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Südkreis Was vom Leben die Kirche interessierte
Landkreis Südkreis Was vom Leben die Kirche interessierte
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11:58 29.08.2020
So sieht die gebundene Ausgabe von Herbert Merkels Buch aus. Quelle: Götz Schaub
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Niederwalgern

Dorftratsch – wann wird der eigentlich noch zum Besten gegeben? Die Milchbänke und Spinnstuben als Hauptumschlagsplätze sind schon lange Vergangenheit und die spontanen Treffen beim Autowaschen auf der Straße bei Flaschenbier und Fußballreportagen aus dem Radio auch nur noch Kindheitserinnerungen.

Wie auch die Dorfkneipe, weil man sich offenbar zu fein wurde, dort auf ein Feierabendbier hinzugehen. Oder wurde einfach nur mit der Zeit die Zeit knapper, kam man einfach zu spät nach Hause, und war einfach zu müde, um noch Neuigkeiten austauschen zu wollen?

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Also, wer im 17. oder 18. Jahrhundert zufällig Zugang zu Kirchenbüchern hatte, der konnte sich sicher sein, bestes Tratsch-Material zu erhalten, denn was da Pfarrer so alles aufschrieben, eignete sich bestens dafür, sich die Mäuler zu zerreißen auf Kosten anderer. Herbert Merkel aus Niederwalgern hat für sein Buch „Die Kirche war allgegenwärtig“ viele Beispiele recherchiert, wie sehr Pfarrer Einfluss nahmen auf das Leben der Menschen in den früheren Jahrhunderten. Richten wir einfach mal den Blick auf Frauen auf dem Lande und schicken uns jetzt ins Jahr 1697.

Ja, Frauen auf dem Lande hatten es sehr schwer, erst recht, wenn sie schwanger wurden und der Kindsvater nicht zweifelsfrei der Ehemann war. Frauen, die nicht verheiratet waren und schwanger wurden, waren für Pfarrer offensichtlich alles Huren, wahlweise Dirnen.

Für die an der „Sache“ beteiligten Männer gab es offensichtlich keinen schmähenden Ausdruck. Als Frau hatte man seinen Platz, wer davon aufstand und sich nur ein bisschen fortbewegte, musste damit rechnen, zu den Gefallenen der Gemeinschaft zu gehören. Und so reichte es auch aus, was die Männer sagten, um ein Urteil über den Lebenswandel der Frau zu fällen und im Kirchenbuch niederzuschreiben.

So gab es einst 1697 eine Witwe Sibylla in Niederwalgern, die drei Kinder hatte. Sie stand allein im Verdacht mit einem Mann eine Beziehung gehabt zu haben, der aber schlecht über sie redete und sich beschwerte, dass sie immer wieder mit fremden Leuten herumgelaufen sei und „ein Hur Getechtel“ gehalten habe. Als sie dann doch wieder schwanger wurde, hieß es nur, sie habe „so viel Hurerey“ getrieben, dass sie fortziehen musste.

Ach, es gab doch Unterschiede 1697. Da hatte die Pfarrerstochter aus Oberweimar schon 14 Jahre in „wilder Ehe“ gelebt und gar einen Sohn bekommen. Diese Frau wurde nicht als „Hure“ bezeichnet, sie lebte mit ihrem Geliebten nur in „Unehre“ zusammen, doch ließen sich die beiden tatsächlich nach diesen 14 Jahren trauen. Und alles war gut. Nur ein Jahr später, 1698, musste hingegen ein anderes Paar seine Trauung teuer erkaufen. Diese „wilde Ehe“ war dann von weiblicher Seite aus wieder „Hurerei“, und den Segen zur Ehe gab es nur gegen eine Zahlung von schlappen fünf Gulden – „welche Sie also balt nicht bahr bezahlen können ihrer Armuths halber“. Ja, da zeigte der Pfarrer keine mitfühlende Milde, sondern Härte, sie mussten es sich ihr eheliches Glück zuvor vom Mund absparen.

Wer Lust bekommen hat, einmal selbst zu lesen, was früher in heimischen Kirchenbüchern stand, kann ja mal einen Blick in Merkels Buch werfen, das unter dem Titel „Die Kirche war allgegenwärtig“ 2018 unter Books on Demand (www.bod.de) erschienen ist. Es trägt die ISBN-Nummer 978-3-74-60-9822-7 und ist auch als E-Book erhältlich.

Von Götz Schaub