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Marburg Versuchter Totschlag
Marburg Versuchter Totschlag
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09:56 09.12.2020
Der Vorwurf des versuchten Totschlags steht bei dem Sicherungsverfahren vor dem Landgericht im Raum.
Der Vorwurf des versuchten Totschlags steht bei dem Sicherungsverfahren vor dem Landgericht im Raum. Quelle: Thorsten Richter/Archiv
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Marburg

Ein 31-Jähriger soll im Frühjahr dieses Jahres einen Bekannten sowie seinen eigenen Vater mit einem Samuraischwert bedroht haben. In beiden Fällen wollte der des versuchten Totschlags Beschuldigte Geld von seinen Opfern bekommen – 150 Euro von dem Bekannten für eine Lautsprecheranlage, 1.000 Euro von seinem Vater, die der Sohn offenbar zur Deckung seiner laufenden Kosten dringend brauchte.

Die Beweisaufnahme in dem seit vergangener Woche vor der sechsten Strafkammer unter Vorsitz von Landgerichtspräsident Dr. Frank Oehm laufenden Sicherungsverfahren ist umfangreich.

Und während in „normalen“ Strafverfahren die Anhörung von Zeugen in erster Linie dazu dient, das Tatgeschehen möglichst umfänglich und lückenlos offenzulegen, geht es in diesem Fall primär darum, der psychiatrischen Sachverständigen Dr. Angelika Marc möglichst viele Anhaltspunkte für die Beantwortung der Frage nach der Schuldfähigkeit des Angeklagten sowie seiner Gefährlichkeit für die Allgemeinheit zu liefern.

„Sehr aggressiv“

Von der Expertise der Gutachterin aus der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Haina wird entscheidend abhängen, ob das Gericht eine Einweisung des Mannes in die geschlossene Psychiatrie anordnet, ihn zu einer Freiheitsstrafe verurteilt oder gar ein Freispruch am Ende des Verfahrens steht.

Die Zeuginnen und Zeugen, die am Dienstag, 8. Dezember, gehört wurden, trugen zwar quantitativ viel bei zur Erstellung eines Persönlichkeitsbilds des Beschuldigten. Doch ob sich aus den Einlassungen eine aus psychiatrischer Sicht gerichtlich präzise verwertbare Charakterisierung ergibt, bleibt abzuwarten – in der kommenden Woche will Dr. Angelika Marc nach der Ladung weiterer Zeugen ihr Gutachten vorstellen.

„Sehr aggressiv“ sei der 31-Jährige an jenem Aprilmorgen gewesen, als er versuchte, sich Zutritt zu den Geschäftsräumen seines Vaters zu verschaffen. Das sagte ein Mitarbeiter des Inhabers eines Handwerksbetriebs im Ostkreis, dem es gemeinsam mit dem Chef gelungen war, den Sohn am Betreten des Büros zu hindern. Die Lebensgefährtin des von seinem Sohn mit dem Schwert bedrohten Mannes schilderte, wie am Abend vor der Tat der Sohn per Telefon sein Kommen angekündigt hatte. Ihr Partner habe dem Sohn gesagt, er werde ihm das geforderte Geld nicht geben, woraufhin der 31-Jährige angedroht habe, seinem Vater den „Kopf abzuhacken“.

„Kein schlechter Mensch“

Die Zeugin sagte wörtlich: „Er ist für mich kein schlechter Mensch, aber er lebt in seiner eigenen Welt.“ Eine Welt, die auch der Einschätzung weiterer Zeugen zufolge aus permanentem Computerspiel bestand, aus der Beschäftigung mit kruden Verschwörungstheorien, abrupten Stimmungswechseln, möglichem Drogenkonsum und einem Verfolgungswahn, der sich nach der Trennung von seiner Freundin manifestierte, mit der er im Kreis Gießen zusammengewohnt hatte.

Andere Zeugen berichteten zudem, dass der Angeklagte sich mit Kriegsfilmen beschäftigte und gern erzählte, dass er bei der Marine als U-Boot-Besatzungsmitglied sei oder sich zumindest bei der Marine beworben habe. Ob es letztlich für eine Einweisung in die geschlossene Psychiatrie ausreichen wird, dass der Beschuldigte daran glaubt, auf der dunklen Seite des Mondes und in der Antarktis gebe es heute noch Nazi-Basen, ist ebenso unsicher wie der Umstand, dass er nach der Trennung von seiner Freundin nachts laut Selbstgespräche führte und Ramstein-Musik hörte.

Am Ende des Verhandlungstages entschied das Gericht, auch noch die Großeltern des 31-Jährigen sowie dessen leibliche Mutter für den kommenden Montag als Zeugen zu laden.

  •  Den Bericht vom ersten Verhandlungstag lesen Sie hier.

Von Carsten Beckmann