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Südkreis Zwei Kinder und der „alte Weidenmann“
Landkreis Südkreis Zwei Kinder und der „alte Weidenmann“
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11:58 28.04.2021
Hannah Ronzheimer (10) und Noah Dettmering (8) setzen sich für die Rettung einer alten Weide bei Ebsdorf ein.
Hannah Ronzheimer (10) und Noah Dettmering (8) setzen sich für die Rettung einer alten Weide bei Ebsdorf ein. Quelle: Ina Tannert
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Ebsdorf

​Eine gedrungene breite Krone und ein auffallend dicker Stamm, aus dem ganze Stücke herausbröckeln – diese markigen Besonderheiten machen die alte Weide am südöstlichen Rand von Ebsdorf aus. Die hat sichtlich schon so einige Attacken mitmachen müssen und nun zwei junge Unterstützer, die einen klaren Aufruf zu ihrem Schutz gestartet haben.

Die eindrucksvolle Silberweide steht seit mehr als 100 Jahren am Rande der Felder, doch gerade in jüngster Zeit hat sie anscheinend diverse Übergriffe aushalten müssen: Große Brocken Mulm (tote Holzstücke) wurden aus dem  Stamm herausgeschlagen, liegen verstreut auf der Wiese herum. Auch ein Feuer scheint die robuste Weide bereits ausgestanden zu haben, Brandspuren sind noch immer an der dicken Borke zu erkennen. Offensichtlich verursacht durch menschliches Zutun. 

Ein unmögliches Verhalten, finden die Nachbarskinder Hannah Ronzheimer (10) und Noah Dettmering (8) aus Ebsdorf, die sich für den alten Baum einsetzen: „Wir haben gesehen, dass der angezündet wurde und dass jemand draufgeschlagen hat“, berichtet Noah, der sich sehr darüber ärgert: „Das tut dem Baum doch weh.“ 

Die Schüler sind – wie schon einige Generationen vor ihnen – in der Nachbarschaft von dem „alten Weidenmann“ im Ort aufgewachsen und wünschen sich, dass der auch weiter dort steht. „Die Weide sieht so alt aus, sie soll bleiben und auch ganz bleiben“, bekräftigt Hannah.

Um dieses hehre Ziel zu erreichen, setzten sich die Kinder schon im letzten Jahr kurzerhand hin und schrieben der Gemeinde einen Brief, schilderten die Situation und baten darum, dass die doch etwas zum Schutz der Bäume unternimmt. Die Gemeinde griff das Thema auf und schaltete die Untere Naturschutzbehörde ein. Es verstrich einige Zeit, aber der Brief der Kinder brachte tatsächlich etwas Größeres ins Rollen: Nun wurde in Zusammenarbeit von Landkreis und Gemeinde eine Tafel neben der Weide aufgestellt, auf der über den Nutzen des alten Baums aus dessen eigener Sichtweise erzählt wird. Das dank des Engagements der Kinder, „die haben eine richtig gute Idee gehabt, dafür ein dickes Dankeschön“, lobt Bürgermeister Andreas Schulz die beiden.

Zuvor wurde die alte Weide genauer in Augenschein genommen, auch um die Idee zu prüfen, ob diese zum besonders geschützten Naturdenkmal ausgewiesen werden könnte: Ihr Durchmesser umfasst über einen Meter, der Baum dürfte etwas mehr als 100 Jahre alt sein, also ein echter Methusalem unter den Weiden, berichtet Uwe Krüger von der Unteren Naturschutzbehörde bei einem Ortstermin. Er hat gemeinsam mit Dr. Ursula Mothes-Wagner von der Agentur für Naturentwicklung Marburg-Biedenkopf den Baum untersucht. Und der ist zwar angeschlagen, aber weiterhin robust und trotzt allem Unbill: Der halbe Stamm ist abgestorben und bröckelt als Mulm heraus. 

Dennoch lebt der Baum und treibt munter aus. „Die Weide hat den halben Stamm einfach aufgegeben, die andere Hälfe aber ist soweit intakt“, sagt Krüger. Genügend Voraussetzungen, um den Baum zum Naturdenkmal zu erklären, gebe es allerdings nicht. Dennoch habe dieser wie auch andere morsche Bäume „einen ganz eigenen Wert“.

Damit der erhalten bleibt, dafür setzen sich die Kinder weiter ein. „Der Baum soll dort stehen bleiben, man muss dem helfen, er hilft uns ja auch“, erklärt Noah. Der Achtjährige weiß, dass der Baum nicht nur Sauerstoff spendet und CO2 ​bindet, sondern zugleich Unterschlupf für unzählige Tierarten darstellt, etwa für Weidenblattkäfer oder Eremit. „Es gibt da viele Insekten, und auch Wespen haben schon ein Nest gebaut“, erzählt Noah und zeigt die Überreste der Waben.

Dass sich die Kinder dermaßen für den Erhalt der Weide einsetzen, freut ihre Eltern ganz besonders: „Wir sind total stolz, dass sie sich solche Gedanken machen und sich getraut haben, das alles in Gang zu setzen“, verraten Noahs Eltern Karin und Dirk Dettmering bei einem Besuch an der Weide. Hannahs Mutter Birgit Ronzheimer kann dem nur zustimmen. Alle freuen sich, dass das Anliegen der Kinder ernst genommen wurde, und sie hoffen, dass die alte Weide noch viele Jahre Bestand hat. Und auch, dass sich der ein oder andere, der sie anscheinend loswerden wollte, besinnt und künftig die Finger davon lässt.

26.04.2021