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Marburg Ihr letzter Wunsch: Zurück in die Wohnung
Marburg Ihr letzter Wunsch: Zurück in die Wohnung
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12:04 02.12.2021
Die Küchenhelfer waren wieder fleißig, um Flutopfern etwas Normalität zu schenken. Matthias Müller ist extra aus Hamburg gekommen.
Die Küchenhelfer waren wieder fleißig, um Flutopfern etwas Normalität zu schenken. Matthias Müller ist extra aus Hamburg gekommen. Quelle: Fotos: Nadine Weigel
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Marburg

Mit konzentriertem Blick lässt Matthias Müller seine Feile über das Holz gleiten. Gekonnt beseitigt er jede noch so kleine Unebenheit in den Schranktüren. Extra aus Hamburg ist er angereist. Für ihn ist es Ehrensache, seinen ehemaligen Arbeitskollegen der Schreinerei Schmitz zu helfen. „Meine Familie kommt selbst aus der Eifel und wurde glücklicherweise von der Flut verschont. Als ich gehört habe, was hier los ist, musste ich einfach herkommen“, erklärt Müller und blickt in die große Halle der Schreinerei Schmitz.

Dort ist viel los. Alle Maschinen laufen. In jeder Ecke herrscht rege Betriebsamkeit. Es wird gesägt, gefräst, geschraubt und geleimt. Jeder Handgriff sitzt. Muss auch, denn ganze 15 Pantry-Küchen sollen an diesem Samstag von 7 Uhr morgens bis 22 Uhr abends hergestellt werden. Es läuft gut, schon wieder fährt Michael Schmitz einen Schwung fertig montierter Unterschränke mit dem Rollwagen vors große Tor. Der 28-Jährige ist nicht nur Geschäftsführer der Schreinerei, sondern auch Initiator des Hilfsprojektes „Küchenhelfer.jetzt“, das Küchen für Flutopfer produziert. Die Idee dazu kam Michael Schmitz vor Ort im Ahrtal. Als die Jahrhundertflut im Westen Mitte Juli dieses Jahres 180 Menschen das Leben kostete und tausende Häuser zerstörte, war Michael Schmitz mit dem THW Marburg als Katastrophenhelfer vor Ort.

Die schockierenden Eindrücke der absoluten Zerstörung haben ihn nicht losgelassen. Eine Begegnung ist ihm ganz besonders „in den Knochen geblieben“, wie er sagt. Eine Frau, deren Haus von der Flut zerstört wurde, fragte ihn kurz nach der Katastrophe, wo sie denn nun für ihre Tochter Essen machen solle. „Da wusste ich, ich muss Küchen für die Betroffenen bauen“, erinnert sich der Marburger Schreiner.

Betroffene hat schon zwei Flutwellen überlebt

In den vergangenen Monaten haben Schmitz und seine insgesamt gut 80 Helferinnen und Helfer bereits 50 Pantry-Küchen gebaut und bei Betroffenen montiert. Eine von ihnen ist Anke Barteit. Sie wohnt in Ahrweiler und hat die Flutkatastrophe hautnah miterlebt. Sie hat alles verloren, berichtet die 56-Jährige im Telefongespräch mit der OP. „Ich wohne aktuell nicht in der Wohnung. Ich bin bei einer Freundin untergekommen, die es nicht ganz so schlimm getroffen hat.“

Auch wenn die eigene Wohnung, so wie viele andere Wohnungen im Flutgebiet, noch im Rohbau sei, freut sich Barteit über die Pantry-Küche von den Küchenhelfern aus Marburg. „Ich war ober-, oberglücklich, als die Zusage für die Küche kam“, erzählt die Ahrweilerin. Die Montage durch die freiwilligen Helferinnen und Helfer bei ihr zu Hause sei reibungslos verlaufen. „Es hat alles geklappt und alle sind gemeinsam runter gekommen. Es war so toll, wie sie zusammengearbeitet haben. Sie haben das ganz toll gemacht“, freut sich die 56-Jährige.

Eines ist für Barteit klar: Alleine funktioniert der Wiederaufbau nicht. „Du bist auf solche Menschen angewiesen“, sagt sie mit Blick auf die immer noch schwierige Lage vor Ort. Außenstehende fragten sich, wie dort das Leben funktioniere. „Es ist auch immer noch katastrophal. Aber dir bleibt nichts anderes übrig“, meint Barteit. Es werde noch Jahre dauern, bis man in Ruhe auf dem Sofa sitzen könne.

Trotz all dessen ist die 56-Jährige froh über die Hilfen. „Die Hilfsbereitschaft der Menschen ist überwältigend“, betont Barteit. Sie freue sich für jeden, der Hilfe bekomme. „Es geht um jeden“, erklärt sie. Sie selbst habe immer gerne gegeben, wenn jemand Hilfe gebraucht habe. Nun sei die Situation umgedreht. „Ich habe erst nach drei Monaten um Hilfe gebeten. Es war mir unangenehm“, sagt die Flutbetroffene.

Auch wenn die Küchen und die Menschen mit ihrer Hilfsbereitschaft Hoffnung geben, bleiben viele Sorgen. „Es gibt Tage, wo man verzweifelt ist“, sagt die Ahrweilerin. Inzwischen steht der Winter vor der Tür. In den Häusern sei es teilweise so kalt, dass man es dort nicht aushalte, berichtet sie. Und wie soll es weitergehen? „Einen richtigen Plan gibt es noch nicht“, meint die 56-Jährige. Sie sei dankbar für das viele Glück, das sie habe. Auch in Hinblick darauf, dass sie bereits einen Tsunami in Thailand überlebt habe. Doch eine Krankheit macht ihre Situation zwischen Glück und Verzweiflung nicht besser. „Ich habe einen bösartigen Lungenkrebs“, sagt Barteit. „Mein größter Wunsch ist es, dass ich nochmal in meiner Wohnung leben kann.“

Dass vom Schicksal schwer getroffenen Menschen wie Barteit weiterhin Hoffnung gegeben werden kann, dafür wollen die „Küchenhelfer“ weiterhin sorgen. „Es gibt nix schöneres als Menschen zu helfen, das ist auch für mich der Grund, warum ich mich im THW engagiere“, sagt Katinka Grimmelbein, die am Samstag wie viele Kameradinnen und Kameraden des THW in der Schreinerei Schmitz mit anpackt. Sie war im Sommer selbst eine Woche im Flutgebiet vor Ort und kann sich noch gut an die schockierenden Bilder erinnern. „Solch eine Zerstörung zu sehen, das macht etwas mit einem.“

Für Michael Schmitz ist klar, dass er weitermachen will. Denn neben den schrecklichen Bildern sind es vor allem die emotionalen Begegnungen mit den Menschen, die ihm im Gedächtnis bleiben. „Wenn wir den Betroffenen die Küchen bringen und sie einem mit Freudentränen in den Armen liegen, dann sind das Momente, die man nicht vergisst.“

Mehr Infos

Mehr Infos zum Projekt gibt es auf www.kuechenhelfer.jetzt

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