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Südkreis Wittelsberg in der Steinzeit
Landkreis Südkreis Wittelsberg in der Steinzeit
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15:00 30.10.2021
Auf einem Feld bei Wittelsberg fanden Archäologen Überreste einer steinzeitlichen Siedlung.
Auf einem Feld bei Wittelsberg fanden Archäologen Überreste einer steinzeitlichen Siedlung. Quelle: Robert Hoffmann
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Wittelsberg

Die Wittelsberger haben nicht nur eine reiche Geschichte, sie beweisen auch Einfallsreichtum – das war schon vor Tausenden von Jahren so, als es die Wittelsberger so noch gar nicht gab. Dafür findige Menschen, die dort bereits vor 5000 Jahren siedelten und deren Hinterlassenschaften als Wartberg-Kultur bezeichnet werden. Das zeigen archäologische Ausgrabungen, die vor einigen Wochen auf einem Acker in Ortsnähe von Forschern der Universität Kiel durchgeführt wurden.

Sie fanden einen spätneolithischen Siedlungsplatz aus der Zeit etwa um 3000 vor Christus. Zu diesem Schluss kommt Dr. Christoph Rinne vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität in Kiel.

Er und sein Team untersuchten im September die steinzeitliche Wartberg-Siedlung nahe der mittelalterlichen Wüstung Lampertshausen bei Wittelsberg. Das Team musste sich besonders vorsichtig mit Kelle und Kratzer durch die Erdschichten buddeln, um keine der vielen Funde zu beschädigen. „Wir haben alles mit der Kelle ausgelöffelt, den gesamten Aushub gesiebt und jedes Steinchen gesammelt“, berichtet Rinne lachend im OP-Gespräch.

Eigentlich erwarteten die Fachleute Überbleibsel eines steinzeitlichen Hauses, wurden jedoch überrascht: Statt Fundament-Resten fanden sie ein wahres Sammelsurium von mehr als 2000 einzelnen Funden in bis zu 1,5 Metern Tiefe. Und das auf einer eigentlich überschaubaren Untersuchungsfläche von 18 Quadratmetern. Neben zahlreichen Scherben und Flintartefakten wurde ein Steinbeil und ungewöhnlich viel organisches Material gefunden.

Und zwar in mehreren klar durch Menschenhand entstandenen Gruben, die freigelegt wurden. Die darin gefundenen organischen Überreste können Rückschlüsse auf damals angebaute Kulturpflanzen geben. Ein völlig unerwarteter wie freudiger Fund für die Archäologen und Botaniker.

Wie genau die Siedlung in der späten Jungsteinzeit wohl einst ausgesehen hatte, lässt sich nur schwer sagen. Doch die Gruben wurden in einer zylindrischen Form gegraben, ein Hinweis, dass sie als Speicher für Getreide genutzt wurden. Mit der menschlichen Sesshaftigkeit und dem Fortschreiten des Ackerbaus entwickelte sich schließlich auch die Lagerung. Rinnes Hypothese für die Gruben: Es waren frühe Silos und zwar klug angelegte Lagerbereiche, wie sie bisher eigentlich nur vereinzelt in Süd- und Norddeutschland gefunden wurden.

Vor rund 5000 Jahren waren die Menschen zwar schon erfahren, was eine nachhaltige Lagerung angeht – die ersten mitteleuropäischen bäuerlichen Kulturen entstanden etwa 2000 Jahre zuvor – Formen der Aufbewahrung entwickelten sich aber immer weiter. Schließlich war eine lange Haltbarkeit von Lebensmitteln überlebenswichtig, „es ist kein Wunder, dass sich Menschen Tricks für die Lagerung ausdachten“, so Rinne.

In diesem Fall wurden die Silos so gestaltet, dass durch die Bauart mit geringer Öffnung nur das gelagerte Getreide an den Grubenrändern keimen konnte, so dass dieser kleine Teil den restlichen Sauerstoff veratmete. Der große Rest der Ernte lag im übrigen Kohlenstoffdioxid, blieb halbwegs steril und lange haltbar.

Das war clever wie praktisch von den Wittelsberger Urahnen. Es waren eben „hocheffektive Leute“, die immer neue Siedlungen in der Region gründeten, berichtet Rinne.

Teil eines großen Forschungsprojekts

Eine Grundlage für die aktuellen Ausgrabungen waren frühere Untersuchungen der Denkmalpflege im Jahr 1988 sowie eine große Forschungsgrabung der Uni Marburg in den 1990er-Jahren. Schon damals wurden Anzeichen einer alten Siedlung gefunden, die Grabungen jedoch nicht abgeschlossen. Das Archäologen-Team aus Kiel griff diese Arbeit auf und machte weiter. Gerade weil der Standort von besonderem Interesse ist: Eigentlich finden sich Spuren dieser Art vor allem auf Basaltkuppen. Zudem ist wenig über diese Zeitspanne bekannt, bis auf Keramik-Funde gibt es kaum Grundlagen für die Forschung. „Deswegen ist Wittelsberg so spannend“, sagt Rinne.

Gerade die Zeit des vierten und dritten Jahrtausends vor Christus war eine Zeit der großen Umbrüche in Europa, Häuserbau und Ackerbau der steinzeitlichen Menschen entwickelte sich weiter. Ebenso gab es einen deutlichen Bruch in den Bestattungsritualen, wie die europäische Megalithkultur zeigt – beeindruckende Grabanlagen, sogenannte Hünengräber, finden sich etwa in Norddeutschland. Dennoch weiß man wenig über kulturelle Besonderheiten, die damalige Besiedlung in den deutschen Mittelgebirgen.

Rinne führt daher bundesweit und darüber hinaus Ausgrabungen durch, der Siedlungsfund bei Wittelsberg zählt zu einem Teilprojekt der Uni Kiel im Forschungsbereich „Transformationen sozialer und ökonomischer Praxis im Gebiet der Deutschen Mittelgebirge während des 3. Jahrtausends“.

Die ersten Ausgrabungen hierzulande waren schon mal von Erfolg gekrönt. Nun nimmt das Botanik-Team genauere Untersuchungen des Probenmaterials vor. Zudem soll ergründet werden, welche Pflanzen damals am Standort angebaut wurden und wie lange die Siedlung Bestand hatte. Im Sommer 2022 will das Archäologen-Team wieder nach Wittelsberg kommen.

Bohrungen im Schweinsberger Moor

Auch an anderer Stelle im Amöneburger Becken waren die Forscher im Oktober unterwegs und führten Untersuchungen im Schilf des Schweinsberger Moors durch. Das Gebiet ist Teil des größten zusammenhängenden Schilfbestands Mittel- und Nordhessens. Um neue Erkenntnisse für umweltgeschichtliche Forschungen zu gewinnen, wurden von dort Bohrkerne gesichert.

Diese Arbeiten sollen neue Einblicke in die Vegetations- und Landnutzungsgeschichte in der Region liefern. Im Fokus steht auch hier vor allem der jungsteinzeitliche Zeitraum, in die auch die Wartberg-Siedlung bei Wittelsberg gehört.

Von Ina Tannert