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Marburg 12 Trauerflaggen an der „Mercedes-Kierpacz-Straße“
Marburg 12 Trauerflaggen an der „Mercedes-Kierpacz-Straße“
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20:18 19.02.2021
Im Beisein von 150 Menschen enthüllte Künstler Alexeir Diaz ein Denkmal für die Opfer rassistischer Gewalt am Friedrichsplatz.
Im Beisein von 150 Menschen enthüllte Künstler Alexeir Diaz ein Denkmal für die Opfer rassistischer Gewalt am Friedrichsplatz.
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Marburg

Die zunächst symbolische Aufstellung soll gewissermaßen ein Platzhalter sein für ein eventuell noch größeres Kunstwerk, das auch noch mehr Flaggen enthalten könnte. Die „Trauerflaggen“ sollen an alle Opfer des Rassismus in Deutschland und in der ganzen Welt erinnern, erläuterte der aus Kuba stammende Künstler Alexeir Diaz, der seit neun Jahren in Marburg lebt. „Wir können uns nicht den Luxus des Vergessens erlauben“, sagte Diaz vor rund 150 Teilnehmern der Auftakt-Kundgebung am Friedrichsplatz.

Den Auftrag bekam er von der Marburger „Plattform solidarität simdi“. Sie hat sich laut Dibara Bingöl von der „DIDF-Jugend Marburg“ zum Ziel gesetzt, am Friedrichsplatz in unmittelbarer Nähe der Bismarckstraße ein Mahnmal für alle rassistisch verfolgten Menschen zu errichten.

Petition an die Stadt zur Straßen-Umbenennung

Eine zweite Forderung, die ebenfalls in einer Petition an die Stadt Marburg enthalten ist, lautet, die Bismarck-Straße in Mercedes-Kierpacz-Straße umzubenennen. „Sie war das einzige weibliche Todesopfer des Anschlags von Hanau“, erläutert Dibara Bingöl. Für einen Tag lang waren deswegen am Freitag die Namensschilder der Bismarckstraße symbolisch mit dem neuen Namen überdeckt. Zudem waren auch Gemälde aufgestellt, die alle neun Opfer von Hanau zeigten.

Cansu Budak von der Plattform „Solidarität simdi“ las vor der Mahnmal-Enthüllung die Namen aller Opfer vor. „Man kann und darf ihre Namen nicht oft genug sagen“, betonte sie. Zur Untermauerung der Forderung nach Straßenumbenennung und der Aufstellung eines Mahnmals sagte sie, dass eine Stadt wie Marburg sich offen von Rassismus abgrenzen solle und auch einen Ort der Erinnerung an die Rassismus-Opfer schaffen müsse. „Wir sind uns bewusst, dass der Rassismus damit nicht gleich aufhört. Aber wir wollen ein Zeichen setzen und Aufsehen erregen“, erläuterte sie. Das „racial profiling“ durch die Ordnungsbehörden an den Lahnterrassen nannte sie als ein Beispiel für alltäglichen Rassismus in Marburg.

Die Aktion fand am Freitag im Vorfeld der großen Kundgebung an der Marburger Stadthalle statt, aus Anlass an die neun Todesopfer des rassistisch motivierten Anschlags eines Einzeltäters vor einem Jahr in Hanau. Zahlreiche linke Gruppierungen und Ausländerinitiativen hatten dazu eingeladen, gegen Rassismus zu protestieren.

„Mit einem breiten Bündnis fordern die Initiative 19. Februar, die Angehörigen der Opfer oder konkret in Marburg die Plattform "solidarität şimdi" bereits seit langem nicht nur mit #saytheirnames den Ermordeten zu Gedenken, sondern konkret gegen Rassismus zu kämpfen“ hatte im Vorfeld im Internet geheißen.

Mahnmal für alle Opfer rechter Gewalt

Die DIDF-Jugend Marburg (Jugendverband der Föderation demokratischer Arbeitervereine) hatte bereits vor einigen Monaten eine Debatte zur Umbenennung der Bismarckstraße angestoßen und eine Petition an die Stadt Marburg auf den Weg gebracht.

Darin wird auch die Errichtung eines Mahnmals für alle Opfer von rechter Gewalt in Deutschland sowie die Umbenennung der Marburger Bismarckstraße gefordert. „Denn wir sind der Meinung, dass auch in Marburg ein Ort geschaffen werden müsse, um an diese Menschen zu erinnern sowie Gerechtigkeit zu fordern“, heißt es in der Begründung. „Es gibt, wie in vielen anderen Städten auch, Denkmäler von Kolonialisten und Sklavenhändlern. Aber ein Mahnmal für alle Opfer von rechter Gewalt gibt es nicht, das vor allem auch an die heutige Zeit erinnert und mahnt“, so die Begründung weiter. Vor der Stadthalle erfolgte am Nachmittag noch eine große Kundgebung mit rund 500 Teilnehmern, bei der zahlreiche Redner ebenfalls an die Opfer der Tat von Hanau erinnerten. „Hanau ist kein Einzelfall“ war der durchgehende Tenor der Reden. Eine Rednerin beklagte das Versagen und die Mitschuld deutscher Behörden an den Taten.

„Nie wurde zugegeben, dass wir in diesem Land ein Rassismus-Problem haben“, sagte Goharik Gareyan-Petrosjan, die Vorsitzende des Marburger Ausländerbeirates. Immerhin sei nach Hanau erkannt worden, dass es in Deutschland die gesellschaftliche Krankheit des Rassismus gebe. „Seid mutig zusammen, solidarisch und sichtbarer“, rief sie den Zuhörern zu. „Kein Vergeben, kein Vergessen, Rassismus bekämpfen“ skandierte eine Rednerin nach einem Flashmob, bei dem die Biographien der Opfer im Mittelpunkt standen.

Von Manfred Hitzeroth

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