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Marburg Abgestempelt und verschickt
Marburg Abgestempelt und verschickt
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18:04 08.10.2019
Die Ansicht von Deutschhaus und Elisabethkirche stammt vom 22. März 1902. Ferdinand schreibt am Kartenrand in Sütterlinschrift an den Großvater von Albert Schmidt, dass er nach der Unterprima und Edi nach Quarta versetzt wurde.
Marburg

Das Meer so klar, die Landschaft so schön, das Essen so lecker, das Wetter so super – klassischer könnte der ­Inhalt einer Ansichtskarte aus dem Urlaub nicht sein. Die knappen Texte über die angeblich schönsten Wochen des Jahres spiegeln aber auch den Zeitgeist.

„Vor 30 oder 40 Jahren ­gehörte der Sonnenbrand im Urlaub einfach dazu. Den hat man dann auch stolz erwähnt“, sagt der Sprachwissenschaftler Heiko Hausendorf von der Universität Zürich. Er hat mehr als 13 000 Ansichtskarten auf ihre Muster und Besonderheiten untersucht. Eine Auffälligkeit: Den Schreibern geht es praktisch nie schlecht, und lange vor der heute durch das Internet beförderten Angewohnheit, allem und jedem eine Note zu geben, seien auch schon früher gerne das Hotel, der Service, die Freundlichkeit bewertet worden, sagt Hausendorf. Der Unterschied: Es las nur ein Empfänger.

Die Ansicht des Marburger Marktplatzes mit Rathaus wurde am 31. Dezember 1897 als Postkarte verschickt.

Die Postverwaltung Österreich-Ungarns ließ als Erste­ der Welt die Postkarte zur Beförderung zu. Das neue Angebot wurde sofort ein Renner. Die Idee stammte eigentlich aus Preußen. Ein entsprechender Vorschlag wurde dort jedoch verworfen, weil eine solche Form der Mitteilung als „unanständig“ angesehen wurde.

Die Ansichtskarte ergänzte die Palette dank aufkommender Fotografie. Ursprünglich sei die Idee des Produkts gewesen, ein Bild zu verschicken, sagt Hausendorf. Die andere Seite der Karte sei nur dem Adressfeld vorbehalten gewesen.

1905 rückte das Adressfeld zur Seite, der neue Platz bot nun Raum für Grüße und Gefühle.

Postkarten auch heute noch gern genutzt

Trotz digitaler Grüße und der Flut von Urlaubsfotos per Handy bleibt die Karte wichtiger Teil der Kommunikation. Laut einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom wollte in diesem Sommer mehr als jeder zweite deutsche Urlauber eine­ Karte oder einen Brief an die ­Daheimgebliebenen schreiben. „Der Aufwand, den man für das Verschicken einer Karte betreiben muss, ist auch ein Ausdruck der Wertschätzung gegenüber dem Empfänger“, meint Hausendorf.

Wie viele andere Menschen auch sammeln viele der OP-­Leserinnen und OP-Leser Postkarten. „Diese, von meinen Vorfahren vor über hundert Jahren geschriebenen und verschickten Marburg-Postkarten haben für mich, im Vergleich mit den Karten vom Flohmarkt, einen unschätzbaren Wert“, sagte etwa OP-Leser Albert Schmidt aus Cappel über seine Sammlung. Sie wurden gesammelt, aufbewahrt und von Generation zu Generation weitergegeben.

„Die Aufbewahrung erfolgte in einfachen Schuhkartons, so dass sie sich auch heute noch in einem Top-Zustand befinden“, erzählt Schmidt und schließt die Frage an: „Wer weiß, was in hundert Jahren aus unseren heutigen Festplatten, CD-Roms usw. geworden ist?“

117 Jahre alt ist diese Postkarte. Sie zeigt den Marktplatz mit ­Wochenmarkt und wurde am 22. März 1902 abgestempelt.

OP-Leserin Friederike Haack berichtet: „Ich schicke meinen­ Verwandten, Bekannten und Freunden immer noch Geburtstagskarten, Hochzeitskarten oder Karten zu irgendeinem anderen Anlass. Besonders fleißig bin ich zu Weihnachten. Da fange ich schon meistens Mitte November an mit den Karten, die ich sogar selber mit meinen Fotografien gestalte, zu schreiben.“

Und Frank Wagner aus Kirchhain hat seine Heimatstadt mit der Kamera künstlerisch festgehalten und daraus eigene Postkarten gemacht.

Leider wird Friederike Haack nicht mehr so viel Postkarten zu Weihnachten schreiben wie früher: Das Porto der Post ist ihr zu teuer geworden.

von Till Conrad und Matthias Röder