 2021 geringer – er sank von 100 Euro auf 73,50 Euro. „Es gab dann den Begriff der ,gefühlten Inflation’, weil zum Beispiel einige Wirte den Bierpreis im Zuge der Euro-Umstellung nicht nur gefühlt erhöht hatten“, erinnert sich Bartsch. Doch waren dies wohl Einzelfälle: Ein Großteil der Händler und Gastronomen hatten die Preise – die ja eine Zeit lang sowohl in D-Mark als auch Euro ausgewiesen waren – centgenau umgerechnet, so Untersuchungen. Die Inflationsrate von der Einführung bis 2020 habe im Schnitt bei 1,7 Prozent gelegen.

„Mittlerweile gibt es 19 Mitgliedsstaaten, der Euro gilt für rund 340 Millionen Einwohner in Europa und ist die zweithäufigst verwendete Währung der Welt nach dem Dollar“, sagt Bartsch. 39 Prozent des Zahlungsverkehrs weltweit würden mit der Gemeinschaftswährung abgewickelt – „genauso viel wie in Dollar. Daher hat der Euro natürlich eine immense Bedeutung.“ Im internationalen Zahlungsverkehr gibt es seit 2002 für Touristen weder einen Geld-Umtausch noch die damit verbundenen Gebühren. „Das gilt ja auch für Unternehmen. Zudem sorgt der Euro für Stabilität und schafft auch ein Stück weit Identität“, sagt Andreas Bartsch. Die Staaten würden untereinander eine Verpflichtung eingehen, wie sich etwa während der Griechenland-Krise gezeigt habe. „Insgesamt hat sich der Euro bewährt.“

D-Mark wäre heute nicht mehr so stark

Warum fremdelten die Deutschen dann zunächst mit der neuen Währung? „Die Leute unterstellen immer diese starke D-Mark, die sie ja auch war. Doch diese Emotionalität täuscht darüber hinweg, dass die D-Mark heute nicht mehr so stark wäre – denn die Bundesrepublik wäre als Währungsraum zu klein.“

Und: „Selbst wenn die Mark noch so stark wäre, wäre das nicht gut für unsere Wirtschaft. Denn wir haben viel Export – da hilft es uns schon, wenn wir eine Währung haben, die weltweit nicht ganz so teuer ist.“

Die Diskussion um die Inflation gebe es auch derzeit. „Doch wenn man sich anschaut, was jetzt die Treiber der Inflation sind, dann gibt es zwei wesentliche Punkte: Durch die unterbrochenen Lieferketten kommen die Produkte und Rohstoffe nicht in den Laden oder in die Produktionsstätten. Das andere, was das Leben momentan so teuer macht, sind die explodierten Energiekosten.“ Beides würde zwangsläufig bei den Verbrauchern ankommen – ließe sich jedoch „mit der Geldpolitik nicht beeinflussen“. Unterm Strich, so ist sich Andreas Bartsch sicher, „ist der Euro auf gar keinen Fall ein Teuro“.

Gründe der „gefühlten Inflation“

Laut dem Nachrichtensender n-tv hing der Großteil der Preisanhebungen, der zum Gefühl des „Teuro“ führte, nicht mit der Euro-Einführung zusammen.

Mit der Euro-Einführung trat eine weitere Stufe der „Ökosteuer“ in Kraft – dabei wurde von 1999 bis 2003 die Mineralölsteuer in Schritten von sechs Pfennigen mehrmals erhöht. Das hatte spürbare Auswirkungen auf die Benzinpreise.

Einige Nahrungsmittel, besonders Obst und Gemüse, wurden zum Teil deutlich teurer – laut Statistischem Bundesamt vor allem aus witterungsbedingten Gründen. Demnach lag das Preisniveau im November 2002 wieder 0,9 Prozent niedriger als im Jahr zuvor. Obst war um 2,2 Prozent günstiger, Gemüse 5,3 Prozent.

Die Inflation lag in den Jahren nach der Euro-Einführung zwischen Jahreswerten von 0,4 und 2,6 Prozent. Gründe für die Preissteigerungen: Der Ölpreis stieg von etwa 10 Dollar im Jahre 1998 auf 140 Dollar Mitte 2008 – Kraftstoff und Energie wurden zwischen Januar 2002 und Dezember 2006 um 30 Prozent teurer.

Die Tabaksteuer wurde alleine zwischen Januar 2002 und September 2005 fünf Mal erhöht, im Mai 2011 trat die erste von fünf weiteren Stufen in Kraft, die Zigaretten bis zum Jahre 2015 weiter verteuerten.

Der reguläre Mehrwertsteuersatz wurde 2007 von 16 auf 19 Prozent erhöht, der ermäßigte Steuersatz von 7 Prozent blieb konstant.

Von Andreas Schmidt und Jörn Bender