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Südkreis Kleine Ortsteile: „Würde keinen abgeben“
Landkreis Südkreis Kleine Ortsteile: „Würde keinen abgeben“
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10:57 14.11.2020
Peter Eidam ist seit knapp zehn Jahren als Bürgermeister der Gemeinde Weimar tätig. Er wohnt im Ortsteil Niederweimar. Quelle: privat
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Weimar

Hätte, hätte, Fahrradkette ... Was wäre gewesen, wenn? Hinterher ist man ja bekanntlich immer schlauer. Wir halten einmal eine etwas andere Rückschau auf Entscheidungen aus der Vergangenheit, die Auswirkungen auf die Gegenwart haben und auf die Zukunft noch haben werden. Dazu ein Gespräch mit dem amtierenden Bürgermeister der Gemeinde Weimar, Peter Eidam.

OP: Herr Eidam, schön, dass Sie sich darauf einlassen wollen. Fangen wir auch gleich an. Also 2020 ist wohl an Corona gegangen. Was wäre in Weimar alles passiert, wenn uns nicht das Virus das Alltagsleben so verändert hätte?

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Peter Eidam: Na ja, Corona hat uns in der täglichen Verwaltungsarbeit grundsätzlich jetzt nicht so sehr eingeschränkt. Man kann vielleicht sagen, dass sich in Verwaltungsabläufen mal was verzögert hat, aber das würde ich nicht so dramatisch sehen wollen. Unsere oberste Priorität seit Beginn der Corona-Krise Mitte März 2020 war weiterhin, nach Möglichkeit alle Dienstleistungen für unsere Bürgerinnen und Bürger aufrechtzuerhalten. Die Verwaltung war immer offen – allerdings mussten wir den Zugang über Terminvergaben abwickeln.

Nach einer gewissen Eingewöhnungsphase hat dies bis heute gut funktioniert. Corona-spezifische Begebenheiten haben die Verwaltung seither aber auch zusätzlich außerordentlich in Anspruch genommen. Dieser sehr dynamische Prozess erforderte die tägliche Analyse der eingehenden Informationen mit anschließender Aufbereitung der Informationen und Bereitstellung über unsere Homepage und unser Mitteilungsblatt.

Zudem hat es uns sehr intensiv beschäftigt, dass wir bei den Planungen zum Kindergarten-Neubau in Roth noch immer keinen Förderbescheid vorliegen haben. Da geht es uns wie anderen Kommunen auch, wir haben alles sachgerecht und fristgerecht beantragt und jetzt müssen wir warten. Da wäre es, um was wäre wenn aufzugreifen, doch sehr schön, wenn uns das zuständige Regierungspräsidium Kassel signalisieren würde, dass der Förderbescheid kommt, wir aber schon mal weitermachen können.

Die sonstigen Bau-Tätigkeiten in der Gemeinde liefen und laufen. Die Arbeiten zum Aldi-Neubau in Niederweimar sind unübersehbar. Dazu kann ich auch sagen, dass das alte Gebäude einer neuen Nutzung zugeführt wird und sich dort ein Einkaufsdomizil entwickeln wird. Auch im Baugebiet in Niederweimar wurde kräftig gebaut. Wir haben aktuell keine Bauplätze mehr übrig. Und so wie es derzeit aussieht, werden wir in Weimar keinen massiven Einbruch bei den Einnahmen über die Gewerbesteuer zu verzeichnen haben.

Was ist mit der Salzbödebahn?

OP: Okay, also dann ist ja bis auf den noch nicht vorliegenden Förderbescheid trotz Corona alles noch im grünen oder wenigstens akzeptablen Bereich in Weimar. Ein anderes Thema: Die stillgelegte Salzbödebahn. Wie sähe wohl der Bahnhof in Niederwalgern heute aus, wäre diese Strecke nie stillgelegt worden?

Eidam: Niederwalgern war schon immer ein zentraler Ort in unserer Gemeinde und wird es auch nicht zuletzt wegen des Bahnhofs bleiben. Wäre die Salzbödebahn nie stillgelegt worden, der Bahnhof hätte heute die Aufgabe eines Knotenpunktes zu leisten. Und das hätte sicherlich auch Auswirkungen auf das Gebäude gehabt, das dann sicherlich schon samt Bahnsteig modernisiert worden wäre. So stehen wir noch vor einer Modernisierung.

Einzig positiv ist, dass die Gemeinde ihren finanziellen Anteil am Umbau auf null drücken konnte und dafür Förderprogramme greifen. Am Anfang standen da ja mal bis zu 2,5 Millionen Euro im Raum. Die Möglichkeit, von Niederwalgern aus per Bahn in das Hinterland zu fahren, hätte heute sicherlich seine Reize wie auch umgekehrt von dort über die Bahn Anschluss nach Frankfurt oder Kassel zu bekommen. Die Reaktivierung der Strecke kann ein Projekt mit guter Zukunft sein.

OP: Die Einrichtung der Jugendpflege, wie wir sie heute kennen, hing einst an einem seidenen Faden im Parlament. Wenn nicht ein CDU-Fraktionsmitglied „fremdgegangen“ wäre, wäre sie abgelehnt worden. Wie hätten sich die Ferienspiele entwickelt, wenn das passiert wäre?

Eidam: Das will ich mir aus heutiger Sicht gar nicht vorstellen. Und zum Glück muss ich das auch nicht. Wir wissen auch, dass mittlerweile alle Fraktionen im Parlament überzeugt von unserer Jugendpflege sind. Sie ist ein Aushängeschild. Ihre Arbeit ist ein ganz wichtiger Bestandteil in der Lebenswelt unserer Familien mit Kindern. Sie vertrauen auf unsere Angebote und planen auch fest damit.

Unsere Jugendpflege ist nicht wegzudenken. Natürlich haben wir in Marcus Ott auch einen hervorragenden Jugendpfleger, der sich immer mit Herzblut einbringt und auch das Freizeitheim Nesselbrunn auf einen guten Weg gebracht hat. Gerade in der Corona-Zeit konnte er sich darauf nochmal konzentrieren.

Wie wichtig waren die neuen Straßen?

OP: Glauben Sie, die Gemeinde Weimar würde heute finanziell besser dastehen, wenn sie nicht 1974 mit so vielen kleinen Ortsteilen wie Allna, Weiershausen und Nesselbrunn, sagen wir mal provokant „belastet“ worden wäre, die allesamt über eigene Feuerwehren und Bürgerhäuser verfügen?

Eidam: Ja, kleine Ortsteile haben wir ja noch mehr mit Kehna und Stedebach. Aber sie alle gehören zu Weimar und machen die Großgemeinde Weimar mit aus. Ganz ehrlich, ich möchte keinen Ortsteil irgendwohin abgeben. Selbst wenn sich daraus ein finanzieller Spielraum ergeben könnte. In diesen Orten wird viel in Eigenleistung erledigt.

Und wer aufmerksam durch unsere Gemeinde fährt wird feststellen, dass Bürgerhäuser und die Feuerwehr oftmals eine Einheit bilden und eine Treffpunkt-Funktion in unseren Dörfern haben. Es muss unsere Aufgabe sein, beide Einrichtungen in den Orten zu halten, weil sie eine wichtige Funktion für das Gemeinschaftsgefühl haben. Das darf keine Frage nach rentabel und unrentabel werden.

OP: Wo stände Weimar heute, wenn es keinen zweispurigen B-3-Lückenschluss, keine B-255-Ortsumgehung für Niederweimar und Oberweimar sowie keinen „Seepark“ und keine „Zeiteninsel“ gäbe?

Eidam: Wohl nicht so gut wie mit den genannten Themenfeldern. Aber sicher auch nicht so schlecht. Denn eines bleibt unbestritten, das ist eben die attraktive Lage zwischen zwei Universitätsstädten. Und in Sachen Mobilität sind viele Orte über flache Strecke auch leicht mit dem Fahrrad zu erreichen.

Der Seepark hat sich zu einer Freizeitattraktion entwickelt, führt üblicherweise viele Menschen zusammen, von den wir auch in Weimar profitieren. Auch Weimarer profitieren von der Möglichkeit, in einem See schwimmen zu dürfen. Über die Herausnahme des überregionalen Verkehrs aus unseren Dörfern muss ich nichts sagen, außer dass es gut so ist. Und die Zeiteninsel hat als touristische Attraktion als Lehr- und Lernort noch einmal einen ganz besonderen Stellenwert.

Das wird sicher noch deutlicher werden, wenn erst einmal das Besucherzentrum gebaut wurde. Für die Verwaltung bedeutet die Zeiteninsel zwar auch Mehrarbeit, weil wir für die ganzen Ausschreibungen zuständig sind. Aber mit dieser Arbeitsleistung bringen wir das Projekt gerne mit nach vorne.

OP: Und was wäre gewesen, wenn Sie vor zehn Jahren nicht zum Bürgermeister der Gemeinde Weimar gewählt worden wären? Wer wären Sie heute?

Eidam: Ich glaube, persönlich bin ich mir treu geblieben. Ich wäre und bin kein anderer Mensch geworden. Natürlich hätte ich beruflich eine andere Aufgabe, wahrscheinlich wäre ich in meinen ursprünglichen Beruf geblieben, aber das wäre wohl schon auch der ganze Unterschied zum hier und jetzt.

Von Götz Schaub