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Marburg Säugling durch Schütteln getötet
Marburg Säugling durch Schütteln getötet
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12:47 21.01.2020
Ein Babyschnuller hängt an einem Ast auf dem Parkplatz vor dem Mutter-Kind-Zentrum am UKGM in Marburg. Archivfoto
Ein Babyschnuller hängt an einem Ast auf dem Parkplatz vor dem Mutter-Kind-Zentrum am UKGM in Marburg. Quelle: Archiv
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Marburg

Das Landgericht hat den zur Tatzeit 17-jährigen Angeklagten zu einer vierjährigen Jugendstrafe verurteilt. Das Gericht hat ihn – in nicht-öffentlicher Sitzung nach sieben Verhandlungstagen und über 30 gehörten Zeugen sowie mehreren Sachverständigen – wegen Körperverletzung mit Todesfolge für schuldig befunden. 

Auf OP-Anfrage schildert Landgerichts-Sprecher Dr. Marcus Wilhelm den Tathergang, den die Strafkammer als erwiesen ansah: Am Tattag – es war der 20. Februar vergangenen Jahres – hat der damals Minderjährige das Mädchen genommen, vor sich gehalten und 10 bis 15 Mal geschüttelt. Dadurch habe der Angeklagte dem Kind Hirnschäden zugefügt, an denen das Baby letztlich starb.

Der Überzeugung der Staatsanwaltschaft, dass der Täter den Tod des Kindes „billigend in Kauf genommen habe“ und es sich somit um Totschlag handele, folgte das Landgericht jedoch nicht. Ebenfalls nicht erwiesen hat sich demnach der Vorwurf der Anklage, dass der damals 17-Jährige das Baby am Tattag mit einem harten Gegenstand gegen den Kopf oder den Kopf gegen einen harten Gegenstand geschlagen habe. Der Angeklagte hatte seinerzeit gegenüber dem Haftrichter die strafbaren Handlungen grundsätzlich gestanden, sein Geständnis im weiteren Verlauf des Ermittlungsverfahrens aber wider­rufen. 

Jugendamt und freier Träger zeigten sich schockiert

Das nun gefällte Urteil – die laut Jugendstrafe maximal mögliche Haftdauer ist fünf Jahre – ist jedoch noch nicht rechtskräftig, sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung haben Rechtsmittel eingelegt. Der junge Mann bleibt aber weiter in Haft.

Die Tat beging der Minderjährige in der von einem freien Träger gestellten Innenstadt-Wohnung der damals 18-jährigen Kindes-Mutter. Die junge Frau alarmierte am Mittag des Februartages ihre Betreuer, dem Säugling gehe es nicht gut, es wirke „apathisch“. Sie rief den Notarzt, der das Baby mit schweren äußeren und inneren Verletzungen ins Uni-Klinikum brachte. Dort ist das sieben Wochen alte Mädchen wenig später an seinen schweren Kopfverletzungen – durch das viel­fache Schütteln des kleinen Mädchens – gestorben.

Jugendamt und freier Träger zeigten sich nach der Tat schockiert. Es habe im Vorfeld keinerlei Hinweise gegeben, dass das Baby im Umfeld der 18-jährigen Mutter – der Täter, der aus dem Landkreis stammt, ist nicht der Vater des Kindes – gefährdet gewesen sei. Vielmehr sei die junge Frau gut mit ihrer Tochter zurechtgekommen und habe sich verantwortungsvoll gekümmert. Versäumnisse der Behörden habe es nicht gegeben, heißt es von den Ermittlungsbehörden.

Jährlich 100 bis 2000 Kleinkinder mit Schütteltraumata

In der Vergangenheit kam es im Landkreis bereits zu mehreren Schüttel-Angriffen, etwa 2009 in Neustadt, 2016 in Gladenbach und im selben Jahr durch eine Marburgerin in der Wetterau, wo Säuglinge jeweils so grob misshandelt wurden, dass sie Hirnblutungen erlitten – ohne Todesfolge.

Jährlich werden nach Schätzungen von Kinderärzten zwischen 100 und 200 Säuglinge und Kleinkinder mit Schütteltraumata in Krankenhäuser gebracht.

von Björn Wisker

Ärzte warnen vor Schütteln von Babys

Am Uni-Klinikum Gießen-Marburg gibt es eine Kinderschutzgruppe, die Erfahrungen speziell mit Schütteltraumata hat. Die Ärzte erklären, was beim Schütteln von Neugeborenen passiert. Dadurch werde die Blutversorgung des Gehirns durch Zusammenziehen der Arterien komplett unterbrochen. Typisch sei, dass das Kind bereits wenige Minuten nach dem erfolgten Trauma müde oder schwer erweckbar wird und kaum noch auf Stimulation reagiere. Einige Zeit später treten epileptische Anfälle auf oder das Kind fällt ins Koma. Die Fontanelle ist gespannt und ein Aufwecken des Kindes ist nicht mehr möglich. Die Prognose des Schütteltraumas sei „überaus ungünstig“, 10 bis 20 Prozent der Babys sterben, etwa die gleiche Zahl der Kinder bleibt für den Rest des Lebens schwerstbehindert – Erblindung, Spastik, Epilepsie. Ein folgenloses Ausheilen „scheint unmöglich zu sein“.