Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Buntes Brummi-Spektakel begeistert
Marburg Buntes Brummi-Spektakel begeistert
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:58 21.12.2020
Strahlende Gesichter: Der kleine Jannis freut sich in Lohra mit seiner Mutter Kerstin über die Weihnachts-Truck-Parade.
Strahlende Gesichter: Der kleine Jannis freut sich in Lohra mit seiner Mutter Kerstin über die Weihnachts-Truck-Parade.
Anzeige
Marburg

Leonie (7) und ihr Bruder Alexander (5) kommen aus dem Staunen nicht heraus. Mit ihrer Oma sind sie Samstagnachmittag extra aus Cölbe auf den Marburger Messeplatz gefahren, um die vielen bunten Lkw zu sehen, die weihnachtlich geschmückt durch den Landkreis fahren wollen. Für den guten Zweck. Um Kinder glücklich zu machen.

„Für die Kinder gab es in diesem Jahr nichts. Schwimmbad zu, Kletterpark zu, Schule oft auch zu, jetzt auch noch Shutdown, das ist doch schlimm“, sagt Ralf Kalabis-Schick und fügt hinzu: „Da sollen die Kinder wenigstens jetzt ein bisschen was zum Freuen haben.“ Der 49-jährige Familienvater hat das Brummi-Spektakel zu verantworten. Er war es, der innerhalb weniger Tage Trucker zusammengetrommelt und sich alle nötigen Genehmigungen organisiert hat. Stadt Marburg, die Straßenverkehrsbehörde, Regierungspräsidium, Polizei – alle haben für diese Demo der ganz besonderen Art grünes Licht gegeben. „Und der Tüv checkt gerade noch die Beleuchtung, dann geht’s los“, sagt er lachend, spricht in sein Funkgerät, ruft nach Kollegen und weist wild gestikulierend noch die letzten Lkw ein. Der Mardorfer nimmt den Stress gelassen, zu groß ist die Freude über die Resonanz. Schon kurze Zeit nach dem Aufruf auf Facebook konnte er sich vor Anfragen nicht retten. 80 Lkw waren angekündigt – sage und schreibe 126 sind es geworden.

„Lkw-Fahrer sind eine eingeschworene Gemeinschaft und haben ein Herz für Kinder“, weiß Kalabis-Schick. Vielleicht hänge das damit zusammen, dass Lkw-Fahrer selbst immer so lange von ihrer Familie getrennt seien, wenn sie auf Tour sind. „Du kannst noch so hart sein, wenn ein Kind dir auf der Brücke zuwinkt, winkst du zurück“, sagt er lachend, steigt auf seinen Fahrersitz und startet pünktlich zum Einbruch der Dunkelheit den Mega-Konvoi. Die Brummis rollen so laut hupend los, dass sie von weitem zu hören sind. Unzählige Anrufe gehen bei der Polizei wegen Ruhestörung ein, wie die Polizei am Sonntag mitteilt.

Auch im Netz gibt es vereinzelt Kritik. „Unnötige Umweltverschmutzung in Zeiten der Klimakrise“, moniert einer. Ein paar andere halten das Spektakel aufgrund der hohen Corona-Infektionszahlen für zu riskant. Doch bereits im Vorfeld hatten Kalabis-Schick und auch die Polizei eindringlich darum gebeten, dass Zuschauer die 60 Kilometer lange Strecke nutzen, um Abstand zu halten. Aus Sicht der Polizei sei dies auch gut gelaufen. Man habe nicht einen Verstoß gegen die Corona-Regeln aufnehmen müssen, teilte die Polizei am Sonntag auf Nachfrage der OP mit. Eine junge Mutter fasste es so zusammen: „Am Kreisel bei Niederweimar war mir viel zu viel los, dann bin ich eben woanders hin. Es liegt doch an jedem selbst, ob er den Corona-Abstand einhält.“

Ihr zwei Jungs jedenfalls waren begeistert. Genauso wie der überwältigende Teil im Netz, wo es einen regelrechten Lovestorm gab: Allein das Live-Video auf dem Facebook-Kanal der OP erreichte mehr als 150 000 Menschen. „Wahnsinnig schön in dieser schwierigen Zeit“, „Ich hatte Tränen in den Augen“, „Gänsehautfeeling“, das waren nur einige der euphorischen Kommentare.

Euphorie gab’s auch auf der Strecke. Menschen winkten, schwenkten selbst Lichterketten und freuten sich. „Ich hab den Konvoi in Marburg verpasst und bin extra noch mal hergefahren“, erklärte Marie, die zusammen mit ihrer Oma das Spektakel in Lohra bestaunte – mit Mundschutz und auf Abstand. „Das beste daran ist doch, dass es für krebskranke Kinder ist, das wissen ja viele nicht“, rief Oma Margarete Fink ins Gedächtnis. Sie hatte Recht. Der bunte Brummi-Konvoi sammelte Spenden für die Elterninitiative für leukämie- und tumorkranke Kinder. Bereits vor dem Start der Lkw-Parade waren so 2 400 Euro zusammengekommen. Kollegen von Ralf Kalabis-Schick waren herumgegangen und hatten bei den Fahrern gesammelt. Durch den Online-Verkauf eines extra entworfenen T-Shirts waren bis Sonntagnachmittag noch einmal 1 100 Euro zusammengekommen.

Zusätzlich hatten die Trucker noch Werbung für eine Spendensammelaktion von Christina Pfeil gemacht. Sie hatte auf der Plattform Betterplace Spenden zugunsten der Elterninitiative für leukämie- und tumorkranke Kinder gesammelt. „In diesem Corona-Jahr sind alle Veranstaltungen für die Initiative weggebrochen, deshalb wollte ich helfen“, so Pfeil, die mit 14 Jahren ihre beste Freundin an Krebs verloren hat und weiß, wie wichtig die Arbeit des Vereins ist. 10 000 Euro hatte sie bereits aus eigener Kraft gesammelt. Nach dem Aufruf der Trucker waren es bis Sonntagnachmittag insgesamt 16 000 Euro. Tendenz steigend.

Von Nadine Weigel

Marburg Historischer Marburg-Roman - Leben in einer dunklen Zeit
20.12.2020
20.12.2020