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Marburg 1 000 Menschen pro Tag sollen am Messeplatz geimpft werden
Marburg 1 000 Menschen pro Tag sollen am Messeplatz geimpft werden
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07:58 03.12.2020
Der Aufbau des Impfzentrums in Marburg hat gestern begonnen. Geimpft wird aber erst, wenn der landesweite Startschuss erfolgt. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Dort, wo noch im Frühjahr die Besucher des ersten Marburger Autokinos ihre Autos vor einer Großleinwand abstellen konnten, wird in den kommenden Tagen das erste Marburger Impfzentrum errichtet. Ab dem 11. Dezember dieses Jahres soll das Impfzentrum am Messeplatz aufgebaut sein, sagte Landrätin Kirsten Fründt (SPD) gestern bei einem Termin vor Ort, bei dem auch Kreisbrandinspektor Lars Schäfer als Chef des operativ-taktischen Stabs des Katastrophenschutz-Zentrums und oberster Katastrophenschützer des Kreises Auskunft über die Vorbereitungen für die logistische Mammutaufgabe gab.

Erst einmal soll das Impfzentrum in Marburg für 250 Tage lang aufgebaut sein, also zunächst bis zum 31. Juli kommenden Jahres. Die Aufgabe ist den Umständen entsprechend groß: prinzipiell alle 246 000 Bürger des Landkreises gegen Corona zu impfen.

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Der Einsatzbefehl an den Landkreis als Untere Katastrophenschutzbehörde für den Aufbau des Corona-Impfzentrums kam vom hessischen Innenminister Peter Beuth (CDU), die gesamten Kosten übernimmt die Landesregierung. Es geht schließlich um eine historische Aufgabe, die überall in Hessen bewältigt werden muss: die Impfung gegen die Corona-Pandemie. Ausgewählt dafür wurde Marburg als zentraler Standort des Kreises. Landrätin Fründt erwähnte bei dem Pressegespräch auch die gute Zusammenarbeit des Landkreises mit der Stadt Marburg, die die Fläche zur Verfügung stellt und auch dafür sorgt, dass 300 Parkplätze am Messeplatz bereit stehen. Für den Aufbau ist ein Team von Oberhessenschau-Veranstalter Andreas Kleine zuständig.

3.200 Quadratmeter Fläche

Auf einer Fläche von 40 mal 80 Metern, also auf 3 200 Quadratmetern, entsteht das Marburger Impfzentrum. Dort sollen 16 „Impfstraßen“ in drei Reihen eingerichtet werden, an denen parallel geimpft werden kann, berichtet die Landrätin. Zu jeder dieser Impfstraßen gehört dann jeweils eine Impfkabine als zentraler Bestandteil. Aber es soll auch Wartebereiche und Plätze für die Aufklärungsgespräche mit einem der Impfärzte geben sowie dafür, dass sich die geimpften Personen nach der erfolgten Impfung noch zehn Minuten in der großen Zelthalle aufhalten können, damit erste mögliche Reaktionen auf die Impfung abgewartet werden können.

Klar ist schon, dass in Hessen der von der Mainzer Firma Biontech und dem US-Pharmakonzern Pfizer entwickelte Impfstoff zum Einsatz kommen soll. Ab dem 11. Dezember kann es dann auch in Marburg mit der groß angelegten Impfaktion losgehen. Der Beginn ist, sobald der landesweite Startschuss erfolgt. Ab dem Tag X soll dann im Marburger Impfzentrum im Zwei-Schichten-System geimpft werden – und zwar pro Tag jeweils von 7 Uhr bis 22 Uhr. Das soll auch die Sonn- und Feiertag umfassen, also potenziell auch die Weihnachtsfeiertage, wie Landrätin Fründt auf OP-Nachfrage sagte.

Alle 246 000 Bewohner des Landkreises sind potenzielle Impflinge. „Wir können aber nicht genau abschätzen, wie viele Bürger sich impfen lassen werden“, sagte die Landrätin. „Wir gehen in unseren Planungen davon aus, dass sich nur rund 60 Prozent impfen lassen“, erläuterte Lars Schäfer. Vorgesehen ist, dass nach der ersten Impfung mit dem Corona-Impfstoff jeweils noch eine zweite Dosis 21 Tage später erfolgt. Pro Tag könnten 1 000 bis 1 200 Personen geimpft werden.

Mobile Impfteams

Vor allem die Organisation des Impfbetriebs stellt noch eine Art „Black Box“ dar, erläuterte Lars Schäfer. Das betreffe vor allem das „Einladungs-Management“. Für die Briefe an die potenziell zu Impfenden und die Terminvergabe ist das Land Hessen zuständig. Um mögliche „Leerstände“ oder Überlasten im Impfbetrieb muss sich dann organisatorisch das Kreis-Team kümmern.

Um den Betrieb des Impfzentrums zu gewährleisten, werden Ärzte und medizinisches Fachpersonal benötigt. „Wir sind derzeit noch auf der Suche nach Personal“ sagte Fründt. Die Landrätin zeigte sich aber zuversichtlich, dass bis zu dem geplanten Starttermin auch in Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Vereinigung die Belegschaft für diese Großaufgabe stehen werde. Mindestens 10 bis 15 Ärzte werden nach den Planungen des Landkreises benötigt, um den Betrieb des Impfzentrums in Marburg zu gewährleisten. Pro Tag dürften dem bisherigen Planungsstand nach zwischen 100 und 120 Menschen im Impfzentrum im Einsatz sein.

Zusätzlich zum Aufbau des Impfzentrums steht aber noch eine weitere Aufgabe für den Landkreis an: der Aufbau mobiler Impfteams, die mit dem Impfstoff zu den nicht-mobilen Menschen beispielsweise in den Alten- und Pflegeheimen fahren. Und noch eine Besonderheit gibt es laut Landrätin Fründt: „Das Personal der Krankenhäuser soll direkt vor Ort in den Krankenhäusern geimpft werden.“

Der Impfstoff für ganz Hessen wird übrigens in einem Zentrallager an einem geheimen Ort im Rhein-Main-Gebiet gelagert, bevor er dann auf zwischen -70 Grad und -90 Grad gekühlt an die Einsatzorte gefahren wird. In Marburg soll er dann vor dem Einsatz in einem Kühlcontainer gelagert werden, erläuterte Lars Schäfer. Für die Sicherung des gesamten Impfzentrums ist ein Sicherheitsdienst zuständig. Aber es gebe auch die Unterstützung durch die Polizei bei dieser Aufgabe, betonte Kirsten Fründt.

Von Manfred Hitzeroth

Impfstoff-Produktion

3 Milliarden Impfdosen im Kampf gegen Covid-19 – das ist das ehrgeizige Ziel, das sich Biontech mit seinen Partnern Pfizer und Fosun Pharma für das kommende Jahr gesetzt hat.

Gestern stellten die beiden Biontech-Gründer Özlem Türeci und Ugur Sahin gemeinsam mit dem für Vertrieb und Marketing zuständigen kaufmännischen Direktor Sean Marett das weitere Vorgehen bezüglich der Produktion und weltweiten Verteilung des Impfstoffs BNT162b2 während einer Online-Pressekonferenz vor. Anlass: die Zulassung des Impfstoffs in Großbritannien, wo von der kommenden Woche an mit den Impfungen begonnen werden soll.

Briten sind erste Kunden

Damit sind die Briten der weltweit erste Biontech-Kunde, in der Europäischen Union sowie in den USA soll die Entscheidung über die Zulassung ebenfalls noch im Dezember fallen. „Projekt Lichtgeschwindigkeit“ hat Biontech den Versuch genannt, möglichst schnell einen möglichst sicheren und wirksamen Impfstoff weltweit zur Verfügung stellen zu können – einen Impfstoff, von dem die Hersteller bis dato nur sagen können, dass er in 95 Prozent aller Fälle den Ausbruch der Krankheit verhindert. Ob bereits geimpfte Personen trotzdem infektiös sein können, müssen weitere Studien zeigen, wie Özlem Türeci und Ugur Sahin auf Nachfragen einräumten.

In Lichtgeschwindigkeit arbeiten seit September auch rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Marburg mit am Ziel, der Pandemie durch weltweite Impfungen die Stirn zu bieten. Biontech hatte Produktionskapazitäten von Novartis übernommen, mit diesem Schritt vergrößerte Biontech sein Personal auf rund 1 800 Mitarbeiter. „Und wir haben vor, weiter schnell zu wachsen“, sagte Sean Marett gestern.

Was bedeutet, dass zu den Produktionsstätten für BNT162b2 in Marburg, Mainz und Idar-Oberstein sowie denen des US-Partners Pfizer durchaus noch weitere hinzukommen könnten. Am ehrgeizigen Ziel für das kommende Jahr – 1,3 Milliarden Impfdosen – wird Marburg maßgeblich beteiligt sein. Geschlossen hat Biontech insgesamt bereits Verträge über 570 Millionen Dosen für die Lieferung in die EU und 13 weitere Länder in diesem und im kommenden Jahr, verbunden mit der Option auf weitere 600 Millionen Dosen.
Mindestens 60 bis 70 Prozent der Weltbevölkerung müssten – jeweils zweimal – geimpft werden, um der globalen Pandemie Herr werden zu können, bekräftigte gestern noch einmal Ugur Sahin.
Keine Frage: Langsamer als Lichtgeschwindigkeit zu arbeiten, ist bis auf Weiteres keine Option.

Von Carsten Beckmann

03.12.2020
02.12.2020