Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Reaktorkatastrophe verändert Energiepolitik
Marburg Reaktorkatastrophe verändert Energiepolitik
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:59 11.03.2021
Mahnwache nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima am 14. März in Marburg.
Mahnwache nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima am 14. März in Marburg. Quelle: Michael Hoffsteter/Archiv
Anzeige
Marburg

Wie Tschernobyl in der Ukraine wird auch der Name der japanischen Stadt Fukushima auf ewig mit einer Nuklearkatastrophe verbunden sein. Am 11. März 2011 um 14.47 Uhr (Ortszeit) begann mit einem Erdbeben und einem anschließenden Tsunami die Reaktorkatastrophe in Fukushima.

Betroffen waren vier der sechs Reaktorblöcke, in den Blöcken eins bis drei kam es zu Kernschmelzen, bei denen große Mengen an radioaktivem Material freigesetzt wurden, die Luft, Böden, Wasser und Nahrungsmittel in der Region verseuchten. Bis zu 150.000 Einwohner mussten das Gebiet vorübergehend oder dauerhaft verlassen.

Weltweit sorgte die Katastrophe für Entsetzen. Überall in Deutschland – auch im Raum Marburg – protestierten sehr schnell Atomkraftgegner. Es gab Mahnwachen und Demonstrationen in Marburg, Gladenbach und anderen Gemeinden.

In Deutschland ordnete Kanzlerin Angela Merkel, selbst Physikerin, umgehend eine Überprüfung der deutschen Atomkraftwerke an, auch wenn sie und der damalige Vizekanzler Guido Westerwelle (FDP) noch am 12. März betonten, jetzt sei nicht die Zeit, über die Frage der Laufzeiten neu nachzudenken.

1.200 Menschen auf der Straße

Merkel betonte jedoch schon damals: „Deutschland kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.“ Denn mit einem Schlag wurde daran erinnert, dass selbst die vermeintlich sichersten Atomanlagen der Welt nicht gegen Natur-Gewalten wie Erdbeben oder Tsunamis gefeit sind.

Und anders als bei Tschernobyl 25 Jahre zuvor wurde die Welt durch Live-Bilder Zeuge der Katastrophe vom 11. und 12. März 2011. Das Datum markiert einen Wendepunkt in der deutschen Energiepolitik.

In Marburg gingen bereits am Montag, 14. März, rund 1.200 Bürgerinnen und Bürger gegen Atomkraft auf die Straße. „Atomenergie ist ein tödliches Risiko: Die sofortige Abschaltung aller Atomkraftwerke weltweit ist die einzig sichere Lösung“, forderte Gunter Kramp vom Anti-Atom-Plenum Marburg, dem Organisator der Marburger Mahnwachen, die regelmäßig stattfinden sollten.

Im japanischen Katastrophen-Kernkraftwerk Fukushima im März 2011. Das Kraftwerk war am durch ein schweres Erdbeben und einen anschließenden Tsunami stark beschädigt worden. Quelle: EPA/TEPCO

Plenumsmitglied Sabine Altmann sagte auf dem Marktplatz: „Mit der Mahnwache wollen wir unser Mitgefühl mit den Menschen in Japan ausdrücken.“ Und Alexander Sasse vom Plenum erklärte: „Wir wollen verhindern, dass so ein Vorfall nochmal vorkommt. Wir wollen den Atom-Ausstieg – sofort.“

Eine Woche später, am 21. März, demonstrierten in Marburg wieder rund 1.000 Atom-Gegner unter dem Motto „Fukushima ist überall“. Mit einer Schweigeminute gedachten sie der Opfer in Japan. Der Demonstrationszug führte vom Elisabeth-Blochmann-Platz über die Weidenhäuser Brücke, vorbei an der Alten Universität hinauf zum Marktplatz. Mit immer lauter werdenden „Abschalten“-Rufen und Trillerpfeifen zog die Menge durch die Oberstadt.

„Wir sind betroffen und besorgt über Japan“, sagte Merle Drusenbaum vom Anti-Atom-Plenum Marburg. Die Demonstranten forderten, dass sich auch die Lokalpolitiker parteiübergreifend für erneuerbare Energien in Marburg einsetzen sollten.

Mahnwache in Gladenbach

Auch in Gladenbach versammelten sich am Abend gut 100 Atomkraftgegner zu einer Mahnwache auf dem Gladenbacher Marktplatz. Aufgerufen hatten die Bürgerinitiative Solarstrom Gladenbach, der BUND Ortsverein Gladenbach, Lohra, Bad Endbach, sowie Mitarbeiter des Weltladenteams Gladenbach und der Gladenbacher Pfarrer Klaus Neumeister.

„Ich finde es gut, dass sich hier so viele gegen Atomkraft engagieren“, sagte der damals 18-jährige Tobias Haufe. Er war sich sicher: „Die Menschen machen sich immer mehr Gedanken.“ „Atomkraft habe ich schon immer abgelehnt, aber Japan hat die Sache noch einmal verstärkt“, erklärte Jakob Herter. Auch am 28. März demonstrierte das Anti-Atom-Plenum in Marburg, während sich die Situation im Atomkraftwerk Fukushima weiter zuspitzte.

Kunden wollen Ökostrom

Vor dem Hintergrund der Atom-Katastrophe meldeten die Stadtwerke Marburg Anfang April 1.600 Neukunden. Es war der Fukushima-Effekt: Die Kunden wollten Ökostrom beziehen, den die Stadtwerke Marburg seit 2009 anbot. Auch der Uni-Senat entschloss sich am 12. April 2011 für mehr Öko-Strom an der Philipps-Universität.

Angesichts der gesellschaftlichen Debatte nach dem Reaktor-Unglück in Fukushima hatte sich die Juso-Hochschulgruppe entschlossen, einen bereits vor zwei Jahren im Uni-Senat gestellten Antrag zu erneuern, der damals keine Mehrheit gefunden hatte. Dieses Mal war er jedoch erfolgreich. Unterstützt wurde der erneute Antrag auch vom Allgemeinen Studierendenausschuss.

Politische Folgen der Reaktorkatastrophe

Am 14. März 2011 gab Bundeskanzlerin Angela Merkel bekannt, dass alle 17 deutschen Kernkraftwerke für drei Monate einer Sicherheitsprüfung unterzogen werden sollen. Kurz darauf fiel die Entscheidung, die sieben ältesten Kernkraftwerke Deutschlands und das AKW Krümmel vorerst abzuschalten beziehungsweise abgeschaltet zu lassen.

Die Grünen erreichten bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg 2011 am 27. März 2011 deutlich über 20 Prozent und stellten mit Winfried Kretschmann erstmals einen Ministerpräsidenten.

Am 30. Juni 2011 beschlossen Bundestag und Bundesrat mit deutlicher Mehrheit, dass die sieben ältesten deutschen Kernkraftwerke und das Kernkraftwerk Krümmel sofort stillzulegen sind, und dass alle übrigen deutschen Kernkraftwerke bis 2022 stillgelegt werden.

Von Uwe Badouin

11.03.2021
Marburg Oberbürgermeisterwahl - Leserfragen zum Thema Verkehr
11.03.2021