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Südkreis Wen dieser „Wolf“ holt, ist verloren
Landkreis Südkreis Wen dieser „Wolf“ holt, ist verloren
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17:57 21.08.2020
Ein Bienenwolf vor den Röhren, in denen das Insekt seinen Nachwuchs aufzieht - oder gefangene Bienen als Beute ablegt. Foto: Martin Kraft
Ein Bienenwolf vor den Röhren, in denen das Insekt seinen Nachwuchs aufzieht - oder gefangene Bienen als Beute ablegt. Quelle: Martin Kraft
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Südkreis

Spinnen aller Art, ja selbst die gemeine Stubenfliege, mussten schon für Horrorfilme herhalten. Mutierte Riesenameisen, die schmieriges Sekret wie Pfeile abschießen, gehören auch zu den Schockmomenten auf der Kino-Leinwand.

Und die süßen Fledermäuse sind seit den drittklassigen Dracula-Filmen gebrandmarkt als böse am Hals hängende Blutsauger. Selbst in der Weltliteratur wird aus einem überdimensionierten Käfer etwas Bedrohliches oder Ekliges, wenn man nur an das grausame Ende Gregor Samsas aus Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ denkt. Die Insekten müssen ganz schön herhalten.

Und wer nervt sonst noch so? Etwa im Garten oder gerne auf der Terrasse? Natürlich: die Wespen. Eigentlich sind die aber nur neugierig, oder?

Jedenfalls kriegen sie auch ihr Fett weg im zweiten „Insektenkrimi“ von Paul Shipton und seiner ermittelnden Wanze Muldoon, als sie zusammen mit abtrünnigen Ameisen die Garten(welt)herrschaft übernehmen wollen. Auch die erst kürzlich verstorbene Schauspielerin Olivia de Havilland litt einst schwer in einem Horrorfilm unter Wespenschwärmen.

Gelähmt durch einen Stich

Doch ein Insekt, das es mitunter ganz arg treibt, blieb offenbar vom Horror-Filmgenre und von der gehobeneren Weltliteratur verschont: der Bienenwolf, zugehörig der Familie der Grabwespen. Wobei man Grabwespen durchaus auch zweideutig interpretieren kann.

Zum einen graben die Tierchen in sandigen Flächen ihre Röhren für den Nachwuchs, zum anderen stellen diese Röhren für gefangene Bienen tatsächlich deren Grab dar. Dabei werden sie dort nicht sanft zur letzten Ruhe gebettet, sondern äußerst brutal zu Tode gebracht.

In der Regel muss ein Bienenwolf nur einmal zupacken, um eine Biene zu fangen. Diese wird dann durch einen Stich gelähmt und durch Ausdrücken um ihren gesammelten Nektar erleichtert. Dann mehr oder weniger fixiert und durch Ablecken haltbar gemacht, werden sie anschließend aufgegessen.

Eigentlich Vögel im Fokus

Aufgegessen vom geschlüpften Nachwuchs des Bienenwolfs. Dabei macht das Tierchen gar nicht den Eindruck, ein Monster zu sein. Es ist einfach eine fleißige Wespe, die mitunter länger suchen muss, bis sie geeignete Böden findet, um ihre Röhren zu graben.

In den zurückliegenden Wochen ist Vogelexperte Dr. Martin Kraft viel unterwegs gewesen, unter anderem um auszuloten, wie es um die diesjährige Brut besonders schützenswerter Vögel bestellt ist. Da er auch ein ausgewiesener Insektenkenner ist, hat er immer ein Auge für die kleinen Tierchen, die irgendwo herumkrabbeln, hüpfen oder fliegen.

Da kamen plötzlich im Südkreis Bienenwölfe in sein Sichtfeld. „Das war ein wunderbares Erlebnis. Ich habe mein Handy gezückt und einige schöne Aufnahmen machen können, auch kleine Videos. Die waren gerade mit dem Bau ihrer Röhren beschäftigt und haben sich überhaupt nicht um mich gekümmert.“

In der Regel ist Kraft auch immer dafür, den Lebewesen nicht zu nahe zu kommen. Oftmals schimpft er auch mit Menschen, die für ein gutes Foto das Aufscheuchen von Tieren in Kauf nehmen. Hier, beim Bienenwolf, musste er selbst eine Ausnahme machen. Denn es handelte sich um den ersten Nachweis von Bienenwölfen im Landkreis Marburg-Biedenkopf.

1.700 Röhren auf einem Fleck

Ein offizieller Nachweis funktioniert eben nur mit einem Beweis, und da müssen schon ein paar Fotos sein, die zweifelsfrei dokumentieren, um welches Tierchen es sich da handelt. „Ich bin mir eigentlich sicher, dass der Bienenwolf schon länger im Landkreis vorkommt. Nur gab es bisher darüber noch keinen offiziellen Nachweis“, sagt Kraft.

Das darf man ihm dann schon glauben, denn er ist gut vernetzt unter Gleichgesinnten und wüsste eigentlich davon, wenn jemand einen Bienenwolf dokumentiert hätte. Eigentlich ist sein Nachweis, so Kraft, wohl nicht nur der erste für den Landkreis, sondern für ganz Mittelhessen. Nachweise gibt es bisher nur für Südhessen. „Ihr Vorhandensein ist allerdings auch ein Beweis dafür, dass es hier im Mittel wärmer wird, sonst wären sie nicht hier.“

Im Ganzen zählte Kraft an seinem Fundort, den er erst einmal nicht an die große Glocke hängen möchte, 1.700 Röhren. Und was heißt das jetzt? Müssen Imker um ihre Bienen fürchten? Honigbienen sind schließlich die bevorzugten Opfer. Da wird es wohl Verluste geben, aber sicher nicht so viele, dass es tatsächlich auffällt, meint Kraft.

Neben der Vermehrung von Schädlingen wie dem Borkenkäfer nahm Kraft in diesem Jahr aber auch einen Anstieg an nützlichen Insekten wahr. „Der April blieb eigentlich frostfrei und war so für die jetzt anstehende Obsternte ein idealer Monat.“ Neben Hummeln seien auch sehr viele Wildbienen unterwegs gewesen. Auch wenn der Sommer sich dann wieder als zu trocken präsentierte, wuchsen beispielsweise an den Apfelbäumen sehr viele Äpfel heran.

Reich gedeckter Tisch

Der Naturliebhaber glaubt, dass die zahlreichen Blühflächen, die im Kreis geschaffen wurden, mit dazu beigetragen haben, so einen reichhaltigen Insektensommer bekommen zu haben. Und damit kehrt er dann thematisch zu seinen Vögeln zurück, die aufgrund eines reich gedeckten Tisches auch sehr gute Bruterfolge zu verzeichnen haben. „Also, ich habe trotz Corona doch sehr viel Positives in diesem Jahr zu berichten“, sagt Kraft.

So habe er viele Mauersegler beobachten können. Und Braunkehlchen. „Die gab es in den 60ern, 70ern und 80ern sehr häufig, ehe sie dann plötzlich Ende der 90er-Jahre nur noch sehr selten zu sehen waren. Da ging es total abwärts mit der Population. Aber dieses Jahr habe ich viele gesehen, wie auch zahlreiche Neuntöter. Also ganz ganz toll“, gerät er sofort ins Schwärmen.

So, alle Leser, die es bis hierher geschafft haben, bekommen zur Belohnung für ihr Interesse noch ein Sonderwissen über den Bienenwolf an die Hand. Und das ist wirklich schon irgendwie schwer zu glauben, aber tatsächlich so: Das Geschlecht der Nachkommen des Bienenwolfs richtet sich nach dem Angebot des Futters in den Röhren. Liegen mehrere Bienen in einer Röhre, werden es weibliche Nachkommen, sind es weniger Tiere, werden aus den Larven später männliche Bienenwölfe.

Von Götz Schaub