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Marburg 1 000 Kilometer gegen Rasselisten
Marburg 1 000 Kilometer gegen Rasselisten
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10:00 13.05.2019
Der Rottweiler steht nicht nur in Hessen auf der Rasseliste. Das Ehepaar Manuela und Dirk Schäfer wandert deshalb mit ihren beiden Tieren durch Deutschland. Quelle: Maren Beyer
Marburg

Wenn Manuela und Dirk Schäfer am Donnerstag, 16. Mai, mit ihren beiden Rottweilern Sina und Ares von Gemünden (Wohra) nach Marburg wandern, dann haben sie schon gut die Hälfte ihrer 1 000 Kilometer langen Tour hinter sich. Die beiden Tierschützer aus Norddeutschland wandern nämlich seit 1. Mai einmal quer durch Deutschland, um gegen die Rasselisten für Hunde zu kämpfen.

„Kein Hund kommt schon böse auf die Welt. Es ist der Mensch, der ihn durch Erziehung und Umgang aggressiv macht“, betont Manuela Schäfer. Und ihr Mann Dirk ergänzt nach den ersten Etappen: „Meine Füße halten und die virtuelle Resonanz ist super“, freut er sich. „Das Wetter könnte etwas besser sein“, sagt er lachend. Die öffentliche Diskussion wollen sie anregen, die Politiker wachrütteln.

Das versucht auch immer wieder Herbert Fischer, sachverständige Person des Landes Hessen, der seit 20 Jahren auffällig gewordene Hunde überprüft. Er ist gegen die Rasseliste. „Nicht die Rasse ist ausschlaggebend. Die meisten Listenhunde haben bei den Überprüfungen ein überdurchschnittlich gutes Verhalten an den Tag gelegt“, berichtet der Amöneburger aus seiner Praxis.

Im vergangenen Jahr hat er 14 Wesensüberprüfungen abgenommen. Davon gehörte ein Hund der Rasseliste an – ein Staffordshire Terrier, der zu einer Wiederholungsprüfung musste, die er problemlos bestanden hatte. Genauso wie die beiden Rottweiler, die sieben Mischlinge, der Hütehund, der Rhodesian Ridgeback und der Jagdhund. In 20 Jahren als Sachverständiger haben wohl lediglich sechs Hunde die Überprüfung nicht bestanden, erinnert sich Herbert Fischer, und das waren keine Listenhunde. „Wir müssen mehr aufklären – durch Vorträge, durch mehr Informationen. Denn die Behörden werden erst aktiv, wenn etwas vorgefallen ist. Prävention könnte hier aber einiges bewirken“, ist sich der Hundeexperte sicher.

Von einem Hundeführerschein, wie ihn Niedersachsen kürzlich eingeführt hat, hält er allerdings nichts. „Das ist Augenwischerei und kein Allheilmittel“, ist er sich sicher. Mit der Hundeverordnung, wie es sie in Hessen gibt, sei man auf dem besseren Weg. „Sie hat sich bewährt und dem Klientel, das wir erreichen wollten, die Stirn geboten. Die Listenhunde sind aus der Rockerszene und dem Rotlichtmilieu verschwunden. Und auch die professionellen Hundekämpfe hat man in den Griff bekommen.“

Auch die Marburger Statistik beweist, dass Listenhunde nicht auffälliger sind als alle anderen Hunderassen. Seit 2003 sind lediglich drei American Staffordshire Terrier auffällig gewesen, Spitzenreiter sind die Mischlinge. Derweil hat die Anzahl der Rottweiler hessenweit stark zugenommen. Das jedenfalls hat Heinz Baumann, Rottweilerzüchter und auch Gegner der Rasselisten, herausgefunden.

Grafik: Hessisches Innenminsterium

Im Jahr 2009 gab es im Allgemeinen Deutschen Rottweilerklub (ADRK) noch um die 60 Züchter in Hessen, die 300 Welpen pro Jahr züchteten. „Und das in kontrollierter Zucht mit zuchttauglichen Eltern was Gesundheit, Wesen und Anatomie angeht“, erklärt Heinz Baumann. Hessenweit gab es 560 Tiere. 2015 war die Anzahl der Rottweiler im Land auf 720 angewachsen, Tendenz steigend. Dem gegenüber stehen 2018 vier Würfe mit 21 Welpen. „Die kontrollierte Zucht wurde nach Einführung der Rasseliste durch unkontrollierte Zucht ersetzt. Soll das eine wirksame Gefahrenabwehr sein?“, fragt sich der Rasseliebhaber.

Und noch etwas hat die Liste bewirkt: „Hunde der gelisteten Rassen werden stigmatisiert, werden ausgeschlossen“, musste Heinz Baumann feststellen. Er wollte eine im ADRK selbst gezüchtete Hündin zum Therapiehund ausbilden. Alle Tests, alle Vorgaben habe die Hündin erfüllt – einzig weil der Rottweiler auf der Rasseliste steht, wurde dem Hessen die Ausbildung verwehrt.

Heinz Baumann würde die Einführung eines Hundeführerscheins begrüßen. „Dann gäbe es keine Willkür mehr und mehr Sachkunde.“ Das sieht auch das Ehepaar Schäfer so: „Wir halten den Hundeführerschein mit einem theoretischen und praktischen Teil für sinnvoll.“ Dabei sollten die jeweiligen Rasse­eigenschaften, Vorlieben und Bedürfnisse der Hunde eine entscheidende Rolle spielen.

Darüber wollen die Schäfers auch während ihrer beiden Etappen durch den Landkreis Marburg-Biedenkopf mit den Mitwanderern diskutieren. „Wir freuen uns auf viele Mitmenschen, die mit uns laufen. Jeder kann gerne an jeder der Stationen dazu stoßen und eine Stunde, einen Tag oder eine Woche mit uns spazieren, egal, ob mit oder ohne Hund, egal welche Rasse“, sagt Manuela Schäfer.

Am Donnerstag starten sie gegen 8 Uhr in Gemünden (Wohra), laufen dann nach ­Wohra und von dort aus Richtung Albshausen und Schwabendorf. Über den Campus Lahnberge erreichen sie gegen 18 Uhr das Tierheim in Cappel. Freitag geht es mit einigen Mitstreitern, unter anderem auch Tierheimmitarbeitern, um 8 Uhr weiter Richtung Gießen über den Hasenberg, Hassenhausen und Staufenberg. Weitere Informationen gibt es unter http://www.gegen-rasselisten.de

von Katja Peters