Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Südkreis Virtuelle Spendenaktion bricht Rekorde
Landkreis Südkreis Virtuelle Spendenaktion bricht Rekorde
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:00 10.07.2020
Von der Straße ins Netz: Vater Norbert Böth und Sohn Jannik wollten dieses Jahr eigentlich gemeinsam an der Glückstour der Schornsteinfeger teilnehmen und 1.000 Kilometer radeln. Die Spendenaktion findet wegen Corona nun virtuell statt. Quelle: Ina Tannert
Anzeige
Wenkbach

Eigentlich hatte Schornsteinfeger Norbert Böth aus Wenkbach im Juni eine sportliche Höchstleistung geplant: Er wollte 1.000 Kilometer mit dem Fahrrad fahren, von Erfurt nach Lübeck, für den guten Zweck, für kranke Kinder.

Das macht er im Rahmen der bundesweiten Glückstour der Schornsteinfeger seit Jahren, es wäre seine sechste Tour geworden, dieses Jahr zum ersten Mal Seite an Seite mit Sohn Jannik. Corona machte aber der diesjährigen Spendenaktion einen Strich durch die Rechnung, zumindest was die Reise auf der Straße angeht.

Anzeige

Seit 15 Jahren radeln Schornsteinfeger aus dem ganzen Land jeden Sommer rund 1.000 Kilometer auf stets wechselnden Strecken der Republik, auf ihrem Weg verteilen sie Spendengelder aus dem letzten Jahr an verschiedenste Initiativen, Vereine der Kinderkrebshilfe und Kliniken beziehungsweise besuchen die Empfänger.

Parallel sammeln sie neue Spenden von Organisationen, Privatleuten oder Unternehmen und Sponsoren ein, um das Geld wiederum im Folgejahr verteilen zu können.

Normalerweise radeln 30 Schornsteinfeger

Das Event gilt als eine der größten von privat organisieren Spendenaktionen und erreicht wachsende Bekanntheit, alleine durch das öffentlichkeitswirksame Bild, wenn tagelang mehr als 30 Schornsteinfeger durch Städte und Kreise fahren und auf die Bedeutung der Kinderkrebshilfe aufmerksam machen.

Dieser Kreislauf wurde durch die Pandemie dieses Mal jäh unterbrochen, die Tour musste abgesagt werden: Veranstaltungen mit vielen Menschen, Besuche bei kranken, besonders anfälligen Kindern und deren Ärzten, Pflegern, Eltern, Betreuern – undenkbar. „Das wäre unverantwortlich, ein viel zu großes Risiko, auch wenn die Kinder total isoliert leben müssen, das ist schwer zu ertragen, es fehlt uns total“, erklärt Böth.

Allerdings gab das den Organisatoren Zeit, umzuplanen – denn die Glückstour findet trotzdem statt, zwar nicht auf der Straße, dafür virtuell im Internet und in den sozialen Netzwerken. Dort wird gepostet, was das Zeug hält, mittlerweile sind unzählige Beiträge und Videos auf der Vereinshomepage, bei Instagram oder Facebook zu finden, von Fahrern wie Spendern und Vertreter der rund 70 Krebshilfe-Initiativen, die sich vorstellen, auf diesem Wege auf ihre Arbeit aufmerksam machen.

Schwerpunkt der Aufrufe weggebrochen

Wie sieht es aber mit der Spendenbereitschaft aus, nun, da die Tour abgesagt wurde, durch die viele Spender auf die Aktion überhaupt erst aufmerksam wurden? Besonders prekär: Ein Schwerpunkt der Spendenaufrufe ist komplett weggebrochen.

Feste, Familienfeiern, runde Geburtstage, Hochzeiten und andere Ereignisse mit vielen Menschen im ganzen Land sind eigentlich die Orte, wo zahllose Unterstützer der Glückstour Spendentöpfe aufstellen, statt um Geschenke um einen Beitrag für kranke Kinder bitten. All das fällt wegen Corona seit Monaten aus.

Neuer Spendenrekord trotz Corona-Einbruch

Erstaunlich: Und trotzdem wurde die Spendensumme aus den letzten Jahren erneut übertroffen. Während der Tour 2019, die auch durch den heimischen Landkreis führte, wurden rund 218.000 Euro an Spenden gesammelt – dieses Jahr sind es bereits 225.000 Euro.

„Das ist Wahnsinn, dass wir trotzdem diese Summe erreichen, hätte ich nie gedacht“, ist Böth bis heute überwältigt. Seit Monaten füllt sich das Spendenkonto des extra für die Glückstour gegründeten gleichnamigen Vereins, nur stammen die Gelder diesmal zum Teil aus anderen Quellen. Allen voran sind das die Schornsteinfeger und Glückstour-Fahrer selbst.

Diese fahren teils seit Jahren mit auf der Tour, opfern dafür Urlaub und eigenes Geld, denn Kost und Logis auf der Reise bezahlen sie selbst, neben der Startgebühr von 500 Euro. Das gesparte Geld landete trotzdem im Topf, „viele Kollegen haben es einfach komplett gespendet und noch aufgestockt, um das, was wir verloren haben, auszugleichen“, berichtet Böth begeistert. Viele rundeten wie er selbst gleich auf 1.000 Euro auf, mildern damit den Einbruch ab.

Misere brachte neue Idee ins Rollen

Auch viele Unternehmen blieben trotz Corona-Einbußen im Unterstützerkreis und gaben ihren Teil dazu, lobt Böth. Darunter etwa Branchen, die nah dran sind an „ihren“ Schornsteinfegern, etwa Ofen- und Heizungsbauer. Ebenso wie verschiedene Schornsteinfeger-Verbände, darunter die Kreisgruppe der Schornsteinfegermeister Marburg-Biedenkopf. Diese stockte die diesjährige Spendensumme auf 2.700 Euro auf.

Darüber hinaus entstanden aus der Misere diverse neue Spenden-Ideen als Alternativen in Corona-Zeiten. Somit entstanden neue Verkaufsschlager: Neben dem neuen Glückstour-Trikot, das innerhalb kürzester Zeit ausverkauft war, gibt es mittlerweile den Glückstour-Wein, einen Glückstour-Honig, gravierte Grillzangen oder Fahnen zum Event. Aus jedem Verkauf fließt ein Teil in den Spendentopf. „Im ganzen Land sind neue Ideen entstanden, immer mehr Spenden kamen so bei uns an – das ist verrückt, was die Leute da geschafft haben“, freut sich Böth.

Weitere Informationen unter www.glückstour.de

Von Ina Tannert